Stuttgarter „Sniper-Tatort“

Gibt es auch bei uns Heckenschützen?

Der Stuttgarter „Tatort“ erzählte von einem Heckenschützen und machte den Terror durch eine „subjektive Kamera“ spürbar: Gleich das erste Opfer erlebt der Zuschauer durch die Perspektive des Zielfernrohrs.
+
Der Stuttgarter „Tatort“ erzählte von einem Heckenschützen und machte den Terror durch eine „subjektive Kamera“ spürbar: Gleich das erste Opfer erlebt der Zuschauer durch die Perspektive des Zielfernrohrs.

Der neue „Tatort“ mit Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) begann als klassischer Heckenschützen-Thriller, denn die Kommissare mussten eine hochprofessionelle Täterin jagen, die in Stuttgart Menschen erschoss. Doch wie oft gab es bereits echten Sniper-Alarm in Deutschland?

Der Stuttgarter „Tatort“ wandelte auf Thrillerpfaden, ehe die Handlung in Hälfte zwei doch noch von einem psychologischen Drama abgefangen wurde. Nichtsdestotrotz war „Du allein“ ein hochgradig spannender Fall, der die beschauliche Schwaben-Metropole mit einem Heckenschützen-Problem konfrontierte. Das glaubte man bislang nur aus den USA zu kennen. Doch sind „Sniper“-Verbrechen in Deutschland und Europa wirklich völlig unbekannt?

Worum ging es?

Das Zielfernrohr eines Präzisionsgewehres schaut von hoch oben über belebte Stuttgarter Straßen und Plätze. Das erste Opfer ist eine Journalistin, die auf offener Straße erschossen wird. Der Mord wurde per Schreiben an die Polizei angekündigt. „1“ stand auf dem Brief, ebenso wie auf der Patrone. Bald erreicht eine Geldforderung über drei Millionen Euro die Ermittler. Sollte nicht gezahlt werden, will der Täter einen zweiten Menschen dran glauben lassen. Hochkonzentriert beginnen Lannert und Bootz, die Unterstützung vom Landes- und Bundeskriminalamt erhalten, mit der Arbeit. Von der Politik, die eine Panik in der Stadt verhindern will, werden die Kommissare sowie Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera in ihrem letzten Stuttgarter „Tatort“-Auftritt) dabei durchaus unter Druck gesetzt.

Worum ging es wirklich?

Wie im Genre-Thriller üblich, gilt erst mal ein „What you see, is what you get“. Das spannende Katz-und-Maus-Spiel zwischen Täter/Erpresser und der Polizei steht erst mal zu einhundert Prozent im Dienste des Nervenkitzels. Dabei gelang dem Schwaben-Sniperfilm der Aufbau einer konzentrierten, weil sachlich und ohne billige Effekte inszenierten Spannung. Dass Drehbuchautor Wolfgang Stauch (er schrieb den grandiosen, im Mai 2019 gesendeten Stuttgarter „Tatort: Anne und der Tod“) die Geschichte gegen Mitte des Films in ein liebesenttäuschtes Schuld- und Sühne-Drama umwandelte, über diesen „Move“ lässt sich streiten. Einerseits ist die Geschichte nicht schlecht ausgedacht, andererseits musste der Zuschauer den Bruch der Handlung, auch dass das Drehbuch die Täterin fast beiläufig „enttarnt“, erst einmal mitgehen.

Gab es schon Sniper-Fälle in Deutschland?

Normalerweise kennt man Sniper-Geschichten aus den waffenverseuchten USA. So töteten die „DC Sniper“ - Lee Boyd Malo, damals 17 Jahre alt, und John Allen Muhammad, damals 41 - im Jahr 2002 zehn Menschen in der amerikanischen Hauptstadt. Doch auch in Europa werden immer wieder mal Heckenschützen gejagt. So zum Beispiel ein deutscher LKW-Fahrer, der 2014 zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, weil er wiederholt, während der Fahrt, auf andere LKWs geschossen hatte. Dabei wurden zwei Menschen lebensgefährlich verletzt. Als Grund für seine Tat gab der Verurteilte vor Gericht an, dass auf deutschen Autobahnen ohnehin „Krieg“ herrsche. „Ich habe meist mit links gelenkt und mit rechts geschossen“, erzählte er. Der Mann aus der Eifel schoss insgesamt etwa 750-mal auf andere Fahrzeuge. Angeblich wollte er nur die Ladung treffen. In seiner Firma galt Michael K. als einer der zuverlässigsten Fahrer.

Wer war die Mörderin?

Schauspielerin Katja Bürkle ist gebürtige Stuttgarterin, lernte ihr Handwerk an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs und spielte auch am Stuttgarter Staatstheater. 2002 kürte sie die Zeitschrift Theater heute zur „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“. Bis heute ist die 42-Jährige vor allem an deutschen Edelbühnen zu Hause, wo sie mit vielen Hauptrollen betraut wird. 2008 wechselte sie an die Münchner Kammerspiele, 2017 ans Residenztheater München. Im Fernsehen ist sie unauffälliger, brilliert aber immer wieder in pointierten Nebenrollen. So spielte sie im ersten neuen „Polizeiruf 110“ aus München mit Verena Altenberger („Der Ort, von dem die Wolken kommen“, 2019) die Psychologin. Auch in insgesamt sechs „Tatort“-Krimis war Bürkle bereits zu sehen. Zuletzt im Furtwängler-Kasumba-Fall „Krieg im Kopf“, der am 29. März 2020 Premiere hatte.

Welche „Tatort“-Darstellerin sagte leise „tschüss“?

Carolina Vera - als Staatsanwältin Alvarez immerhin seit Start des Teams 2008 dabei - hatte in diesem „Tatort“ ihren letzten Auftritt. Die 47-jährige Schauspielerin gibt ihre Serienrolle freiwillig auf. Da Veras Entscheidung von ihr erst nach dem Dreh von „Du allein“ verkündet wurde, konnte das Drehbuch nicht auf diesen Entschluss reagieren. Die Macher des Stuttgarter „Tatort“-Standortes planen, ihre langjährige Mitarbeiterin per Drehbuch im Nachhinein zu verabschieden. Vor der Kamera wird es aber wohl kein Wiedersehen geben.

Wie geht es beim Stuttgarter „Tatort“ weiter?

Der nächste Fall von Lannert und Bootz trägt den Arbeitstitel „Der Welten Lohn“. Er wurde von Boris Dennulat („Wer rettet Dina Foxx“) geschrieben und ist unter der Regie von Gerd Schneider („Verfehlung“) entstanden. Gegenwärtig befindet sich Fall 26 in der Postproduktion. Er wird nach der „Tatort“-Sommerpause im Herbst zu sehen sein. Gegenwärtig dürfte die ARD über jeden bereits abgedrehten „Tatort“ froh sein. Wie man hört, könnte es aufgrund des Corona-Lockdowns bereits im Herbst 2020 oder - wie andere Stimmen behaupten - erst Anfang 2021 zu Engpässen in Sachen „Tatort“-Erstausstrahlungen kommen.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare