„Welt auf Abstand“

Getrennt und doch vereint: Diese Corona-Doku setzt auf große Emotionen rund um den Globus

Es sind seltene Momente der Zweisamkeit: Die argentinische Tangotänzerin Corina Herrera übt mit ihrer Tanzpartnerin, unterrichtet aber per Zoom. Das Beispiel aus Buenos Aires ist eines von vielen in der Doku "Welt auf Abstand (Mittwoch, 9. Dezember, 21.50 Uhr, ARTE), das zeigt, wie Menschen weltweit mit der Coronakrise umgehen.
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Es sind seltene Momente der Zweisamkeit: Die argentinische Tangotänzerin Corina Herrera übt mit ihrer Tanzpartnerin, unterrichtet aber per Zoom. Das Beispiel aus Buenos Aires ist eines von vielen in der Doku "Welt auf Abstand (Mittwoch, 9. Dezember, 21.50 Uhr, ARTE), das zeigt, wie Menschen weltweit mit der Coronakrise umgehen.

Es ist ein Jahr im Ausnahmezustand, ein Jahr der Gegensätze: Corona veränderte 2020 die Welt. Eine ebenso aufwendige wie emotionale Doku auf ARTE zeigt, wie Menschen von Buenos Aires bis Melbourne mit der Pandemie und ihren Begleiterscheinungen umgehen.

Es sind Impressionen von beeindruckender Ruhe und Schönheit. Vor diesem Schicksalsjahr kannte man beinahe ausschließlich Bilder, auf denen es auf dem New Yorker Times Square von Menschen wimmelt. Nun leuchten die riesigen bunten Reklametafeln nahezu exklusiv für eine einsame Touristin, die mit Mundschutz ein Foto schießt. Statt des gewohnten Gedränges an den Türen der Pariser Métro sorgt die Corona-Pandemie für leere Waggons, eine Frau mit Kamera schlendert über den verwaisten Markusplatz in Venedig. Der eindrucksvolle Dokumentarfilm „Welt auf Abstand - Reise durch ein besonderes Jahr“ (Mittwoch, 9. Dezember, 21.50 Uhr, ARTE) der beiden Regisseure und Autoren Jobst Knigge und Cristina Trebbi unterstreicht zwar mit zahlreichen vergleichbaren Bildern, welche Zäsur das Corona-Jahr 2020 bedeutet, rückt aber menschliche Einzelschicksale rund um den Globus in den Mittelpunkt.

„Wir wollten nur das Gefühl erzählen“, beschreibt Jobst Knigge den Ansatz des aufwendigen Films, deren zahlreiche Protagonistinnen und Protagonisten rund um den Globus ihre ganz individuellen Geschichten selbst erzählen. Denn die Corona-Pandemie wirbelte den Alltag der Menschen auf der ganzen Welt durcheinander und machte 2020 zu einem Jahr der Gegensätze: Aufkeimende Hoffnung weicht Verzweiflung und umgekehrt. Existenzen zerbrechen, während sich die Natur erholt. Menschen halten räumlichen Abstand und vermissen sich schmerzlich - und rücken doch bisweilen näher zusammen. Den Filmemachern ist eine Doku der großen Emotionen gelungen. Wenn die Großeltern in Melbourne den Geburtstag ihrer Enkel nur hinter der Glasscheibe mitfeiern dürfen, lässt das niemanden kalt. Auch der Enthusiasmus eines Hamburger Schuldirektors, der alles daran setzt, auch mit Abstand ein Gefühl von Gemeinsamkeit zu erzeugen, verfehlt seine Wirkung nicht.

Nun handelt es sich hierbei um zwei vergleichsweise kleinere Probleme, vergleicht man sie etwa mit der Krankenschwester, die in einer Favela in Rio de Janeiros entscheiden muss, welcher Patient das möglicherweise rettende Medikament gegen Covid-19 erhält - und welcher nicht. Quarantäne ist im Armenviertel Rios ebenso wenig möglich, wie in Kolumbien. „Isolation ist ein Privileg“, lautet demnach auch das Fazit von Co-Regisseur Knigge. Eine große Stärke des Films ist, dass er die Geschichten aus unterschiedlichen Kulturen für sich sprechen lässt und keine Wertung vornimmt. Auf eine Off-Stimme wird ebenso verzichtet, wie auf die Einordnung der Maßnahmen oder darauf, den Stab über diejenigen zu brechen, die diese nicht einhalten.

Tanzen lernen und scheiden lassen per Zoom-Konferenz

Isolation bedeutet in diesen Krisenzeiten Gesundheit, bleibt aber dennoch ein belastender Zustand - und sorgt für Situationen, die man vor Corona noch als bizarr bezeichnet hätte. Gerade erst hat eine junge Frau ihre Chemotherapie überstanden und freut sich darauf, wieder am Leben teilzunehmen, da muss sie schon wieder in Quarantäne. Auf der anderen Seite des Atlantiks klagt ein New Yorker nicht nur über fehlenden zwischenmenschlichen Kontakt, sondern sah sich gezwungen, seine unterschriebenen Scheidungspapiere bei einer Zoom-Konferenz in die Kamera zu halten.

Überhaupt zeigt die Doku, was trotz offensichtlicher Abstriche über Videochatting ermöglicht wird. In Buenos Aires findet die Tango-Stunde ohne Berührung statt, die Teilnehmer drehen ihre Kreise vor den heimischen Laptops. In Japan unterrichtet ein Mönch Zen-Meditation per Zoom und kümmert sich um Suizid-Gefährdete. Nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch wird der Film von Kontaktbeschränkungen dominiert. Denn auch Autor Jobst Knigge musste den Großteil seiner Arbeit an Laptop und Telefon erledigen: „Ich bin es sonst gewohnt, dass ich um die Welt reise und die Leute selber treffe.“ Stattdessen kontaktierten er und Cristina Trebbi ihnen teils bekannte, teils unbekannte Producer, welche die Arbeit vor Ort übernahmen. Für die von SPIEGEL TV produzierte Dokumentation wurde sogar eine australische Protagonistin auf Instagram kontaktiert.

Sowohl vor als auch hinter der Kamera sendet „Welt auf Abstand - Reise durch ein besonderes Jahr“ also die Botschaft: Die Menschen sind anpassungsfähig. Und von Kapstadt über Bangalore bis Berlin kämpfen alle mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die tückische Krankheit Covid-19 und deren teils katastrophale Begleiterscheinungen wie wirtschaftlicher Ruin und Einsamkeit. Oft traurig, manchmal resigniert, aber nie hoffnungslos.

teleschau

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