25 Jahre „37°“ im ZDF

„Geschichten von Menschen“: Warum ein ZDF-Format seit 25 Jahren Furore macht

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Erwin und Agnes haben beschlossen, ihren Lebensabend auf einem Bauernhof zu verbringen. Sie sind die Protagonisten einer neuen „37°“-Reportage. Die honorige ZDF-Reihe wird seit 25 Jahren ausgestrahlt, die Beiträge punkten auch heute noch mit dem Anspruch, den Menschen und ihren persönlichen Geschichten möglichst nahe zu kommen.

Die Sozialreportagen aus der „37°“-Grad-Reihe zählen zum Besten, was das deutsche TV auf einem Themenfeld zu bieten hat, das sich dem Kampf um Oberflächlichkeit und schnelle Einschaltimpulse konsequent entzieht. Und das seit 25 Jahren mit beachtlichem Erfolg.

Was sich bewährt, das bleibt: Das ZDF feiert 25 Jahre „37°“ - eine Fernsehmarke, die im hektischen medialen Wirrwarr heutiger Tage fast anachronistisch wirkt, aber nie an Relevanz eingebüßt hat.

Dass man sich als Zuschauer mit den traditionell am Dienstag auf dem 22.15-Uhr-Sendeplatz ausgestrahlten Reportagen bei einem ganz besonderen Format wiedergefunden hat, macht schon die stets aufs Neue faszinierende, nur einmal kurzfristig abgeänderte Eingangssequenz deutlich. „Es begann mit einem ungewöhnlichen Vertrauensbeweis“, erinnert sich Professor Peter Arens, Leiter der Hauptredaktion „Geschichte und Wissenschaft“ beim ZDF, der natürlich auch für das Jubiläum steht. „Gefeiert“ wird es mit einer dreiteiligen Reihe unter dem Hashtag-Titel „#wasunsbewegt“ - los geht es am Dienstag, 8. Oktober.

„Es sollte eine neue Reportagereihe im ZDF geben mit dem eigentümlichen Titel '37°“, blickt Arens auf die Anfänge eines Erfolgsformats zurück, mit dem das ZDF dem Kern-Anspruch öffentlich-rechtlicher Information voll gerecht wird. „Junge Talente aus Redaktion, Kamera, Schnitt und Grafik sollten den Vorspann dazu produzieren, mit mir als Regisseur. Unsere Idee war, analog zum Titel '37°' (damit war die leicht erhöhte Körpertemperatur als Metapher für eine existentielle Lebenssituation gemeint) menschliche Haut jeder Spezies und jeden Alters in Makro-Aufnahmetechnik zu filmen“, erinnert sich Peter Arens. „Ein Wochenende lang luden wir ausgewählte Vertreter des Homo sapiens in die ZDF-Tricktechnik ein und fuhren supernah mit der Kamera an Gliedmaßen und Augen vorbei. Ziemlich abgefahren“, so der verantwortliche Fernseh-Manager. „Daraus ging ein expressiver Vorspann hervor (denn nicht jede Epidermis in groß ist ein ästhetischer Genuss), veredelt durch das 19-sekündige Musikintro von 'Money For Nothing' von den Dire Straits.“

Bis jetzt ist Peter Arens enorm stolz auf das Vorzeigeformat mit dem klar wiederzuerkennden Marken-Intro. „Heute würden die wenigsten Marketingentscheider eine solch eigenwillige Ästhetik noch zulassen, doch dieser Vorspann junger Wilder behauptete sich über spektakulär viele Jahre, wurde kurz abgelöst von einem glücklosen Nachfolger, dem wiederum der Klassiker von heute gefolgt ist.“

Immer nahe dran an den Menschen

Den Charakter der Sendungen, die sich stets mit brennenden Themen einer Wohlstandsgesellschaft befassen, die innerlich doch oft zerrissen wirkt und die die Schwachen oft zu übersehen droht, beschreibt Arens wie folgt: Es sollte „entlang der Fieberschwelle des Menschen ein neues Fernsehen entstehen, das über die strenge politische Betrachtung der Gesellschaft hinaus mehr Kultur, mehr Leben, mehr Mensch spiegelt“. Tatsächlich bleiben die „37°“-Einzelfilme, die sich stets ein Thema vornehmen, sehr nah dran an ihren Protagonisten, nehmen sich Zeit für ihre Sorgen und sind oft als Langzeitbeobachtungen angelegt, was für die Filmemacher ein Höchstmaß an Rückendeckung durch die Redaktionen voraussetzt.

Den Einwand, dass mit spröden, oft auch unangenehmen oder beklemmenden Themen etwa über Altersarmut, Krankheit oder Leben mit Behinderungen kaum Publikum zu finden ist, können die Verantwortlichen der „37°“-Reihe mittlerweile stolz kontern. „Mit durchschnittlich 2,3 Millionen Zuschauern ist '37°' wohl die erfolgreichste Reportagereihe im deutschen Fernsehen geworden“, sagt Peter Arens.

Und der ZDF-Mann möchte auch auf dem Weg zum nächsten Jubiläum nicht nachlassen in der Intensität der Berichte. „Unser Format musste an Format gewinnen, weil unsere Gesellschaft fiebriger, brüchiger geworden ist“, so der Hauptverantwortliche für Geschichte und Wissenschaft im Sender. „Die Diskrepanz, die niemandem guttut, ist größer geworden: zwischen Reich und Arm, Gebildet und weniger Gebildet, Jung und Alt, Stadt und Land, Abendland und Morgenland. Und manche politischen Kräfte haben ein Interesse daran, die Verhältnisse weiter zu spalten.“

Über den anhaltenden Erfolg der Reihe freuen sich natürlich auch die unmittelbaren Sendungsverantwortlichen - auch wenn er sie gelegentlich selbst staunen lässt. „Manchmal sind wir selbst erstaunt, dass es die Sendung '37°' auch nach 25 Jahren noch gibt. Sie ist fast schon ein Dinosaurier in einer Medienlandschaft, die immer neue Formate produziert“, sagen Jürgen Erbacher, Georg Graffe und Reinold Hartmann aus der zuständigen ZDF-Redaktion. „37°' ist geblieben.“ Allerdings musste auch ihre Reihe mit der Zeit gehen. „Natürlich sind die Schnittfolgen in 25 Jahren ein wenig schneller geworden, die Geschichten werden dramaturgisch moderner erzählt, und wo früher ein Kameraschwenk den Schauplatz einfing oder den Protagonisten in der Landschaft entdeckte, fliegt heute eine Drohne“, so Erbacher, Graffe und Hartmann.

Wichtig ist den Machern aber eines: „Das Herzstück einer jeden Sendung ist davon nicht berührt worden: die Geschichten von Menschen, die Einblicke in Lebenswelten und Seelenzustände, Schicksalsschläge und Glücksmomente, die Geschichten mitten aus der Gesellschaft und von ihrem Rand, von Arm und Reich, Jung und Alt“, so die Format-Verantwortlichen beim ZDF. „Wenn '37°' erfolgreich ist, dann nach dem einfachen Grundprinzip: Menschen lassen sich durch Geschichten über andere Menschen bewegen.“

Wenn Alte nicht ins Altersheim wollen

Nach diesem Prinzip funktioniert natürlich auch die Jubiläumsreportage unter dem Motto „#wasunsbewegt“, die in drei Teilen ab dem 8. Oktober an drei Dienstagen ausgestrahlt wird. Los geht's mit einem Beitrag, der unter dem Untertitel „Bauernhof statt Altersheim - Altwerden zwischen Hahn und Esel“ von acht Senioren erzählt, die gemeinsam auf einem nicht mehr bewirtschafteten Bauernhof im Sauerland eine ungewöhnliche Lebensabend-Gemeinschaft gegründet haben. Am Dienstag, 15. Oktober, geht es ebenfalls natürlich um 22.15 Uhr mit der Doku „Nur die eine Welt! Jugendliche protestieren“ über die aktuelle Klimabewegung der Jungen im Lande weiter. Und abgerundet wird die Jubiläumsaktion am Dienstag, 22. Oktober, mit der neuen „37°“-Reportage „Schluss mit Überfluss - Von Minimalisten und Konsumverweigerern“.

Doch auch schon am eigentlichen Jubiläumstag, dem 8. Oktober, wird der Blick geweitet: Für eine lange „37°“-Nacht wiederholt das ZDF ab 0.20 Uhr acht Filme aus den vergangenen 25 Jahren. Dabei bekommt man unter anderem auch den zweiten Beitrag der Reihe, „Jenseits der Schamgrenze - Ein Mädchen wird nach Deutschland verkauft“ gezeigt. Autor Hartmut Schoen setzte sich damals - der Erstausstrahlungstermin war im November 1994 - mit dem Menschenhandel mitten in Europa auseinander. Ein Thema, das 25 Jahre später bedauerlicherweise nichts von seiner Brisanz und mit Sicherheit nichts von seiner Mit-Menschlichkeit verloren hat.

teleschau

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