Das schrecklich wahre Leben

Gerhard Polt

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Am 7. Mai wird Gerhard Polt 75. Das BR-Fernsehen feiert den großen Kabarettisten mit einem Themenabend.

Kaum einer hat die Fiesheiten des menschlichen Alltags so gut beobachtet wie Gerhard Polt. Niemand in Deutschland machte daraus überzeugendere Filme, Tondokumente und Kabarettauftritte. Am 7. Mai wird der große deutsche Humorist 75 Jahre alt.

Wer alt genug ist, um in den späten 70e-rn und 80-ern „Fast wia im richtigen Leben“ gesehen zu haben, erinnert sich an einen großen, fleischigen Mann mit viel schwarzem Haar. Einer, der - je nach eigener Herkunft - schwer verständliches Bairisch im ersten Fernsehprogramm sprach und in dessen Sketchszenen schlimme Dinge passierten. Ein Betrunkener wurde im Feierabendzug erniedrigt, ein Miet-Nikolaus in der Hochhaussiedlung oder ein Kind beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Eigentlich ging es ziemlich oft ums Quälen von Menschen in jener zwölfteiligen Fernsehserie, die aus einzelnen Sketchen bestand. Und doch konnte man den Blick nicht abwenden von Szenen, die so echt und grausam wirkten, dass sie mit dem leutseligen TV-Programm jener Zeit wenig gemein hatten. Zwölf Episoden „Fast wia im richtigen Leben“ produzierte der Bayerische Rundfunk zwischen 1979 und 1988 für die ARD. Später machte ihr Erfinder, der Kabarettist und randseitige Humorarbeiter Gerhard Polt, auch mit Spielfilmen Karriere: „Kehraus“, „Man spricht deutsh“ (sic!) oder „Herr Ober!“ sind seine abendfüllenden Ausleuchtungen des schrecklich wahren Lebens. Am 7. Mai vollendet der gebürtige Münchener sein 75. Lebensjahr.

Es gibt viele gute Sprüche von und über Gerhard Polt, der zwar aussieht wie ein bayerisches Urviech, aber ein hoch gebildeter Mann ist. Eines seiner eigenen Lieblingszitate stammt vom Wiener Volkstheater-Veteranen Johann Nestroy: „Der Mensch an und für sich ist gut, aber die Leut' sind ein Gesindel.“

Gerhard Polt muss sich immer sehr für die Menschen interessiert haben. Ansonsten hätte er sie nicht so genau kopieren und persiflieren können. Gleichzeitig hatte Gerhard Polt, der am 7. Mai 1942 in München als Sohn eines Rechtsanwalts zur Welt kam, immer auch Angst vor den Leuten. „Es gibt Künstler“, sagte er einmal in einem Interview, „die spüren auf der Bühne eine Art Macht gegenüber dem Publikum. Bei mir gilt das Gegenteil, ich habe keine Angst, aber ich spüre ein leicht defensives Gefühl.“ Aus dem unguten Gefühl heraus, dass „von den Leuten“ schlimme Dinge kommen, werden sie erst mal von der Leine des Anstands gelassen. Daraus hat Polt irgendwann einen Beruf gemacht.

In seinem frühen Hörspiel „Als wenn man ein Dachs wär' in seinem Bau“ von 1976, einer bösen Satire auf eine Luxussanierung in der Schwabinger Amalienstraße, sprach er mehr als 30 Rollen selbst. Fast zur gleichen Zeit werkelte der Geistesverwandte Helge Schneider im Ruhrpott übrigens an ähnlichen Themen - ebenfalls in Hörspielform. Im Fernsehen lief dagegen noch „Klimbim“ mit Ingrid Steeger, und ganz Deutschland lachte über Otto. Polt hingegen war Underground. Das heißt, eigentlich war er Hobby-Humorist. Nach einem Studium der Skandinavistik - vier Jahre lebte er in Schweden, von 1962 bis 1966 - arbeitete er in München als Dolmetscher, Übersetzer und Lehrer. 1976 debütierte Polt dort mit einem kabarettistischen Programm, danach wurde er immer mehr zum Geheimtipp.

Einerseits verkörpert Gerhard Polt, der später mit Frau und Sohn an den Schliersee zog, den bajuwarischen Widerspruch an sich: Er gibt den Spießer und gleichzeitig den Anarchisten. Er schaut jenem süddeutschen Volk aufs Maul, das gern viel und abfällig redet und dabei doch so viel geschundenes Herz transportiert. Trotzdem wäre es viel zu kurz gedacht, ihn als bayerisches Phänomen zu betrachten. Gerhard Polt ist vor allem ein genauer Beobachter des deutschen Alltags und seiner zwischenmenschlichen Abgründe. Wo Loriot seine Protagonisten in saubere Versuchsanordnungen wie Badewannen, Fernsehstudios oder feine Restaurants schickte, platzierte Polt seine üblen Scherze in schmuddeligen Wirtshäusern, auf vollgekotzten Toiletten oder in gruselig erkalteten Spießerwohnstuben.

Der einfache Mann war stets Polts Metier. Meistens ergänzt durch die einfache Frau, kongenial verkörpert von der langjährigen Spielpartnerin Gisela Schneeberger. In den 80-ern, als der bayerische Kraftmensch vom Geheimtipp zum bissigen deutschen Gesamtunterhalter aufstieg, kam neben TV und Bühne der Film dazu: die bis heute geniale und bitterböse Arbeitswelt-Satire „Kehraus“ (1983), der etwas zugänglichere Urlaubsfilm „Man spricht deutsh“ (1988) und die Poeten-Posse „Herr Ober!“ (1992), zuletzt „Und Äktschn!“ (2013).

Über seine Figuren sagt Polt, sie seien oft sehr glücklich - „wenn auch auf einer abenteuerlichen Grundlage. Sie kommen mit ihrer Meinung durch, weil ihnen keiner widerspricht. Sie ruhen in sich und sind nicht von Selbstzweifeln geplagt.“ Der Mensch Gerhard Polt ist hingegen keiner dieser mit zu viel Selbstbewusstsein ausgestatteter Zeitgenossen. Bescheiden kommt er zumeist daher, und da wundert es nicht, dass er sich zu seinem 75. Geburtstag nicht wirklich feiern lassen will.

Das übernimmt das Bayerische Fernsehen, das seine Geburtstagssause programmatisch „Der große Polt“ betitelt (Samstag, 6. Mai, 22.05 Uhr). Keine große Gala, sondern eine kleine Sendung ist das geworden, oder vielmehr: ein Versuch derselben. Denn nicht einmal zur Feier seines Ehrentages wollte sich der Kabarettist in den Mittelpunkt stellen. Also ließ er sich in der Küche beim Warten filmen - beim Warten auf Gratulanten wie Gisela Schneeberger, Josef Hader, Campino oder Helmut Well. Am selben Tag wiederholt das BR-Fernsehen, bereits um 20.15 Uhr, den Polt-Klassiker „“Herr Ober!„; um 22.50 Uhr steht das “Z'am rocken Spezial - Neapel„ auf dem Programm: Zusammen mit den Gebrüdern Well reist der Italien-Liebhaber Polt an den Fuß des Vesuvs und vermischt dort bayerische und italienische Volksmusik. ARD-alpha schließlich zeigt am 7. Mai, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung des Bühnenprogramms “Ekzem Homo" von Polt und den Gebrüdern Well aus Biermoos.

tsch

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