Fußball-Kommentatorin im Interview

Claudia Neumann vorm Confed Cup in Russland: „Privat würde ich ein anderes Reiseziel aussuchen“

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Claudia Neumann schrieb 2016 während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich Geschichte: Als erste deutsche Frau kommentierte sie ein EM-Spiel der Männer.

ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann über Confed Cup, Fan-Proteste gegen den Fußball-Kommerz und die chronische Frauenfeindlichkeit in ihrem Geschäft.

Im Sommer 2016 kommentierte Claudia Neumann als erste deutsche Frau Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Jene der Männer, wohlgemerkt. Dass dies immer noch nicht selbstverständlich ist, erfuhren die Journalistin und ihr Sender ZDF über einen frauenfeindlichen Shitstorm, der nach den Partien Wales gegen Slowakei sowie Italien gegen Schweden losbrach. Das ZDF wehrte sich gegen „asoziale Kritik“ und baut weiter auf die Dienste der 1964 geborenen Fußball-Expertin. Beim Confed Cup (17. Juni bis 2. Juli), der umstrittenen Generalprobe Russlands für die WM im kommenden Jahr, wird Neumann für drei Spiele das ZDF-Mikro übernehmen: Sie kommentiert Kamerun gegen Chile (So., 18.6., 20 Uhr), Russland gegen Portugal (Mi., 21.6., 20 Uhr) sowie das Spiel um den dritten Platz (So., 2.7., 14 Uhr).

nordbuzz: Wie viel Lust haben Sie auf Russland im Sommer?

Claudia Neumann: Privat würde ich mir ein anderes Reiseziel aussuchen. Auf die Spiele habe ich allerdings schon große Lust. Zum Beispiel deshalb, weil alle vier Nationalmannschaften, die ich kommentiere, in Bestbesetzung antreten. Portugal hat sogar Ronaldo mit dabei, der gerade noch das Champions League-Finale gewonnen hat. Dazu kommen die spielstarken Chilenen und die völlig neu formierten Teams aus Russland und Kamerun.

nordbuzz: Deutschland spielt beim Confed Cup mit einer B-Elf ...

Claudia Neumann: Ich kann Jogi Löw verstehen. Die Top-Spieler brauchen einfach mal ne Pause. Und im erweiterten Kader, der da in Russland antritt, sind sehr interessante Spieler. Man kann darüber streiten, ob ein Confed Cup wirklich sein muss. Aber da er nun mal stattfindet, finde ich, sollte man ihn zum Erkenntnisgewinn nutzen.

nordbuzz: Trotzdem scheint es, als gäbe es immer mehr Fußball - im TV und den Medien drum herum. Bräuchten wir nicht alle mal eine Pause von diesem Sport und seiner Inszenierung?

Claudia Neumann: Was meinen Sie mit Inszenierung?

nordbuzz: Nun, das Auspfeifen Helene Fischers beim DFB-Pokalendspiel hat überraschend große Wellen geschlagen. Frank Plasberg machte eine „Hart aber fair“-Sendung darüber ...

Claudia Neumann: Gut, aber wir reden über zwei verschiedene Dinge. Das eine ist ein eventuelles Zuviel an Fußball, das andere seine Inszenierung. Sicher steckt im Spitzenfußball heute ungeheuer viel Geld. Wer bei der Champions League mitmachen will, bewegt sich im Umfeld von Weltkonzernen und Milliardengeschäften. Ich kann verstehen, dass der Fan- oder basisorientierte Fußball im Angesicht des überall sichtbaren Kommerzes Bauchschmerzen bekommt. Andererseits zeigen sich Teile dieser Fraktion auch nicht gerade sympathisch. Oder will man, dass jene, die bei den Relegations-Spielen in Braunschweig und bei 1860 München auf sich aufmerksam machten, zukünftig mehr zu sagen haben?

nordbuzz: Hat nicht das eine mit dem anderen zu tun? Ausschreitungen sind nicht entschuldbar. Aber haben die nicht auch mit der Kommerzialisierung des Fußballs zu tun?

Claudia Neumann: Die Randale in München nach dem Abstieg von 1860 war vor allem dem Frust geschuldet. Ich denke aber zum Beispiel an Protest-Aktionen gegen die so genannten Plastikclubs, da passiert viel unter der Gürtellinie. Speziell beim Leipzig-Bashing oder dem Hass gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Ich glaube, dass sich viele da einfach nur im Fahrwasser einiger radikal Agierender bewegen. Die reflektieren nicht ausreichend, welch dumme Parolen sie da propagieren. Macht' aber leider nicht besser. Beide Clubs liefern ausgezeichnete Arbeit ab und bereichern den deutschen Fußball, auch mit ihren Konzepten. Man muss nicht jedes Geschäftsmodell gut finden, sollte aber die Leistung der Verantwortlichen auf und neben dem Platz würdigen. Ich sehe sie jedenfalls lieber als so genannte Protestaktionen von gewalttätigen Chaoten ...

nordbuzz: Denen das Fernsehen, siehe Relegation, natürlich auch eine Bühne bot. Man blieb lange drauf auf den Chaos-Live-Bildern aus den Stadien nach dem Spiel.

Claudia Neumann: Das ist eine ganz schwierige Frage, die wir beim Fernsehen immer wieder lange diskutieren. Was zeigt man - mit der Gefahr, dass sich wegen der Bilder solche Aktionen wiederholen? Und worüber muss man einfach berichten, weil es einen hohen Nachrichtenwert hat? Wo es einer Zensur gleichkäme, wenn man es herunterspielt. Die Aggressivität um den Fußball herum macht mir momentan mehr Sorgen als die Auswüchse der Kommerzialisierung.

nordbuzz: Haben Sie eine Vermutung, warum alles so aggressiv geworden ist? Ist der Fußball da ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Claudia Neumann: Das ist er sicher! Wir leben in Zeiten, in denen extreme Meinungen wieder zugenommen haben. Fanatismus ist bisweilen salonfähig geworden. Das zeigt sich in der Gesellschaft und eben auch beim Fußball. Es gibt Gruppen, die sagen, dass sie den Fußball zurück an die Basis bringen wollen. Eine schöne Idee, aber wir müssen auch fragen: Mit welchen Mitteln wird da gearbeitet? Früher war man als Fan einfach traurig, wenn die eigene Mannschaft verloren hat. Wenn heute statt Trauer Hass und Gewalt die Antwort sein sollen, macht mich das wütend.

nordbuzz: Sie waren bei der Euro 2016 die erste deutsche Frau, die bei einem großen Turnier Männerspiele kommentierte. Es gab viel frauenfeindliche Kritik gegen Sie. Waren Sie davon überrascht?

Claudia Neumann: Ach, dazu habe ich schon viel gesagt - und meine Meinung seitdem nicht verändert. Klar, wir wussten in der Redaktion, dass eine Frau als Kommentatorin nicht auf ungeteilte Liebe stoßen würde. Ich bin immer sehr gelassen damit umgegangen, auch weil es nicht um mich persönlich geht ...

nordbuzz: Aber klingt das Ganze nicht wie eine Debatte aus der Steinzeit? Eine Frau soll keine Fußballspiele kommentierten, darf aber gern am Spielfeldrand stehen, gut aussehen und ein paar Fragen stellen?

Claudia Neumann: Na klar, die Diskussion ist sehr altmodisch. Es gibt aber eben in unserer Gesellschaft auch viele Gestrige - vor allem beim Fußball. Man könnte genauso gut viele andere Bereiche ansprechen, in denen sich Frauen um Gleichberechtigung bemühen. Im Fußball bekommt alles wie unter einem Brennglas deutlich erhöhte Aufmerksamkeit. Ein bisschen mehr Gelassenheit täte allen gut.

nordbuzz: Müsste man nicht, weil der Fußball in Sachen Gleichberechtigung so gestrig ist, offensiver sein und Frauen wie Sie zum Beispiel ein WM-Endspiel kommentieren lassen?

Claudia Neumann: Das würde für mich nach Frauenquote riechen. Es wäre der Sache nicht dienlich. Ich arbeite seit 26 Jahren in diesem Beruf und berichte genauso lange über Fußball. Es hat immer funktioniert, weil es eben Schritt für Schritt mehr wurde. Weil die Leute nicht mit der Nase drauf gestoßen wurden: Hallo, da ist eine Frau am Mikro!

nordbuzz: So wie letztes Jahr bei der EM.

Claudia Neumann: Klar, das ist dann einfach vielen aufgefallen, weil viel mehr Menschen die Spiele geschaut haben. Dass ich seit fast zehn Jahren live Frauenspiele kommentiere, war dann auch egal. Es gibt zwei mögliche Reaktionen auf diese Diskussion. Entweder ein großes Fass aufmachen und auf alles reagieren - oder einfach weiter arbeiten und darauf setzen, dass es nach und nach zur Normalität wird. Dass eben auch mal eine Frau am Mikro sitzt. Ich persönlich favorisiere letztere Variante.

nordbuzz: Die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus musste trotz starker Bewertungen sehr lange in der 2. Bundesliga pfeifen, ehe sie in der neuen Saison als erste Frau in Liga eins ran darf. Muss man als Frau im Fußball viel besser sein als Männer, um das Gleiche zu erreichen?

Claudia Neumann: Die Arbeitsbereiche von Schiedsrichtern und Journalisten sind zu unterschiedlich, als dass ich sie vergleichen möchte. Ich kann nur sagen, meine Karriere wurde nie behindert. Alles fühlte sich für mich immer gut und richtig an. Die Schritte kamen zur rechten Zeit. Trotzdem haben wir uns beim ZDF die Entscheidung, dass ich populäre Spiele in Männerbereich kommentierte, lange überlegt. Es ist schon einige Jahre her, dass ich erstmals mit dem damaligen Sportchef darüber diskutierte. Die fachlichen Kenntnisse sind ja nur die Basis für ein recht kompliziertes Handwerk.

nordbuzz: Sie entschlossen sich als Redaktion, den mühsamen Kampf noch ein wenig aufzuschieben?

Claudia Neumann: Wir haben uns für eine Strategie der Gewöhnung entschieden. Bitter wäre es, wenn ich nach den erwartbaren Reaktionen wieder von Live-Spielen abgezogen worden wäre, ohne dass es gravierende fachliche Gründe gegeben hätte. Das wäre natürlich als Signal fatal - aber so kam es ja nicht. Ich spüre da intern großen Rückhalt. Andererseits fände ich es auch Quatsch, wenn Frauen große Endspiele kommentieren, nur weil sie Frauen sind. Das Beste sollte von den Besten begleitet werden. Egal, ob das dann am Ende eine Frau oder ein Mann ist.

tsch

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