Ethik auf der Baustelle

Fragen über Fragen: Wovon erzählte der rätselhafte Frankfurter „Tatort“?

Im Frankfurter „Tatort: Die Guten und die Bösen“ spielt die schwerkranke Hannelore Elsner ihre letzte Rolle - mit wundervoller Klarheit.
+
Im Frankfurter „Tatort: Die Guten und die Bösen“ spielt die schwerkranke Hannelore Elsner ihre letzte Rolle - mit wundervoller Klarheit.

Der Mörder im Frankfurter „Tatort“ mit Hannelore Elsner in einer ihrer letzten Rollen enttarnte sich nach 16 Minuten selbst. Ansonsten blieb vieles rätselhaft im elften Fall der Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Wir gehen den wichtigsten Fragen auf den Grund.

Der neue Frankfurter „Tatort“ zeigte die große Hannelore Elsner in einer ihrer letzten Rollen. Passenderweise war „Die Guten und die Bösen“ ein Stück über die Fragilität des Lebens, in dem es bei der Polizei durchs Dach regnete, die Kommissare unter einem irren Kater litten und sich fragten: Was tun wir hier überhaupt? Hier einige (mögliche) Antworten auf Fragen, die während knapp 90, oft rätselhaften Minuten offen geblieben sein könnten.

Worum ging es?

Anna Jannekes (Margarita Broich) und Paul Brix' (Wolfram Koch) Kollege Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) holte die stark verkaterten Ermittler nach einer durchzechten Nacht im Präsidium in den Morgenstunden ab, um sie zum Tatort in einer Waldhütte zu führen. Darin befand sich ein nackter Leichnam, gefesselt an einen Stuhl, von Folterspuren gezeichnet. Lakonisch erklärte Kommissar Matzerath, er habe den Mann umgebracht, weil dieser vor sieben Jahren seine Frau tagelang vergewaltigt habe, aber nie bestraft wurde. Janneke und Brix begleiteten den Geständigen ins grotesk desolate Präsidium. Während es dort überall hereinregnete und das Chaos der Bauarbeiter regierte, fand überflüssigerweise noch ein Seminar von Personaltrainerin Olivia Dor (Dennenesch Zoudé) statt. Dabei sollten Führungskräfte wie Janneke und Brix lernen, wie sie sich selbst und ihre Arbeit als Polizisten sehen. Nebenbei galt es herauszufinden, warum Kollege Matzerath den vermeintlichen Vergewaltiger gerade jetzt „richtete“, um sich danach - völlig gefasst - zu stellen.

Worum ging es wirklich?

Freunde des Tätersuchspiels kamen im provisorischen Frankfurter Polizeipräsidium nicht auf ihre Kosten. Dafür dürfte „Die Guten und die Bösen“ als einer jener „Tatorte“ in die bald 50-jährige Geschichte des Formats eingehen, über die man am meisten rätseln konnte. Vor allem darüber, was die verschiedenen Nebenerzählstränge zu bedeuten hatten. Die Hauptfrage des Krimis aus der Feder von David Ungureit, ehemaliger Headautor der tragikomischen Anwaltsserie „Danni Lowinski“, war immerhin klar und deutlich im Titel abzulesen: „Die Guten und die Bösen“. Ermittler, die mit dem Täter sympathisierten, dieses Gefühl aber auch infrage stellten, eine Seminarleiterin, die von jedem Polizisten wissen wollte, wozu dieser Job „da sei“, und dann noch die - unter Alkoholeinfluss vorgenommene - Selbstanalyse der beiden Kommissare: Alle beschäftigten sich mit der Frage: Warum tun Polizisten das, was sie tun? Ein Krimi als melancholische Studie zur Polizei-Ethik.

Warum tun Polizisten das, was sie tun?

„Was ist für Sie Polizeiarbeit“, wurden die Teilnehmer des Führungskräfte-Seminars gefragt. Die im Video festgehaltenen Antworten am Ende des „Tatorts: Die Guten und die Bösen“ waren wie ein kleiner Lehrgang, eine Reflexion zum Wesen jener Tätigkeit, mit deren Betrachten sich so viele Fernsehzuschauer massig Lebenszeit füllen. Also: Polizeiarbeit ist lediglich „geliehene Macht“, sagt der Staatsanwalt. „Wir sind verpflichtet, sie so klug und objektiv wie nur möglich einzusetzen.“ „Harte Arbeit, oft nach Feierabend - für die Sicherheit“, sagt Polizist Jonas. Mit „Wir halten den Laden irgendwie zusammen“ (Paul Brix) und „Ich frage mich jeden Tag, was meine Aufgabe ist und hoffe, darauf eine Antwort zu bekommen“ (Anna Janneke) reflektieren die Chef-Ermittler über die Selbstzweifel und die nie optimal zu lösende „Grundaufgabe“ ihrer Profession.

Und was sagt der Mörder?

Auch der Mörder Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) wird von den nichtsahnenden Seminarmachern als Kommissar nach dem Sinn von Polizeiarbeit gefragt und gibt die Schlüsselantwort zum Verständnis dieses Krimis: „Für einen Polizisten ist die Welt in Gut und Böse aufgeteilt. Wir beschützen die Guten und sorgen dafür, dass die Bösen bestraft werden. Ohne Ausnahme.“ Matzerath ist ein Guter, der Illegales getan hat, weil das Böse - nach seiner Ansicht - anders nicht bestraft werden konnte. Für seine Tat will er allerdings („ohne Ausnahme“) büßen, weil er das Gesetz für höherstehend als seine Entscheidung für eine Straftat ansieht. Der Mörder als Moralist und Lehrer für den gesellschaftlichen Zusammenhalt - eine seltsame, aber durchaus anrührende Idee.

Was hatten die anderen Handlungsstränge zu bedeuten?

Selten gab es in einem „Tatort“ so viele, teils seltsame Nebenerzählungen: 1. Das Polizeirevier war eine desolate Baustelle, auf der weitergearbeitet werden musste, trotz äußerst widriger Umstände. Erklärung: Der Versuch, Recht und Ordnung, ja Gerechtigkeit herzustellen, funktioniert nie perfekt, so wie eine naturwissenschaftliche Gleichung. „Das Leben ist eine Baustelle“, hieß mal ein Film. Polizeiarbeit ist es auch. 2. Weshalb verirrte sich die Personaltrainerin im Gebäude und geriet in Panik? Antwort: Auch jene, die Orientierung bieten, brauchen selbige. Nur in der Gemeinschaft und mit Fürsorge untereinander lassen sich große Probleme lösen. 3. Was hatte die Fotoausstellung Anna Jannekes im Präsidium zu bedeuten? Antwort: Am Ende will Brix wissen, warum Janneke ein scheinbar idyllisches Foto vom Tatort Waldhütte aufgehängt hat, auf dem die Leiche fehlt. „Das ist doch das Tolle an der Fotografie. Man kann den Ausschnitt des Bildes frei wählen“, lautet die Antwort, die sich ebenso auf Polizeiarbeit und das Leben an sich beziehen lässt: Auch ein noch so grausiges Erlebnis hat seine schönen Aspekte. Den totalen Horror gibt es nicht.

War dies der letzte Film mit Hannelore Elsner?

Hannelore Elsner spielt eine pensionierte Kommissarin, die sich in den wassertropfenden Katakomben des Polizeipräsidiums ein Büro zwischen Aktenschränken eingerichtet - ein weiterer Nebenerzählstrang im Frankfurter Rätselkrimi „Die Guten und die Bösen“. Hier durchforstet die ehemalige Ermittlerin Elsa Bronski (Elsner) die Akten alter, ungelöster Fälle - jener von Matzeraths vergewaltigter Frau ist dabei. Auch dieser wunderbar melancholische Erzählstrang haut in die Kerbe, dass Arbeit oft nur die Annäherung an Wahrheit schafft, dass bisweilen der Weg das Ziel bleibt. Eine Erkenntnis, die deutlich über den Renteneintritt hinausreicht. Bis zum Ende des eigenen Lebens, was für Hannelore Elsners Rolle wie auch für ihr Leben galt. Bis kurz vor ihrem Tod (am 21. April 2019) arbeitete die schwer krebskranke Schauspielerin vor der Kamera. Der „Tatort: Die Guten und die Bösen“ war ihr letzter abgeschlossener Film.

Die ARD-Tragikomödie „Lang lebe die Königin“ (Mittwoch, 29.4., 20.15 Uhr, ARD) ist dann die allerletzte, allerdings nicht abgeschlossene Arbeit der mit 76 Jahren Verstorbenen. Ihr zu Ehren spielen berühmte Kolleginnen wie Iris Berben, Eva Mattes, Gisela Schneeberger, Hannelore Hoger und Judy Winter die fünf noch fehlenden Szenen zu Ende. Jede „Ersatz“-Schauspielerin realisiert eine davon. Eine wunderschöne Abschieds-Hommage.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare