Tom Schilling

Ein Film gegen den Hass

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Tom Schilling (links) als Ermittler in "Mitten in Deutschland: NSU - Die Opfer - Vergesst mich nicht", der gegenüber einem Kollegen (Sascha Alexander Ger?ak) Zweifel an den bisherigen Ermittlungsmethoden äußert.

In der ARD-Filmtriologie über die Morde des NSU spielt Tom Schilling einen Polizisten, der die elf Jahre dauernden, skandalös fehlgeleiteten Ermittlungen im Fall des ersten Opfers begleitet.

Spätestens seit dem grandiosen Erfolg von "Oh Boy" und dem ZDF-Meilenstein "Unsere Mütter, unsere Väter" weiß man, dass Tom Schilling einer der handverlesenen deutschen Schauspieler mit echter Starqualität ist. Einer, der komplexe Rollen spielen kann und dennoch die Distanz zum Zuschauer in einer Weise aufbricht, dass man dem Mann beziehungsweise seinen Figuren wie ein Jünger folgen will. In "Mitten in Deutschland: NSU - Die Opfer - Vergesst mich nicht" (Montag, 04.04., 20.15 Uhr, ARD) ist dies anders. Hier ist das Projekt größer als der Star, wie Schilling selbst sagt, der hier nur eine größere Nebenrolle spielt. Dennoch war es dem 34-jährigen Berliner wichtig, beim Film des Regisseurs Züli Aladag ("Wut") dabei zu sein. Es ist die anrührende und faszinierend authentisch erzählte Geschichte von elf Jahren falscher Ermittlungen rund um die Familie des ersten NSU-Opfers.

teleschau: Der zweite NSU-Film der ARD-Trilogie beleuchtet die Perspektive der Opfer. Sie spielen einen Ermittler. Warum gerade diese Rolle?

Tom Schilling: Dieses Projekt der drei NSU-Filme ist viel größer als irgendeine Rolle oder meine Karriere als Schauspieler. Deshalb war es mir auch egal, welchen Part in einem der drei Filme ich übernehme. Ich war vor diesem Film nicht besonders gut im Thema - wofür ich mich im Nachhinein schäme. Als ich das Script gelesen hatte und mich über den ganzen Fall informierte, wollte ich einfach nur dabei sein. Der Regisseur meines Films, Züli Aladag, ist ein Freund von mir. Wir kennen uns, seit wir mit Dieter Pfaff mal einen "Bloch" zusammen drehten.

teleschau: Der Film über die Familie Simsek, deren Vater das erste Opfer des NSU war, ist ausgesprochen bewegend. Jedoch ohne kitschig zu sein.

Schilling: Das stimmt. Und ich finde es wichtig, den Opfern der Morde mit diesem Film eine Stimme und ein Gesicht zu geben. Die ausführliche Berichterstattung, die gesamte mediale Aufarbeitung der Morde konzentrierte sich doch stark auf die Täter, deren Hintergründe und die Strukturen, aus denen so etwas entstehen konnte. Von den Opfern kennt kaum jemand mehr als ein Foto, das mal kurz im Fernsehen oder der Zeitung zu sehen war.

teleschau: Wissen Sie, warum Sie vor diesem Filmprojekt das Thema NSU eher gemieden haben?

Schilling: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.

teleschau: Vielleicht weil es innerhalb der heutigen Nachrichtenlage ein eher sperriges, komplexes Thema ist?

Schilling: Sicher spielt das eine Rolle. Wir Menschen neigen zu einer gewissen Sensationslust. Deshalb ist auch der Terror des IS so omnipräsent und medial erfolgreich. Die überlegen sich sehr genau, wie sie die Leute erreichen: Attentate mit vielen Opfern auf einen Schlag in Europa schaffen eine enorme Aufmerksamkeit. Die Morde des NSU schafften dies nicht. Das ganze Ausmaß dieser unglaublichen Taten ist erst scheibchenweise zu uns durchgedrungen. Deshalb sind diese drei Filme auch sehr wichtig. Weil sie das ganze Thema noch mal verdichten und bündeln.

teleschau: Werden die zehn Morde des NSU nicht gerade von der Gegenwart überholt? So dass man sagen könnte: Angesichts der massiven Ausländer-Feindlichkeit im Zuge von Flüchtlingskrise und Terror wirken die Geschehnisse gar nicht mehr so unfassbar ?

Schilling: Ja und nein. Ich glaube, dass ein Reflektieren darüber gerade jetzt Sinn macht, weil gegenwärtig eine neue Generation gewaltbereiter Ausländer-Hasser heranwächst. Wenn der NSU-Terror in Rostock-Lichtenhagen begründet liegt, also in der Nachwendezeit, könnte ich mir vorstellen, dass auch das jetzt eine sehr prägende Zeit für politischen Extremismus und vielleicht auch späteren Terror sein könnte.

teleschau: Kann eine ARD-Filmtrilogie über den NSU überhaupt etwas bewirken? Oder gucken da nicht ohnehin nur jene Leute zu, die politisch eher differenziert denken ?

Schilling: Nein, das macht auf jeden Fall Sinn. Das Programm wird eine sehr breite Aufmerksamkeit finden. Es wird Diskussionen und viel Emotion auslösen. Gerade unser Film zeigt, in welchem Alltag man als Einwanderer in Deutschland lebt. Dass man eben doch als Fremder behandelt wird, obwohl man wie Semiya Simsek hier geboren ist. Der dritte Film nimmt auch einen interessanten Blickwinkel ein. Er erzählt die pannenreiche Geschichte der Ermittlungen und denkt darüber nach, was wir in unserer Demokratie alles opfern müssen, um selbige angeblich zu retten. Und dann gibt es ja noch jenen ersten Film, der versucht, die Perspektive der Täter zu beleuchten. Das sind allesamt sehr besondere, detailreiche Annäherungen - die einen das Thema jeweils neu sehen lassen.

teleschau: Was ist bei den Ermittlungen schiefgelaufen?

Schilling: In unserem Film, der den ersten Fall Simsek behandelt, arbeitete die Polizei mit unterschwelligen Ressentiments. Das Brainstorming der Ermittler ging in Richtung Ehrenmord, Rauschgifthandel und organisierte Kriminalität. Wäre ein deutscher Blumenhändler regelmäßig nach Holland gefahren, um dort Ware einzukaufen, hätte man wohl nicht gleich zu Anfang in diese Richtung ermittelt. Die Figur, die ich spiele, wurde zum Fall dazu geholt, um Bezüge zur organisierten Kriminalität zu finden.

teleschau: Zu den Ressentiments kommen auch polizeiliche Maßnahmen, die ziemlich fragwürdig sind. Im Film wird die Witwe des ersten NSU-Opfers von den Ermittlern mit einer von den Behörden erfunden zweiten Frau ihres Mannes konfrontiert. Hat man das tatsächlich getan, um die Witwe zu einer Aussage gegen ihren Mann zu bringen?

Schilling: Ja, das ist passiert. Es steht so in dem Buch von Semiya Simsek, das unserem Film zugrunde liegt. Die Polizei segelt mit ihren Methoden wohl hin und wieder hart am Wind. Man kennt das ja, manchmal gelangen solche Details an die Öffentlichkeit. Wie zum Beispiel die Folterandrohung gegen Magnus Gäfgen, den Täter im Mordfall des Bankierssohns Jakob von Metzler.

teleschau: Wie sehr war Semiya Simsek in Ihren Film eingebunden?

Schilling: Sie war auf jeden Fall eingebunden. Meine Rolle ist ja eher klein, und sie hat auch nicht so vielen Berührungspunkte mit der Realität in der Familie. Dazu ist sie eine Fusion aus zwei Ermittlern, die erst später in den Fall eingestiegen sind. Ich weiß aber, dass Semiya Simsek die Leseproben jener Szenen verfolgte, an denen sie in der Realität beteiligt war. Und dass sie auch intervenierte, wenn etwas nicht stimmte.

teleschau: Was erhoffen Sie sich von der Ausstrahlung der drei Filme?

Schilling: Das, was man sich immer wünscht, wenn man Filme dreht: dass die Leute darüber reden. Dass sie darüber nachdenken. Dass ein Prozess angestoßen wird, der vielleicht etwas verändert. Und dann gibt es bei unserem Film noch eine besondere Sache, über die ich mich sehr freuen würde: Wenn der Film den Angehörigen der Opfer ein bisschen Trost spendet.

teleschau: Ist der Opfer-Film vielleicht der wichtigste, weil er die ungewohnteste Perspektive einnimmt?

Schilling: Das Projekt an sich ist ungeheuer wichtig. Nicht ein einzelner Film, Schauspieler oder Regisseur. Unser Film beleuchtet eine Perspektive, die vielen Zuschauern fremd sein wird. Es ist die Innensicht einer Einwanderer-Familie, die auf diesen surrealen Horrortrip geschickt wird. Aber die anderen Filme zeigen natürlich auch Blickwinkel, die in den Nachrichten und Dokumentationen zum NSU bislang nicht vorkamen. Auch deshalb ist diese Trilogie ungeheuer spektakulär und erhellend.

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