Psychogramm einer mysteriösen Nazibraut: Das Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe" (Di., 26.01., 20.15 Uhr, ZDF)

Femme Fatale aus dem Plattenbau

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Famoses Duell der psychologischen Zwischentönen: Beate Zschäpe (Lisa Wagner) wird während einer langen Autofahrt von einem BKA-Spezialisten (Joachim Król) verhört.

Dass es eine fiktionale Aufarbeitung der rechten NSU-Morde geben würde, war zu erwarten. Dennoch überrascht der Ansatz des renommierten Dokuspiel-Spezialisten Raymond Ley: Er versucht sich an einem intimen Psychogramm Beate Zschäpes.

Wenn die beiden Uwes, mit Nachnamen Mundlos und Böhnhardt, von ihren Mordreisen zurückkamen, hieß es erst einmal: Schuhe aus. Daheim, in der Wohnung der rechten Terrorzelle NSU, hatte Beate Zschäpe das Sagen. Jene Frau, die mit beiden Männern wechselnde sexuelle Beziehungen hatte. Seit fast drei Jahren wird nun gegen die schillerndste Nazibraut der deutschen Nachkriegsgeschichte prozessiert. Etwa 35 Millionen Euro soll das bislang gekostet haben. Grimmepreisträger Raymond Ley ("Eine mörderische Entscheidung") drehte parallel zur Verhandlung das Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe" (Dienstag, 26.01., 20.15 Uhr, ZDF). Lisa Wagner ("Kommissarin Heller") spielt beeindruckend gut eine weibliche Variante der Banalität des Bösen.

Beate Zschäpe, das Roadmovie: Im Mai 2013 durfte die in Untersuchungshaft einsitzende Terrorverdächtige ihre Großmutter in Thüringen besuchen. Das BKA sah die verrückt klingende Aktion als Chance, mit Zschäpe ins Gespräch zu kommen. Auf einer zweimal vier Stunden langen Autofahrt von Köln nach Thüringen, in einem geschützten Konvoi. Um der Neofaschistin bestenfalls ein Geständnis zu entlocken, setze man ihr zwei Verhörspezialisten mit in den Kleinbus. Im Film werden sie stark von Joachim Król und Christina Große gespielt. Ihre Aufgabe: die Frau mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zum Reden zu bringen. Sie versuchten es mit Plaudereien übers Wetter und Urlaube, mit Späßen, Schmeicheleien und sogar Gummibärchen.

Am Ende, so das Fazit des Gedächtnisprotokolls der echten Ermittler, redete Zschäpe viel, sagte jedoch wenig. Dies allerdings nur im kriminalistisch-juristisch verwertbaren Sinne. Die Reise im Kleinbus über deutsche Autobahnen gerät im Film nämlich zum erfreulich subtilen Täter-Psychogramm, das über 90 Minuten klug mit dokumentarischem Material und nacherzählten Szenen vor Gericht kontrastiert wird. Für letztere ist Axel Milberg in die Rolle des echten Richters Götzls geschlüpft. Raymond Ley, der mit seiner Frau Hannah das Drehbuch schrieb und "Letzte Ausfahrt Gera" inszenierte, beobachtete selbst immer wieder den Prozess gegen Zschäpe in München.

Im Gespräch sagt der hochdekorierte Doku-Spezialist, er habe dort eine Frau erlebt, von der man annehmen kann, dass sie die Fäden in der Hand hielt. Ganz entgegen der eigenen Verteidigungsstrategie, sie habe von allem Bösen nichts gewusst und sei enttäuscht gewesen über die Morde "ihrer Uwes". Um der durchaus schillernden Figur Zschäpe nahezukommen, wählte Ley in seinem Film die Strategie des Übereinderlegens dreier Bilder: "Ich zeige die Zschäpe auf dieser Autofahrt, ihr Leben mit Böhnhardt und Mundlos im Rückblick und die inszenierten Zeugenvernehmungen im Prozess. Es ergeben sich drei durchaus unterschiedliche Figuren, die dem Zuschauer aber das Gesamtbild Beate Zschäpe transparent machen."

Tatsächlich gewinnt das aus dem Prozess bekannte Bild der schweigenden Angeklagten, auch die dokumentarische Aufbereitungen ihres Weges aus schwierigen familiären Verhältnissen zur Ausländer-Hasserin und rechten Terroristin im Untergrund durch diese Autofahrt neue Facetten. Zschäpe lässt sich von den Verhör-Spezialisten beschmeicheln ("So einen Fall wie den Ihren hat es ja noch nie gegeben"), sie scherzt über die Vorteile von Knast-Frisören und interessiert sich bei der zugesteckten Literatur über den eigenen Fall vor allem für die Zeichnung der eigenen Figur. Nach dem divenhaften Motto: Wie war ich? So fasst es Raymond Ley plastisch zusammen.

Der Filmemacher erlebte und inszenierte eine Frau, die sich selbst "gut betrauern" kann. Die an den Strapazen der Haft und des Prozesses leidet, der es ein Bedürfnis ist, der geliebten Großmutter ihre Taten zu erklären, die mit Tränen in den Augen an den alten, heimatlichen Plattenbauten Jenas vorbeifährt. Und die gleichzeitig keinerlei Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen hegt, denen sie vor Gericht begegnet. "Beate Zschäpe ist eine Frau mit einem starken narzisstischen Kern. Ihr fehlt die Empathie für andere - für Ausländer und Andersdenkende", sagt Ley. Was ihre Figur jedoch vom üblichen Klischee der tumben Nazi-Braut unterscheidet: Es darf vermutet werden, dass Zschäpe im mörderischen NSU-Trio zumindest emotional die Hosen an hatte.

Als "schwarze Sonne" oder "Matriarchin" des Gespanns wurde sie von der Presse bezeichnet. "Der Tatanteil der Zschäpe ist nicht zu unterschätzen", glaubt auch Raymond Ley. "Sie hat diese Gruppe letztendlich zusammengehalten, auch emotional. Sie hatte wechselnde Liebschaften zu Mundlos und Böhnhardt. Ohne diese Frau im Zentrum wäre diese Dreikonstellation wohl auseinander gebrochen. Sie besaß diese Wärme der 'Frau am Herd', zu der ihre beiden Uwes zurückkommen durften und war sozusagen der emotionale Kassenwart von den beiden."

Leys Film wird mit seiner vorsichtigen, psychologischen Annäherung an die NSU-Femme Fatale auch Kritik ernten. Denn obwohl der Filmemacher Hinterbliebene der Opfer zu Wort kommen lässt, ist der fesselndste Teil des Films die durch Lisa Wagners bärenstarkes Spiel fast schon intime Nähe des Zuschauers zur Täterin Zschäpe. Lenkt das fiktionale Werk also mal wieder zu viel Aufmerksamkeit auf die Täter, geht es wieder nur um das faszinierend Böse? "Ich bin ganz anderer Meinung" entgegnet Raymond Ley. "Man muss sich mit den möglichen Tätern beschäftigen, um ein Licht auf diese Mordserie zu werfen. Sie lässt sich, so bitter wie sich das anhört, nicht aus der Opferposition erklären. Über die Beschäftigung mit der Psychologie einer möglichen Täterin erfahren wir viel über die Entstehung von Ausländerhass, Neofaschismus in Deutschland und seine internationalen Netzwerke."

Ramond Leys Film endet mit Beate Zschäpe in ihrer Zelle, wie sie den Fan-Brief ihres norwegischen Gleichgesinnten und Massenmörders Anders Breivik liest. Sie scheint zu lächeln. Offenbar ist sie zu Hause angekommen. In einer wortlosen Nachklapp-Szene sieht man sie Joggingrunden auf dem Gefängnishof drehen - dynamisch und kraftvoll. Auch das ist eine Provokation, aber eine gute.

Der öffentlich-rechtliche Konkurrent ARD hat übrigens gleich drei Filme über den rechten Terror der NSU im Programm. Die Beträge von Christian Schwochow ("Der Turm"), Züli Aladag ("Wut") und Florian Cossen (Coconut Hero") nähern sich dem Thema aus drei Perspektiven. Während Schwochows Film "Heute ist nicht alle Tage" die frühe Radikalisierung der NSU-Mitglieder beschreibt - Anna Maria Mühe spielt Beate Zschäpe -, widmet sich Aladags "Vergesst mich nicht" mit Tom Schilling den Opfern. Cossens "Für den Dienstgebrauch" mit Florian Lukas, Sylvester Groth, Florian Stetter, Ulrich Noethen und Christian Berkel erzählt schließlich aus der Perspektive der Ermittler. Ein Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest, soll aber am 6. Februar im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin bekannt gegeben werden.

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