Der Fall Barschel - Sa. 06.02 - ARD: 20.15 Uhr

Neues deutsches Eventfernsehen

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Für den grandios guten, knapp dreistündigen Film "Der Fall Barschel" (Szene mit Fabian Hinrichs, links, und Alexander Fehling) nebst Doku räumt das Erste erstmals einen kompletten Samstagabend für ein Thema frei.

Kein dröges Biopic oder politisches Dokuspiel, sondern eine atemberaubend inszenierte Reise in die Finsternis der alten Bundesrepublik. Das fast dreistündige Mammutwerk "Der Fall Barschel" ist mit Sicherheit ein Höhepunkt des deutschen Fernsehjahres 2016.

Am 2. Oktober 1987 lag Uwe Barschel, zurückgetretener Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein mit Ambitionen auf mehr, tot in einer Genfer Badewanne. Bis heute ist ungeklärt: War es Selbstmord oder Mord. Und: Sollte den damals 43 Jahre alten CDU-Aufsteiger jemand getötet haben, wer könnte es gewesen sein? Verdächtigungen reichen von Waffenlobbyisten über ausländische Geheimdienste bis hin zum BND. In einem fast dreistündigen TV-Meisterwerk schafft es Regisseur und Autor Kilian Riedhof ("Homevideo", "Sein letztes Rennen"), aus dem komplexen Recherchestoff einen furiosen Politthriller zu zimmern, der sich vor internationalen Genre-Standardwerken nicht zu verstecken braucht. "Der Fall Barschel" wird mit das Beste sein, das man in diesem Jahr an deutscher Fernseh-Fiction zu sehen bekommt.

Nach weniger als einem Viertel dieses Films ist Uwe Barschel (Matthias Matschke) nicht mehr am Leben. Und es hätte ihn sogar schon früher, quasi in der ersten Szene des Films erwischen müssen. Kilian Riedhofs Film beginnt mit dem Flugzeugabsturz Barschels am 31. Mai 1987. Der Ministerpräsident überlebt als einziger den Absturz seiner Cessna, die im Landeanflug bei extrem schlechtem Wetter auf den Flugplatz Lübeck-Blankensee einen Funkmast streift. Beide Piloten sterben, Barschels Leibwächter erliegt später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Dass sich der ehrgeizige Politiker drei Monate vor einer Landtagswahl wie durch ein Wunder mit Rippen- und Wirbelbrüchen retten kann, erscheint fast wie ein Wunder.

Vielleicht hatte sein kurze Zeit später ausgesprochenes "Ehrenwort" zu den Machenschaften seines Referenten Reiner Pfeiffer (Martin Brambach) gegen Barschels SPD-Widersacher Engholm mit dieser Nahtoderfahrung zu tun. Wer kann schon jemanden ans Bein pinkeln, der eben noch als "Auserwählter" dem Tod von der Schippe gesprungen ist? Doch es geht in "Die Affäre Barschel" gar nicht so sehr um das Psychogramm des Mannes im Titel. Hauptfiguren von Kilian Riedhofs Film sind die beiden jungen Hamburger Journalisten David Burger (Alexander Fehling, "Im Labyrinth des Schweigens") und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs vom Franken-"Tatort").

Burger und Nissen, Figuren die Kilian Riedhof durchaus als Referenz an Dustin Hoffman und Robert Redford in "Die Unbestechlichen" angelegt hat, recherchieren wie die Besessenen. Sie finden Fakten, die Barschel zum Rücktritt zwingen. In der Redaktion eines fiktiven Hamburger Nachrichtenmagazins knallen die Sektkorken. Burgers und Nissens Ressortleiter (Edgar Selge) ist begeistert. Doch die Geschichte endet nicht an diesem Punkt, wie wir wissen. Als Barschel in Genf stirbt, beginnt die Wandlung des musterschülerhaften Journalisten und Familienvaters David Burger: Er wird zum Besessenen im Fall Barschel.

Der Reporter verfolgt jede Spur - von der Mordtheorie der Familie Barschel zu dessen Verstrickung in illegale Waffengeschäfte, von geheimen Beziehungen in die DDR zu einem verbotenen U-Boot-Deal mit Südafrika. Sogar ein Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre ist nicht ganz unwahrscheinlich. Burger, der seine Frau (Luise Heyer) und den kleinen Sohn immer mehr verliert und sich mit Aufputschmitteln "fit" hält, verstrickt sich in eine leidenschaftliche Affäre mit der Fotografin Giselle (Antje Traue), die er in Genf kennengelernt hat. Bald ist nicht mehr klar, was noch journalistische Recherche ist und wo sich der fiebrige Held in Verschwörungstheorien verliert.

Wäre "Die Affäre Barschel" ein Kriegsfilm, könnte man seine zweite Hälfte mit Martin Sheens Bootsfahrt in "Apocalypse Now" vergleichen. Beides ein Trip in das Herz der Finsternis des (politischen) Dschungels, deren Helden sich auf einer anfangs durchaus realen und dann zunehmend unwirklich erscheinenden Reise zu verlieren drohen. Alexander Fehling, der in der jüngsten "Homeland"-Staffel den deutschen Liebhaber von Hauptfigur Carrie Mathison (Claire Danes) spielte, liefert als besessener Journalist eine Glanzleistung ab. Dank des Kunstgriffes mit dieser fiktiven Hauptfigur gelingt es dem Film, in alle relevanten Theorien und Spuren zum Tod Barschels einzusteigen und dabei Figur und Zuschauer genauso zu verstören, wie es einem auch in der Realität des Falles Barschel passieren kann. Wer in ihn einsteigt, verliert sich darin - sagen viele Experten dieses seit bald 30 Jahren ungelösten Polit-Kriminal-Rätsels.

Jenes unangenehme "Let's get lost"-Gefühl löst Kilian Riedhof, der mit Coautor Marco Wiersch zehn Jahre an dem Stoff arbeitete, filmisch auf, indem er die Suche nach der Wahrheit von einem anspruchsvollen und auch filmisch kinoreifen Politthriller immer mehr zum spannenden psychedelischen Trip werden lässt. Er nimmt den Zuschauer mit David Burger auf eine irre Reise, bei der man einfach nicht aussteigen will. Selbst wenn nach knapp drei Stunden der Kopf dampft und die Augen brennen: Dieses brillante neue deutschen Event-Fernsehen hat höchste Aufmerksamkeit und den gesamten Samstagabend im Ersten verdient. Im Anschluss an den Film läuft um 23.10 Uhr die Dokumentation "Barschel - Das Rätsel" von Stephan Lamby und Patrik Baab.

Name der Sendung Der Fall Barschel
Sendedatum 06.02.2016
Sender ARD
Sendezeit 20:15:00
Genre Thriller
Filmbewertung ausgezeichnet
Genre Thriller
Filmname Der Fall Barschel
Originaltitel
Regisseur Kilian Riedhof
Schauspieler Alexander Fehling
Schauspieler Fabian Hinrichs
Schauspieler Antja Traue
Entstehungszeitraum 2016
Land D

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