„37°: Die Reifeprüfung - Erwachsen werden in schwierigen Zeiten“

Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf: TV-Doku begleitet Abiturienten des Corona-Jahrgangs

Geschwister zu haben, die obendrein in der gleichen Situation stecken, hilft Quinten und Owen in der Krise enorm. Die Zwillinge gehören zu den Protagonisten der sehenswerten "37°"-Reportage im ZDF.
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Geschwister zu haben, die obendrein in der gleichen Situation stecken, hilft Quinten und Owen in der Krise enorm. Die Zwillinge gehören zu den Protagonisten der sehenswerten „37°“-Reportage im ZDF.

Die Zeiten rund ums Abitur bedeuten für junge Erwachsene meist schon Stress genug. Wie sehr sich dieser während der Corona-Zeit potenziert hat, zeigt eine „37°“-Reportage, die vier Hamburger Abiturienten durch eine seltsame Zeit begleitet.

Die Zeit nach dem Abitur ist für viele Jugendliche für gewöhnlich die Zeit der großen Freiheit. Zwischen der letzten Klausur und dem Start ins Studium oder ins Berufsleben liegen üblicherweise viele Monate voller Reisen, Party und einem Gefühl, das besagt: „Jetzt f��ngt das Leben an.“ So drückt es auch die 18-Jährige Zoe aus, die für die Zeit nach dem Abi eine Reise durch Asien und anschließend den Beginn ihres Jura-Studiums geplant hatte - dann kam die Corona-Krise, und die Pläne und Träume der jungen Frau lösten sich in Luft auf. Die „37°“-Reportage „Die Reifeprüfung“ (Dienstag, 25. August, 22.15 Uhr, ZDF) begleitet jeweils zwei Hamburger Abiturientinnen und Abiturienten auf dem beschwerlichen Weg zu den Abschlussprüfungen in Zeiten von Digital-Unterricht und Homeschooling sowie in der unmittelbaren Zeit danach.

Neben Zoe und ihrer besten Freundin Lucie liefern auch die Zwillingsbrüder Owen und Quinten einen Blick hinter die Kulissen: Vier junge Menschen aus der Hansestadt, die stellvertretend für Hunderttausende Schulabgänger stehen dürften, die ihren Abschluss in Zeiten der Pandemie unter ganz besonderen Bedingungen erlangten.

Der Film von Autorin Nadja Kölling orientiert sich dramaturgisch an den immer näher rückenden Klausuren, liefert aber dennoch auch spannende Einblicke ins Privatleben junger Menschen, die einer völlig neuartigen Situation ausgesetzt sind. In erster Linie sprechen sie ungefiltert über ihre Gefühle und Eindrücke, ergänzend kommen auch Eltern und Lehrer zu Wort.

Überforderte Lehrkräfte, leidende Schüler

Einerseits ist da die Schule, die auf die richtungsweisenden Prüfungen vorbereiten soll. Überstürzt wird der Schulbetrieb auf digitalen Unterricht umgestellt. Eine Szene, in der Zoes Lehrer mit seiner Anmeldung beim Zoom-Video-Chat zu kämpfen hat, und die Schülerin ihm den Zugang erklärt, offenbart ganz gut die Überforderung der Lehrkräfte. Die wirkt sich wiederum negativ auf die Schüler aus.

Andererseits ist da der völlige Verlust der gerade in dieser aufwühlenden Zeit dringend benötigten sozialen Kontakte. „Meine emotionale Lage wird auf jeden Fall immer schlechter. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, und ich brauche Freunde“, berichtet Zoe davon, wie sehr ihr die Kontaktbeschränkungen zusetzen. Gemeinsam mit Lucie beschließt sie zwar, das Beste aus der Situation zu machen, doch die Ungewissheit bleibt. „Mir macht es Angst, dass es vielleicht nie wieder normal wird“, teilt die 19-jährige Lucie ihre Sorgen.

Für Lucie ist klar, dass ihre Generation ganz neuartige Herausforderungen meistern muss, die sich nicht auf die weltweite Pandemie samt ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen beschränken: „Flüchtlingskrise, Corona, Klimawandel: Ich glaube schon, dass meine Generation mit Dingen zu kämpfen hat, die vorher nicht da waren.“ Nun wird ein Lebensabschnitt, der ohnehin von Veränderungen geprägt ist, durch die Krise zur Belastungsprobe.

Berlin statt Asien

Das regelrechte Einprasseln einschneidender Veränderungen auf die Jugendlichen führt zu einem kollektiv zu beobachtenden Effekt: Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf. „Ich habe das Gefühl, ich wurde vom Kind- zum Erwachsensein katapultiert“, beschreibt Zoe einen beschleunigten Prozess vom Erwerb der Eigenverantwortung. „Ich habe das Gefühl, dass ich eine andere Person jetzt bin, als ich vor Corona war.“ Auch Quinten ist der Ansicht, dass diese durch und durch seltsame Zeit hilfreich war, sich selbst als Person zu finden: „Ich finde, dass mir die ganze Corona-Krise geholfen hat, mir bewusst zu machen, wer ich überhaupt bin.“

Bei all diesen außergewöhnlichen Gegebenheiten, mit denen sich dieser ganz besondere Abitur-Jahrgang herumplagen muss, wirkt es beinahe beruhigend, dass sich vieles nicht verändert hat: Auch diese Abiturienten machen sich Druck, weil sie einen bestimmten Notenschnitt für das Wunschstudium erreichen müssen, oder sind einfach grenzenlos erleichtert, dass es unter dem Strich gereicht hat.

Für Zoe und Lucie ist klar, dass für die Zeit danach, auf die man sich so sehr gefreut hat, ein Plan B her muss. Corona hat sie spontaner werden lassen, und statt des Asienaufenthalts wird es vorerst nur ein Praktikum in Berlin. Gemeinsam suchen sie nach einem WG-Zimmer auf dem überhitzten Berliner Wohnungsmarkt. Kaum Lebenserfahrung, kaum Einkommen - die Chancen sind überschaubar. Zusätzlich zu Corona und Klimawandel müssen sich auch diese jungen Erwachsenen mit den gewöhnlichen Problemen dieser Altersgruppe herumschlagen. Wer diese turbulente Zeit überstanden hat, scheint dafür allerdings bestens gerüstet.

teleschau

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