Warum Jan Böhmermann die Grimme-Preis-Verleihung absagt

"Erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe"

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Jan Böhmermanns #Varoufake wird mit dem Grimme-Preis gekürt. Zur Verleihung will der Moderator nun aber nicht reisen.

Keine Ironie: Jan Böhmermann ist schwer verstimmt. Der wegen seines Erdogan-Gedichts im Kreuzfeuer stehende Unterhalter will nicht zur Grimme-Preis-Verleihung nach Marl reisen.

Was darf Satire? In aufgeregten Zeiten wie diesen offenbar längst nicht alles. Jan Böhmermann, der wegen eines viel zitierten "Schmähgedichts" auf Kosten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan seit Tagen nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt, lässt dies offenbar vom Glauben abfallen. Mit ungewohnt ernsten, wenn nicht gar bitteren Worten meldete sich der sonst so ironiebeflissene ZDFneo-Unterhalter nun bei Facebook: "Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe. Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können."

In Marl wird der 35-Jährige tatsächlich erwartet. Zu einem feierlichen Anlass. Böhmermann zählt bei der diesjährigen Grimme-Preis-Verleihung zu den Preisträgern. Für auszeichnugswürdig hielt die Jury den sogenannten "Varoufake"-Scoup. Böhmermann hatte mit der Behauptung, ein für Kontroversen sorgendes Stinkefingervideo des damaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis mithilfe seiner "Neo Magazin Royale"-Redaktion gefälscht zu haben, viel Furore gemacht und Applaus vom Feuilleton geerntet. Das ist diesmal anders.

Böhmermanns tatsächlich kaum zitierbares "Schmähgedicht" über das türkische Staatsoberhaupt Erdogan scheint fast das Zeug zu haben, eine Staatskrise auszulösen. Ungeachtet der Interpretationsmöglichkeit, den Skandalclip auch als eine kluge und fraglos freche Reflexion über die Möglichkeitsbedingungen von Satire in Deutschland zu verstehen, meldete sich die Kanzlerin scharf zu Wort. Inzwischen ist das Ganze sogar ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Mainz hat strafrechtliche Ermittlungen gegen den Satiriker eingeleitet.

Wie der "Spiegel" nun meldet, soll sich Jan Böhmermann unterdessen an Kanzleramtsminister Peter Altmaier gewandt haben. "Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann", zitiert das Magazin aus einem Schreiben des Moderators. Er bitte um "Berücksichtigung meines künstlerischen Ansatzes und meiner Position, auch wenn er streitbar ist".

In der aktuellen Ausgabe seiner Late-Night-Show "Neo Magazin Royale", die am Donnerstagabend bei ZDFneo ausgestrahlt wurde, wurde die Kontroverse um das Erdogan-Gedicht nicht explizit angesprochen. In der ziemlich brillanten Sendung fand sich Böhmermann kunstvoll montiert in einer Art Trailer-Schleife gefangen. Vermutlich ein gutes Sinnbild für die Verzweiflung dieses hoch moralischen Provokateurs.

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