Auftritt im „Morgenmagazin“

Entwicklungsminister Müller im TV: „Gestern sind 15.000 Kinder an Hunger gestorben!“

"Hunger ist Mord": Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (hier bei einer Kabinettssitzung in Berlin) sprach im ARD-"Morgenmagazin" mit eindrücklichen Worten über den Kampf gegen den Hunger.
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„Hunger ist Mord“: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (hier bei einer Kabinettssitzung in Berlin) sprach im ARD-„Morgenmagazin“ mit eindrücklichen Worten über den Kampf gegen den Hunger.

Manchmal reichen ein paar Augenblicke Fernsehen aus, um sich des ganzen Zynismus, in den sich die Welt hineinmanövriert hat, gewahr zu werden.

Am Dienstagmorgen, kurz nach Acht, war es wieder einmal so weit: Gleich nach dem Wetter (es kommt Regen, präsentiert von einer Frischkäse-Marke) ging es im ARD-„Morgenmagazin“ um das Thema Hunger - eingeleitet von drastischen Bildern unterernährter Kinder in Indien.

So überwältigend unangenehm und beschämend sich so etwas auch anfühlt, weil man gerade mit der Kaffeetasse in der Hand auf der Couch von der Seite erwischt wurde, so wichtig erscheinem einen derartige Konfrontationen mit der weltweiten Realität. Denn vermutlich sind genau solche wuchtigen Momente nötig, um der allgemeinen Lethargie doch noch entscheidend entgegenzuwirken. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) wusste die wenigen Minuten Sendezeit im „MoMa“ jedenfalls nachdrücklich zu nutzen. Das Interview mit Reporter Michael Stempel geriet zu einem beeindruckenden Appell.

Eigentlich hatte sich die Staatengemeinschaft auf die Fahnen geschrieben, den Hunger auf der Welt bis 2030 besiegt zu haben. Doch von einem solchen Ziel, das zeigten auch die am 12. Oktober vorgelegten jüngsten Zahlen der Welthungerhilfe, ist man derzeit weit entfernt - zumal die Corona-Pandemie gerade in Ländern, die sowieso schon von Armut und Hunger gebeutelt sind, besonderen Schaden angerichtet hat.

Was Corona für den Kampf gegen Hunger bedeutet, verdeutlichte Müller im „MoMa“-Gespräch, das er mit einer „positiven Botschaft“ begann: „Seit 1990 konnten die Hungerzahlen weltweit halbiert werden.“ Aber das war es auch mit Positivem. In den vergangenen drei Jahren stiegen die Zahlen kontinuierlich. Rund 900 Millionen Menschen leidern Hunger, etwa eineinhalb bis zwei Milliarden Menschen hätten laut Müller zudem mit den Folgen von Mangelernährung zu kämpfen. Konkreter: „Gestern sind 15.000 Kinder an Hunger gestorben!“ 800 Millionen Menschen wüssten morgens noch nicht, was es am Tag zu Essen gibt, erklärte Müller und betonte: „Das können und das müssen wir ändern!“ Sein Ministerium präsentiere nun eine Studie, die aufzeigen soll, „wie das geht“.

„Wir müssen eine Welternährungsrevolution einleiten“

Den Vorhalt des Interviewers, dass er sich seit Jahren vorkommen müsse, wie der „einsame Rufer in der Wüste, der nicht gehört wird“, musste sich Müller gefallen lassen. „Wir sehen die hungernden Menschen ja nicht“, stimmte er zu. „Aber ich sehe sie - auf meinen Reisen“, so der Minister, der im Gesprächsverlauf immer emotionaler und deutlicher wurde. „Hunger ist Mord“, rief er. „Es ist der größte anzunehmende Skandal, denn wir wissen, wie wir die Menschen sattmachen können. Der Planet kann zehn Milliarden Menschen ernähren. Deshalb sage ich: Wir müssen eine Welternährungsrevolution einleiten.“

Was es dazu brauche, ergänzte der Bundesentwicklungsminister, sei allerdings der politische Wille - der Entwicklungsländer, „aber auch von uns, den Industriestaaten“. Sein Ministerium gehe in der neuen Studie davon aus, dass 14 Milliarden Euro nötig seien - „das ist die Zahl, jedes Jahr, die nächsten zehn Jahre, und wir lösen das Welthungerproblem“. Müller befand: „Das ist eine großartige Botschaft.“ Dass derzeit nur zehn Länder 90 Prozent der weltweiten Entwicklungshilfegelder aufbrächten, sei ein Problem. „Das muss sich ändern“, appellierte Müller und sprach sich für einen „Welternährungsfonds“ aus. Denn: „Es ist möglich, die Menschen sattzumachen und zu ernähren. Es fehlt nur an Willen. Und dazu rufe ich auf!“

14 Länder weisen heute höhere Hungerwerte auf als 2012

Bereits vor der COVID-19 Pandemie litten nach Angaben der Welthungerhilfe die Menschen in mehr als 50 Ländern unter Hunger und Unterernährung. „Die Fortschritte bei der weltweiten Hungerbekämpfung sind in Folge von Ungleichheit, Konflikten, Vertreibung und Klimawandel viel zu gering, um das verbindliche Ziel 'Zero Hunger' bis 2030 zu erreichen“, heißt es in einer am 12. Oktober verbreiteten Auswertung der jüngsten Zahlen. Der neue Welthunger-Index, der die Ernährungslage in 107 Ländern berechnet, spricht eine deutliche Sprache. „14 Länder weisen heute höhere Hungerwerte auf als noch 2012.“ Die Verleihung des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm sei „ein Ansporn, für die Abschaffung des Hungers zu kämpfen und den betroffenen Menschen eine Stimme zu geben“, betont Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe.

teleschau

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