Am Ende lacht der Eisbär

Eisbrecher / Alex Wesselsky

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Ein Frontmann mit Stil: Alex Wesselsky ist seit fast 15 Jahren mit Eisbrecher unterwegs.

Geradeaus statt durch die Grauzone: Die „Sturmfahrt“ von Eisbrecher hält Kurs auf die Spitze der Charts. Frontmann Alex Wesselsky stand zum Interview bereit.

Wenn es einen Preis für den redefreudigsten Musiker im deutschen Rock geben würde, Alex Wesselsky hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Sein rhetorischer Stil, geprägt von Humor, Selbstbewusstsein und Selbstironie, geht runter wie Öl. Und der 49-jährige Frontmann hat einiges zu erzählen. Nicht nur über die musikalische Gangart des neuen Eisbrecher-Albums „Sturmfahrt“ (ab 18. August). Sondern auch über besondere Nachrichten, stolze Tiere und Lebensweisheiten.

Am Abend, bevor das Interview stattfindet, geht mit „Was ist hier los?“ der erste Videoclip zum neuen Album online. Und sorgt mit seinen teilweise krassen Szenen direkt für Aufsehen. „Auf der Jagd nach den Bildern für dieses Video haben wir uns alle Zeit der Welt gelassen und uns durch die Hölle auf Erden gewühlt. Ich kam mir vor wie bei Dantes 'Inferno'“, berichtet Wesselsky.

Herausgekommen sind die „Eisbrecher-Nachrichten“, eventuelle Ähnlichkeiten mit einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind natürlich rein zufällig. Dem Zuschauer wird ein Spiegel vorgehalten. Man habe mit den Ausschnitten zu Umweltverschmutzungen, Kriegsverbrechen, sowie politischem und menschlichem Versagen niemanden schonen wollen. Und wer behauptet, dieses Video sei in Zeiten von Nordkorea-Krise und Terror unangebracht, dem fährt Wesselsky in die Parade: „Ich halte kein einziges Jahr in der Vergangenheit für ein besseres. Ich glaube nicht, dass es die gute alte Zeit je gab oder dass es früher leichter war“, holt er aus, um sich danach kritisch über die Social-Media-Generation sowie verlorengegangene Geschichtskenntnisse zu äußern. „Wer die Zukunft gestalten will, sollte die Vergangenheit kennen“, so die mahnenden Worte.

Ihre Vergangenheit kennen Eisbrecher genau. Seit ihrer Gründung vor 14 Jahren geht es konsequent und steil auf der Karriereleiter nach oben. Vom harten deutschen Stahl zum Rundumschlag in Sachen dunklem Deutschrock mit Elektro-Einfluss. „Sturmfahrt“ ist das dritte Album auf Major-Label-Ebene, und es gibt keinen Grund, das Rezept zu ändern: „Wir haben uns weder verkopft noch verkrampft. Wir hatten keine strategischen, operativen Ziele. Der CEO hat nicht gesagt, wo sich das Unternehmen hindifferenzieren muss“, so die spitzzüngige Erklärung.

Gerade in Bezug auf die Balance zwischen Kritik und Spaß, Ironie und Feierwut, ist die Rechnung erneut aufgegangen: „Egal wie hart die Botschaft, die Mundwinkel können oben bleiben“, das sei eines ihrer Credos. Der Humor spielt weiterhin eine bedeutende Rolle. Denn „wir stecken alle mit in der Scheiße. Aber nur mit betroffenen Gesichtern und geheucheltem Verständnis kommen wir nicht weiter. Und wir alle wissen: Totalitäre Systeme und böse Menschen verstehen kein Spaß. Sie können nicht über sich lachen. Und wer nicht über sich lachen kann, vor dem hüte dich!“

Wer wissen will, wie die Ironie im Eisbrecher-Iglu funktioniert, der höre sich „Wir sind Rock'n'Roll“ an. Ein Song, der musikalisch alles andere als Rock'n'Roll ist und textlich in eine Kerbe schlägt, in der für Wesselsky auch ein „bisschen der Gerhard Polt mit drin steckt“. „Einfach dieser anarchistische Spaß, sich selbst durch den Kakao zu ziehen, das ist wichtig.“ Dabei haben diese Zeilen auch einen tieferen Sinn. Unangepasst und unbequem sein zu können, das sei eben nicht dasselbe wie „jeden Tag die Klappe halten und dienen müssen sowie hoffen, dass einem nichts passiert.“ Es sei natürlich überzeichnet, aber es gehe auch um den Jungen, der irgendwann auf dem Tennisschläger den Rockstar simuliert hat. Und der sich heute anschicke, das Zenith auszuverkaufen und vielleicht nächstes Jahr in der Olympiahalle zu spielen, ergänzt der Bayer im Hinblick auf diverse Münchner Konzertspielstätten.

Ob es so kommt wie erwünscht? Vorsorglich kündigte Wesselsky die live gespielten Stücke des neuen Albums schon mal als „kommende Superhits“ an. Auch hier: Augenzwinkern inklusive. „Kann man ja mal behaupten. Da muss mir erst einmal einer das Gegenteil beweisen“, scherzt der Sänger, der durch seine Rolle als Eisgeneral in Peter Maffays „Tabaluga“ mittlerweile auch „familienweit“ bekannt sein dürfte. Und er holt noch weiter aus: „Wer unsere Werke kennt, unsere Epen sozusagen, der weiß ja, dass Eisbrecher zu 95 Prozent aus Hits besteht und zu fünf Prozent aus Fast-Hits. Das ist unser Anspruch“. Natürlich, das ist wenig ernst gemeint, hat aber durchaus den ernsten Hintergrund, dass eine Band vom Schlage Eisbrecher wenig Chancen darauf hat, im Radio gespielt zu werden.

Ob mit oder ohne Hit: „Sturmfahrt“ wird viel Beifall ernten, so viel scheint sicher. Einer der auffallendsten Titel dabei ist - neben „In einem Boot“, welches das Thema aus dem Film „Das Boot“ aufgreift - die Coverversion des NDW-Hits „Eisbär“ (Grauzone): „Wir haben in den letzten Jahren ein gewisses Talent dafür entwickelt, mit wenigen Worten durchaus einiges auszudrücken. Aber der 'Eisbär' kommt definitiv mit dem allerwenigsten Wortanteil aus. Und schon damals in den 80-ern schwangen Themen wie Klimawandel, kalter Krieg und soziale Ungerechtigkeit mit“, erklärt Wesselsky, der übrigens selbst immer wieder in der Natur anzutreffen ist und in seiner Freizeit Menschenmassen eher meidet.

Sie seien stolz, dass der Eisbär, „dieses mächtige Lebewesen“, das Wappentier der Band geworden ist, so der Sänger, welcher trotz seiner Abneigung dem Fernsehen gegenüber einem breiten Publikum auch als TV-Moderator („Der Checker“, „Goldtimer“) ein Begriff sein dürfte: „Ich würde nicht wissen, dass ich dort stattfinde, weil ich nicht fernsehe. Ich habe mich von dem Medium verabschiedet, das ist mir zu blöd.“ Dass „Sturmfahrt“ ein bärenstarkes Ergebnis einfahren wird, daran besteht ebenso wenig Zweifel wie daran, dass die kommende Eisbrecher-Tour ein voller Erfolg wird. Und wer weiß, vielleicht klappt es nächstes Jahr - zum 15-jährigen Bandbestehen - dann sogar mit den ganz großen Hallen. Was das anbelangt, hält es Wesselsky mit seiner Mutter, die er im besten Dialekt zitiert: „Mei Mudda had immer gsachd: 'Junge, ob du einen großen Traum träumst oder einen kleinen. Es kostet das gleiche.' Insofern nehme ich den großen.“

teleschau

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