Zehnteilige Doku-Reihe „Bautzen“

Eine Stadt unterm Brennglas: außergewöhnliche TV-Doku über Bautzen

Bautzen im Osten Sachsens geriet durch einen Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim in den Verruf, ein braunes Nest zu sein.
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Bautzen im Osten Sachsens geriet durch einen Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim in den Verruf, ein braunes Nest zu sein.

Bautzen im Osten Sachsen ist in den Verruf geraten, ein braunes Nest zu sein. Eine zehnteilige Dokumentationsreihe bei ARTE nimmt die Stadt genauer unter die Lupe.

Bautzen im äußersten Osten der Republik gilt als idyllischer Ort. Rund 40.000 Menschen leben dort in der Großen Kreisstadt in Ostsachsen. Wie es heißt, seien die Einwohner hier stolz auf ihre Heimat, Traditionen würden noch gepflegt. Doch im Frühjahr 2016 bekam Bautzen den Ruf, ein braunes Nest zu sein. Der Grund hierfür war unter anderem ein Feuer in einem für Flüchtlinge vorgesehenen Gebäude. Damals brannte der komplette Dachstuhl des sogenannten Husarenhofs am Rande der Innenstadt. Die Brandstiftung sollte verhindern, dass Flüchtlinge in das ehemalige Hotel ziehen. Schlimmer aber noch: Die Löscharbeiten wurden von Schaulustigen teilweise massiv behindert. Die Polizei berichtete später von teils alkoholisierten Anwohnern, die sich in der Nähe des Gebäudes aufhielten. „Manche kommentierten das Brandgeschehen mit abfälligen Bemerkungen und unverhohlener Freude“, hieß es in einer Mitteilung. Augenzeugenberichten zufolge soll es unter den Schaulustigen sogar zu Schmährufen wie „Wir wollen keine Asylantenheime“ gekommen sein.

Es sind Menschen wie Alexander Ahrens, die sich gegen die Stigmatisierung und ein vorschnell verpasstes Etikett der „rechten Stadt“ zur Wehr setzen. Der SPD-Oberbürgermeister Bautzens erklärte bereits im Mai 2019: „Viele Menschen in Bautzen empfinden die leichtfertige Etikettierung ihrer Heimatstadt als rechte Hochburg als unfaire Vereinfachung, die ihrem Lebensgefühl in keiner Weise entspricht.“ In einer zehnteiligen Reportage-Reihe, die am Montagabend startete und noch bis Freitag, 2. Oktober, werktäglich 19.40 Uhr, sowie am Samstag, 3. Oktober, ab 14.30 Uhr, bei ARTE zu sehen ist, kommt der Oberbürgermeister ebenso zu Wort wie ganz normale Bautzener.

Ein Journalistenteam wollte herausfinden, wie sich die Stimmung in der Stadt seit dem hinterhältigen Brandanschlag und weiteren unrühmlichen Vorfällen innerhalb einer erstarkten rechten Szene verändert habe. Dafür hielt es sich ein halbes Jahr lang vor Ort auf.

Nicht immer nur die schlechte Seite

Die Auftaktfolge hat gezeigt: Das ist Fernsehen ohne Zeitdruck, aber mit umso tiefergehender Wirkung. Mit der außergewöhnlichen Sendedauer von rund fünf Stunden gelingt es den Machern um die Regisseure Anne-Sophie Jakubetz und Mathias von der Heide tatsächlich, ein ausgewogenes Bild einer in die Schlagzeilen geratenen Stadt zu zeichnen. Die Dokumentationsreihe hat ihre Stärken darin, dass sie eben nicht mit vorgezeichneten Schablonen arbeitet. Indes dringt sie mitunter tief in das Leben von Bewohnern und Bewohnerinnen wie der Alleinerziehenden Nancy Grohmann ein. Wenn die junge Frau beispielsweise mit ihrer Mutter über aktuelle Politik diskutiert, darf erwähnt werden, dass die AfD den etablierten Parteien ruhig einen Denkzettel verpassen sollte. Grohmann hingegen kritisiert, dass viele einfach nicht dazu beitragen wollten, dass sich etwas zum Positiven verändere. Es ist diese Ambivalenz, die die XXL-Doku wohl etwas näher ans echte Leben rückt als viele vergleichbare TV-Beiträge.

Bautzen und vor allem die Bautzener selbst nutzen, wie es scheint, ihre Chance, das Bild ihrer Stadt in ein vernünftiges Licht zu rücken. Rechte Strukturen innerhalb Bautzens bleiben keinesfalls unerwähnt. Die Bloggerin und Stadtratskandidatin Annalena Schmidt etwa kritisiert in aller Deutlichkeit, dass die Stadtpolitik „völkisch-konservativ“ ausgerichtet sei. Als Politikerin war Schmidt durchaus Anfeindungen ausgesetzt. So bleibt klar, Bautzen hat verschiedene Seiten - auch hässliche. Aber ist das nicht an vielen anderen Orten ebenso?

Der Stadtführer Thomas Thronicker, der sich selbst als einen Durchschnittsmenschen bezeichnet, etwa kritisiert: „Es wird immer nur in eine Richtung berichtet, die praktisch die schlechte Seite zeigt. Was alles gut ist in dieser Stadt, wird überhaupt nicht erwähnt.“ Thronicker mag mit seiner Meinung nicht verkehrt liegen. Eine sehenswerte Dokumentationsreihe beweist ihm nun aber das Gegenteil. Und das ist gut so.

Am heutigen Dienstag, 19.40 Uhr, geht es bei ARTE weiter mit der Reihe „Bautzen“.

teleschau

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