„Durch die Nacht mit ...“

Eine aufregende Nacht mit Pamela, der Intellektuellen

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Für ARTEs „Durch die Nacht mit ...“ begab sich Pamela Anderson mit dem Philosophen Srecko Horvat auf eine unterhaltsame Tour durch Graz.

Pamela Anderson ist nicht mehr, was sie mal war. Gut so: Seit Jahren setzt sich die Ex-„Baywatch“-Ikone für Menschen- und Tierrechte ein und ist als politische Aktivistin nun auch bei ARTE zu sehen: In Berlin präsentierte die 51-Jährige nun ihre unterhaltsame Ausgabe von „Durch die Nacht mit ...“.

„Finally!“ - „Endlich!“ - ruft Pamela Anderson halb ironisch, halb entzückt ins Publikum, nachdem ihr gerade versichert wurde, in Europa inzwischen als Intellektuelle zu gelten. „Und um dieses Ziel zu erreichen, hast du jahrelang Rollen wie 'Baywatch' spielen müssen“, ergänzt der kroatische Philosoph Srecko Horvat, mit dem die 51-Jährige in einem Clubkeller in Berlin-Mitte ihr neuestes Fernsehformat vorstellt. Mit gutaussehenden Rettungsschwimmern oder großbrüstigen Models hat jenes indes wenig zu tun: Anderson und Horvat präsentieren, improvisiert auf Klappstühlen vor zwei Dutzend geladenen Medienvertretern, ihre Ausgabe des beliebten ARTE-Formats „Durch die Nacht mit ...“.

Einen Abend lang begaben sich die politisch engagierte Schauspielerin und der Mitbegründer der zur Europawahl antretenden Bewegung DiEM25 auf eine unterhaltsame Tour durch die österreichische Stadt Graz. Eingeladen waren beide zum interdisziplinären Elevate Festival, um über politischen Aktivismus, Klimaschutz und Tierrechte zu sprechen. Und so sieht man das nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Duo vor jungen Aktivisten diskutieren, im veganen Edel-Restaurant speisen, mit der Grazer Märchenbahn fahren und die berühmte Doppelwendeltreppe erklimmen. Zwischen Plaudereien über Alltägliches und einem gemeinsamen Gespräch mit dem nigerianischen Umweltschützer Nnimmo Bassey gelingt Regisseurin Edda Baumann-von Broen ein hübscher Mix aus intellektuellem Diskurs, persönlichen Anekdoten und Einblicken in die Weltsicht einer der größten Stars der 90-er.

Alle, denen es bislang noch nicht klar war, werden durch den Film und bei dessen Vorstellung im Berliner Untergrund bei Wein und Sekt endgültig aufgeklärt: Pam repräsentiert alles andere als das von ihr existierende Bild und Image des Playboy-Blondchens. Die einstige Vorzeige-Badenixe ist nicht nur ein hochgradig witziger Mensch, sondern in gleichem Maße hochpolitisch: Oberflächlich kokettierend mit den über sie herrschenden Klischees, ruft sie auf zum Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse und spricht angesichts der Märchentour unangenehme Wahrheiten aus: Das größte Märchen sei, so Gebrüder-Grimm-Fan Pam, „die Behauptung, dass es jeder schaffen könne“.

Schluss mit der Höflichkeit

Sie, die als Pin-Up-Girl einst genau jenes Dogma des „American Dream“ personifizierte, nutzt ihre noch immer unglaubliche Popularität nun dazu, radikale und revolutionäre Botschaften zu verbreiten. Sie bewegt sie sich im Dunstkreis von linken Politikern wie dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, mit dem sie für den europäischen „Green New Deal“ kämpft - und sogar auf Europawahl-Plakaten zu sehen ist. „Aktivismus muss Spaß machen“, konstatiert sie vor den anwesenden Journalisten in Berlin. Wie schmal der Grad zwischen Playboy-Pam und Aktivisten-Anderson dabei ist, zeigen die bisweilen grotesken Aufeinandertreffen mit Autogrammjägern in Graz, die der Ikone schamlos vor laufender Kamera alte Poster und Magazine vor die Nase halten. Pam nimmt es gelassen: „Es gibt so hässliche Bilder von mir. Ich sollte ein Buch mit den schlimmsten herausbringen.“

Was der ARTE-Beitrag herauslässt - „nicht aus politischen Gründen“, wie es von Seiten des Senders heißt -, ist Pams besondere Beziehung zu dem kürzlich festgenommenen Wikileaks-Gründer Julian Assange, ohne den sie Horvat nie kennengelernt hätte, wie der von Anderson augenscheinlich hochgradig begeisterte Philosoph vermutet. Anders im stickigen Keller in der Hauptstadt, wo die in Marseille lebende Schauspielerin von ihrem Treffen mit Assange in London erzählt, von dem sie gerade erst wiedergekehrt ist: „Es war schrecklich, herzzerreißend“, beschreibt sie das Zusammentreffen und fordert vehement: „Die Schmierenkampagne gegen ihn muss aufhören!“. Er sei „kein perfekter Mensch“, aber „diejenigen, deren Machenschaften er aufgedeckt hat, sollten im Gefängnis sitzen, nicht er“.

Auf welcher Seite Pamela Anderson steht, macht sie unmissverständlich klar. Die Methoden hält sie dabei für flexibel nutzbar: „Wir müssen die Regeln brechen - das haben wir von Donald Trump gelernt.“ Das Publikum in der hippen Mitte-Bar lacht; als außergewöhnliches Rolemodel für die Verbesserung der Welt gewinnt Frau Anderson die Herzen im Sturm. „Es ist Zeit für uns, damit aufzuhören, höflich zu sein“, fordert sie - und wohl selten nur wurde eine solcher Aufruf zum Widerstand so charmant dargeboten.

ARTE zeigt „Durch die Nacht mit ... Pamela Anderson und Srecko Horvat“ am Mittwoch, 22. Mai, zu später Stunde um 0.35 Uhr.

teleschau

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