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„Ein zivilisatorischer Fortschritt“: Sozialpsychologe liefert im „After Corona Club“ neue Denkansätze

Anja Reschke befragt in ihrem Zweier-Talk „After Corona Club“ ausgewiesene Experten aus relevanten Fachbereichen der Gesellschaft zur Zeit nach der Pandemie.
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Anja Reschke befragt in ihrem Zweier-Talk „After Corona Club“ ausgewiesene Experten aus relevanten Fachbereichen der Gesellschaft zur Zeit nach der Pandemie.

Auch wenn aktuell nicht abzusehen ist, wie lange die Krise dauert, sicher ist: Es gibt ein Leben nach Corona.

Aber wie wird das aussehen? „Was macht diese Krise mit uns als Gesellschaft? Wie wird sich unser Leben verändern?“ - Diesen Leitfragen widmet sich das neue NDR-Talk-Format „After Corona Club“ (täglich, 23.30 Uhr, NDR) mit „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke, die den Programmbereich „Kultur und Dokumentation“ beim NDR leitet. Das NDR Fernsehen veröffentlich das Format zudem als Podcast, in der ARD-Mediathek sowie auf YouTube. Dabei helfen, diese Leitfragen zu beantworten, sollen die „klügsten Köpfe“ aus allen relevanten Fachbereichen der Gesellschaft. In der ersten Folge sprach Reschke nun mit dem betont locker auftretenden Soziologen und Sozialpsychologen Dr. Harald Welzer von der Uni Kiel über das Leben nach der Pandemie.

„Also, ich glaube, man wird in diesen Tagen feststellen, dass von zehn Meetings, neun überflüssig sind“, stellt der Zukunftsforscher in Bezug auf das Arbeitsleben fest, will jedoch die gesamtgesellschaftlichen Änderungen nicht überbewerten. Schließlich gäbe es im Internet den Trend zu mehr Kommunikation. „Jeder muss pausenlos irgendwas produzieren, was mir total auf den Senkel geht“, gibt der Wissenschaftler lachend zu. Egal, ob es sich um vermeintlich lustige Internet-Videos oder Briefe handelt, die Produktion läuft auf Hochtouren. „Wer will das eigentlich alles sehen und hören das ganze Zeug“, fragt Welzer rhetorisch.

„Menschen können nicht aushalten, nicht zu wissen, was nächste Woche ist“

Die Leute könnten keine Phase aushalten, in der nichts passiert, keine wirkliche Pause einlegen, so Welzer. Dabei könnte man sich jetzt wichtige Fragen stellen: „Kann ich qualitätvoller leben?“ Oder auch: „Komme ich vielleicht sogar auf bessere Gedanken, wenn ich gar nichts tue, als wenn ich zum Beispiel 'Design Thinking' mache und mir die ganze Zeit unfassbar kreativ irgendwas aus der Birne quetsche“, so der Soziologe im angenehm saloppen Tonfall.

Anja Reschke fragt nach, warum die Menschen Sehnsucht nach einem Vorher verspüren, nach einer Zeit also, in der offensichtlich auch nicht alles gut war. „Die Sehnsucht gibt es deswegen, weil Menschen, insbesondere in Gesellschaften unseres Typs, nicht aushalten können, nicht zu wissen, was nächste Woche ist“, sagt Welzer. Die Leute seien geeicht auf eine planbare Zukunft mit Tarifverträgen und Anmeldungsfristen. Diese Taktung des Lebens entfällt nun und sorgt für Unsicherheiten.

Positive Aspekte der Krise

Welzer sieht aber auch etwas deutlich Positives an der aktuellen Lage, und zwar das Einstehen für die Risikogruppen: „Das ist ja ein zivilisatorischer Fortschritt, dass man zugunsten von Minderheiten große Einschränkungen von Mehrheiten in Kauf nimmt.“ Es bleibt abzuwarten, wie viel Solidarität bleibt, wenn die Krise überstanden ist.

teleschau

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