Die RTL II-Serie "Gottlos - Warum Menschen töten" ist aus mehreren Gründen etwas Besonderes

"Ein Mordsspaß"

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Die geprügelte Lisa (Sylta Fee Wegmann, links) lässt es mit einer Freundin mal richtig krachen. Szene aus der "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" betitelten Auftaktepisode zur gelungenen RTL-II-Serie "Gottlos - Warum Menschen töten".

RTL II lädt in der ersten Fiction-Eigenproduktion seit über 20 Jahren zum Blick in menschliche Abgründe ein.

Nein, früher war auch nicht alles besser. Nur, wie soll man es positiver formulieren, wenn man daran erinnern will, dass selbst RTL II einst richtig gute Spielfilme produzieren ließ? Vielleicht muss man es präziser ausdrücken: Früher hatten die Sender einfach mehr Geld! Und mehr Mut! Und eine grundsätzlich interessierte Zielgruppe anstatt eines verwöhnten, nein, hoffnungslos übersättigten Publikums, das eh schon alles gesehen hat! "Die jungen Wilden" hieß die Fictionreihe, mit der der Münchner Sender Mitte der 90er-Jahre Furore machte: Als Nico Hofmanns Thriller "Der Sandmann" am 5. Oktober 1995 zum ersten Mal bei RTL II lief, fesselte er 3,2 Millionen Zuschauer; Götz George spielte die Hauptrolle, die Kritiker überschlugen sich mit Lob, es gab Auszeichnungen zuhauf, sogar zwei Grimme-Preise. Seither ist vieles anders. Dass RTL II jetzt, über 20 Jahre nach diesem Erfolg, erstmals wieder Fiction-Eigenproduktion ins Programm hebt, ist per se eine kleine Sensation.

Tatsächlich ist die dreiteilige Miniserie "Gottlos - Warum Menschen töten", die am Montag, 15. Februar, 20.15 Uhr, startet , nicht nur als Medienthema relevant, sondern auch richtig sehenswert. Warum sollte RTL II nicht ein ähnlicher Coup gelingen, wie ihn im vergangenen Jahr VOX mit dem Überraschungserfolg "Club der roten Bänder" schaffte? Der Fernsehmarkt ist zurzeit extrem auf das Thema Serie fokussiert, jedem neuen Projekt ist die maximale Aufmerksamkeit sicher, und schon der kleinste Erfolg wird als Fingerzeig für die gesamte Branche bejubelt. Wobei vor diesem mithin leicht hysterischen Hintergrund auch ein Scheitern von besonderer Nachhaltigkeit sein kann - man denke an das "Deutschland '83"-Desaster von RTL.

RTL II backt natürlich viel kleinere Brötchen, dennoch hat "Gottlos" für den Sender einen enormen Stellenwert. "2015 wurde erstmals die Schwelle von 400 erstausgestrahlten Serien innerhalb eines Jahres überschritten", holt Tom Zwiessler, Bereichsleiter Programm bei RTL II, weit aus. "Bei dieser Fülle gilt es, sich abzuheben und dem Zuseher ein Erlebnis zu bieten, das er sonst nirgends bekommt. Dazu bedarf es jedoch vor allem eines: Mut." Zwiessler betont: "Von Anfang an war es unser Anspruch, aus dem Schubladendenken auszubrechen und neue Akzente zu setzen."

Grimmepreisträger Thomas Stiller ("Unter dem Eis") schrieb und inszenierte drei 45 Minuten lange Kurzfilme, die Morde aus der Nahperspektive schildern. Die auf wahren Begebenheiten und einem preisgekrönten niederländischen Fernsehformat beruhenden Fälle sind in sich abgeschlossen und erinnern an die ZDF-Serien "Verbrechen" und "Schuld" nach Ferdinand von Schirach. Durch das Fehlen einer Distanz schaffenden Anwalts- oder Ermittlerfigur sind sie jedoch fast noch beklemmender. Die atmosphärischen, eng abgesteckten Geschichten holen nicht weit aus: Die Filme funktionieren als kleine, bärenstark besetzte Ensemblestücke von flirrender Intensität, die den Betrachter in den Bann ziehen und bis zur brutalen Eskalation nicht mehr loslassen. Der Zuschauer nimmt dabei eine eher unbequeme voyeuristische Perspektive ein und muss sich jeweils über die volle Länge mit der Täterpsychologie auseinandersetzen, was zwangläufig Fragen aufwirft: Warum wird ein Mensch zum Mörder? Ist das Verbrechen am Ende nicht immer ein Stück weit nachvollziehbar? Steckt das Potenzial zur Bluttat womöglich in jedem von uns? Das ist ein wesentlicher Unterschied zur herkömmlichen Krimikost. In "Tatort" und Co. kann sind die Abgründe, die Tat und der Täter weit weg, man fiebert mit den Ermittlern.

Hier aber wird Empathie für den Täter entwickelt. Für Figuren, wie Lisa (Sylta Fee Wegmann), die im ersten Teil "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" von ihrem Brutalo-Feund, gespielt von Antonio Wannek, einerseits einfach nicht loskommt und andererseits solange vermöbelt und drangsaliert wird, bis es beinahe logisch ist, dass sie zur Mörderin wird. Wenn er sich mal so richtig Mühe gibt, sagt er: "Lass ma' ficken!", während ihre erste Frage am Morgen nach dem Aufstehen lautet: "Ey, hast du auf'n Teppich gekotzt - oder ich?" Arschloch trifft auf lallendes Plattenbaumädchen in dieser trefflichen Verliererballade mit dem Charme eines 90er-Jahre-B-Movies. Bevor aber die ersten Witzbolde daherkommen und darauf verweisen, dass dies doch nur die Fortsetzung des "Frauentausch"-Konzeptes mit anderen Mittel sei: Es ist keine Frage des Milieus. Mord und Totschlag gibt es überall.

Zum Beispiel auch im Designerhaus, in dem der Polizist Joachim (Matthias Koeberlin) mit seinem Sohn Carsten (Leopold Schill) und der schwer gestressten Business-Ehefrau und Mutter Olivia (Jule Ronstedt) lebt. Er kümmert sich um Haushalt und Kind, sie verdient das große Geld - klingt nach dem ganz normalen Familienwahnsinn in deutschen Vorstädten. Dass aber auch dort die Saat zur Eskalation gedeihen kann, und zwar ohne dass dies mit klischeehaften Vorstellungen von Gut und Böse zu tun hat, zeigt der zweite Film "Der Polizist" (Montag, 22. Februar, 20.15 Uhr) sehr plastisch. Im dritten Teil "Die Auslöschung" (22. Februar, 21.15 Uhr) haben wir es gar mit einer wahren Bilderbuchfamilie zu tun. "Keiner ist glücklicher als wir", lautet das Credo der Hausfrau und Mutter Anna Rückert (Sabine Vitua), die mit ihrem Mann Holger (Ralph Herforth) und den Söhnen Torben (Johannes Franke) und Rainer (François Goeske) das Idyll geradezu zelebriert. Aber wieder: Hinter der sonnigen Glückseligkeit braut sich Finsteres zusammen ...

Schauspieler Matthias Koeberlin (41, unter anderem Star der ZDF-Reihe "Kommissar Marthaler") erklärt stellvertretend für seine prominenten Kollegen, was für ihn die Produktion so besonders macht. "Wir hatten die große und seltene Möglichkeit, ohne redaktionelle Mitarbeit des Senders genau die Geschichte zu erzählen, die uns vorschwebte. Dabei hatten wir künstlerische Freiheit und das Vertrauen von RTL II, welches in dieser Form nicht alltäglich ist." Auch Produzent Marc Conrad (Conradfilm, "Im Angesicht des Verbrechens") schwärmt von der Kooperation mit dem Sender. RTL II überlasse Autor und Regisseur "die komplette kreative Freiheit". Dies sei "ein rares Gut in der Branche, das man sonst nur aus den USA von Playern wie HBO oder Netflix kennt". Regisseur Stiller schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er "das Vertrauen, welches mir vom Sender entgegengebracht wurde", würdigt. Außerdem zeigt er sich froh, dass er "endlich mal keinen Krimi machen" musste. "Gottlos" erzähle von "Menschen, die einen wirklich angehen, berühren, Menschen aus dem Leben aus unterschiedlichsten Schichten. Ein Mordsspaß."

Warum also wird ein Mensch zum Mörder? Wenn die emotionale Motivlage so eindeutig ist wie im ersten Film, haben dazu sogar die größten Rocker-Vollpfosten eine Idee: "Wenn du deiner Frau jeden Tag die Scheiße aus dem Leib prügelst, darfst du dich nicht wundern, wenn sie irgendwann nicht mehr die Beine für dich breit macht", mahnt der Alt-Biker den jungen Zögling. Wem so viel Weisheit noch nicht ausreicht: In dem Beitrag "Gottlos - Die Dokumentation: Warum Menschen töten" (22. Februar, 22.15 Uhr) geht RTL II in die Tiefe. Deutschlands bekanntester Profiler Stephan Harbort und Kriminalpsychologin Lydia Benecke analysieren reale Fälle und deklinieren unter anderem die Frage, ob man mit modernster Technologie potenzielle Mörder erkennen und Verbrechen und vielleicht sogar Morde vorhersagen kann. Wohl kaum. Dennoch ist dieses "Gottlos"-Paket eine runde Sache, jedenfalls für alle, die den Blick in den Abgrund reizvoll finden.

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