Zum 25. Geburtstag des Morgenmagazins

Dunja Hayali im Interview über Hass, der Teil des Jobs geworden ist

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Dunja Hayali ist eine Journalistin mit Haltung: „Ich bin gegen Rassismus, für Humanismus und für Pluralität. Das sind Werte, die in diesem Land jedem vermittelt werden sollten.“

Seit zehn Jahren moderiert sie das „Morgenmagazin“ - und geriet zugleich in letzter Zeit zur Projektionsfläche aller politischen Lager. Journalistin Dunja Hayali im Gespräch über Hass, Hoffnung und Hunde. Übrigens: Ab Mittwoch, 5. Juli, 22.15 Uhr, wird die ZDF-Frau in „Dunja Hayali“ wieder in die Rolle der Polit-Talk-Gastgeberin schlüpfen. Die „MoMa“-Geburtstagssendung ist am 20. Juli im Programm.

Wären die vergangenen zwei Jahre nicht gewesen, würde man Dunja Hayali heute wohl als „Gesicht des Morgenmagazins“ vorstellen. 25 Jahre ist das von ARD und ZDF produzierte Format auf Sendung, seit zehn Jahren moderiert die heute 43-Jährige die Ausgabe im Zweiten. Doch die gelernte Sportmoderatorin, die 2007 als „heute“-Sprecherin beim ZDF landete, wird längst nicht mehr nur als Frühstücksfernsehfrau wahrgenommen. Seit sich Hayali zur Flüchtlingskrise äußerte, AfD-Anhänger befragte, Erklärungen und den Dialog suchte, geriet sie zur veritablen Projektionsfläche für alle politischen Lager. Hassposts, Lügenpresse, Rassismus, Wutbürger - die Assoziationen mit der Journalistin aus Westfalen bleiben auch im Gespräch am Rande des fröhlichen „MoMa“-Jubiläums präsent.

nordbuzz: Das Morgenmagazin wird 25, Sie sind seit zehn Jahren dabei. Eigentlich Grund zu feiern - und doch mussten Sie selbst an Ihrem Geburtstag auf Hasskommentare auf Ihrer Facebook-Seite reagieren. Frustriert das nicht?

Dunja Hayali: Es ist Teil des Jobs geworden und meine Facebook-Seite ist für mich eine Art Kommentar- oder Meinungsspalte geworden. Die Themen sind mal spontan, mal geben Follower eine Vorlage. So war es am Geburtstag, als es um das Thema „Deutsche sein“ ging.

nordbuzz: Möchten Sie nach zwei Jahren, in denen Sie oft im Mittelpunkt von derlei Kommentaren standen, manchmal nicht alles ignorieren?

Hayali: Ich antworte nicht mehr so oft, wie noch vor wenigen Monaten. Aber ich lese immer noch fast alles - und dann gibt es mehrere Wege: manches ignoriere ich, manches wird gelöscht, manches drucke ich aus und diskutiere oder schmunzle mit meinen Freunden in kleiner Runde darüber, das hilft. Aber ab und zu gibt es eben auch Grenzen, die man ziehen muss. Dann kommt mein Anwalt ins Spiel.

nordbuzz: Bringen denn die Klagen gegen Hasspostings etwas?

Hayali: In den Kommentarspalten gehen die verbalen Extremfälle ein bisschen zurück, Beleidigungen und Bedrohungen werden etwas subtiler, weil die Leute merken: Oha, da passiert was! Aber ja nicht nur bei mir, sondern auch seitdem es eine politische Diskussion darum gibt. Doch alles klagen, löschen und blocken hilft ja am Ende nicht.

„Eine Kultur des Dialogs schafft Transparenz“

nordbuzz: Wie erhoffen Sie sich dann überhaupt von Auseinandersetzungen Aufklärung?

Hayali: Eine Kultur des Dialogs schafft Transparenz, Kontakt zum Zuschauer und somit die Möglichkeit auch Arbeitsprozesse zu erklären. Ab und zu mag es wie eine Rechtfertigung klingen. Aber ich sehe es eher als Erklärung. Und als Möglichkeit, meinen Standpunkt zu verdeutlichen.

nordbuzz: Oft verteidigen Sie ja nichts Geringeres als die Grundlagen der Demokratie ...

Hayali: Ich bin gegen Rassismus, für Humanismus und für Pluralität. Das sind Werte, die in diesem Land jedem vermittelt werden sollten - durch eine gute Kinderstube, durch die Gesellschaft und Sozialisierung, durch Schule. Und diese Haltung vertrete ich als Mensch und als Journalistin.

nordbuzz: Auch deshalb bekommen Sie viele Anfeindungen.

Hayali: Ich weiß, dass manche mich als politische Aktivistin beschimpfen. Aber ich, und übrigens viele andere auch, stehe einfach für die Werte ein, die den Prämissen unseres Landes entsprechen. Festgeschrieben übrigens in unserem Grundgesetz, dass eine prima Anleitung zum Zusammenleben ist.

nordbuzz: Dieses Zusammenleben in unserem Land ist noch immer von Vorurteilen geprägt, wie sich auch in Ihren Recherchen zeigte ...

Hayali: Ich urteile nicht nach Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexueller Neigung. Sondern schaue mir an, wie jemand tickt, was er denkt, was er sagt, welche Überzeugungen er vertritt. Mich interessiert aber natürlich auch, woher jemand kommt. Das zu fragen, finde ich völlig legitim.

nordbuzz: Darüber wird in den Medien derzeit viel diskutiert.

Hayali: Ich frage aus Interesse fast jeden danach. Warum auch nicht? Mich fragt ja auch fast jeder. Und wenn ich nicht mit meinen Wurzeln selbstbewusst umgehe, wie soll es dann mein Gegenüber? Es kommt natürlich, wie immer darauf an, wie man fragt. Daran spürt man sofort, worum es eigentlich geht. Geht es um Interesse oder um Abneigung. Also auch um die Schubladen, über die wir gerade sprachen.

„Ich vereine eben sehr vieles, was die paar Prozent in Deutschland umtreibt“

nordbuzz: Ihre Eltern stammen aus dem Irak. Glauben Sie, dass Sie vor allem deshalb in den vergangenen zwei Jahren persönlich in den Fokus rückten?

Hayali: Ich vereine eben sehr vieles, was die paar Prozent in Deutschland umtreibt: Ich habe Migrationsvordergrund, bin eine Frau, bin sexuell flexibel, bin tätowiert, setze mich für Benachteiligte ein, habe eine klare Haltung zum Thema Xenophobie und arbeite für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

nordbuzz: Nicht nur in Social-Media-Portalen wurde viel über Sie geschrieben - auch in den Medien standen Sie plötzlich im Mittelpunkt. Wie fühlt sich das als Journalistin an?

Hayali: Für mich bleibt es befremdlich, selbst Gegenstand der Berichterstattung zu sein. Aber natürlich bediene ich das auch, indem ich, wie jetzt, Interviews gebe. Ich könnte ja auch sagen: Ich rede mit niemandem mehr.

nordbuzz: Warum tun Sie es dennoch?

Hayali: Gute Frage. Es geht mir vor allem um Austausch und Auseinandersetzung, und das in alle Richtungen. Es ist ja auch eine Möglichkeit, Standpunkte zu äußern, die Arbeit zu erklären, Prozesse transparent zu machen, Themen anzustoßen. Und genau das werden wir auch wieder ab dem 5. Juli, genau siebenmal machen. In der Sendung „Dunja Hayali“ geht es um gesellschaftspolitisch relevante Themen, die zum Teil durch die Dynamik des außenpolitischen Zeitgeschehens fast schon untergehen. Eingeladen werden Entscheider und Menschen aus unserer Gesellschaft. Drei Themen in jeweils 20 Minuten. Das ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.

nordbuzz: Aber gibt es überhaupt einen Weg, eine grundlegende Veränderung zu erwirken?

Hayali: Ich sage immer, wir müssen den Dialog führen, Vorurteile abbauen, Dinge erklären, aufeinander zugehen. Egal, wie sehr wir glauben, dass wir auf verschiedenen Planeten leben - am Ende des Tages leben wir doch auf einem. Und wenn wir das nicht realisieren, dann sieht es düster aus. Aber eines ist auch klar: Es müssen Grenzen gezogen werden. Rassismus hat bei uns nichts zu suchen.

nordbuzz: Wie weit darf der Dialog denn gehen? Kürzlich wurden Sie von linksliberaler Seite heftig dafür kritisiert, dass Sie der rechtskonservativen „Jungen Freiheit“ ein Interview gaben.

Hayali: Die Quintessenz daraus war für mich, dass die Toleranten auch nicht so tolerant sind, wie sie immer behaupten. Dass die Menschen viel mehr in ihren Blasen leben, als sie es sich eingestehen wollen. Solange man in deren Weltbild passt, ist alles ganz toll. Die Härte und Wortwahl war in Teilen erschreckend.

„Die Form ist offensichtlich manchmal wichtiger als der Inhalt“

nordbuzz: Inwiefern?

Hayali: In dem Interview sage ich genau das, was ich vorher auch gesagt habe. Das schien aber kaum jemanden der Empörten zu interessieren, denn es ging nur um das Gefäß. Und ja, darüber kann man streiten. Man kann es richtig und gut oder falsch und schlecht finden, der JF ein Interview zu geben. Ich habe die JF vorher ein Jahr lang gelesen. Mein Fazit: Sie ist rechts, mit völkischen Einschlägen. Dann habe ich mir die Gewissensfrage gestellt und ich bin zu dem Schluss gekommen: Ich kann mich nicht hinstellen und dauernd sagen: Wir brauchen Dialogbereitschaft, raus aus den Blasen - und wenn dann die „andere Seite“ auf mich zukommt, sofort abblocken. Ich, und so interpretiere ich auch meinen Job, will und muss offen sein und bleiben. Das heißt eben auch, aus meiner Komfortzone herauszugehen, ohne dabei unkritisch zu sein oder auf Haltung zu verzichten. So halte ich es in meiner Sendung übrigens auch. Für viele Beiträge, wie beispielsweise zu den Themen Obdachlosigkeit, Bundeswehr, Pflege oder Resozialisierung bin ich unterwegs, um direkt und vor Ort mit den Menschen zu sprechen und mir ein Bild zu machen.

nordbuzz: Was haben Sie aus dem Interview mit der „Jungen Freiheit“ und den Reaktionen darauf gelernt?

Hayali: Dass sich die unterschiedlichen Blasen nicht immer voneinander unterscheiden. Und dass die Form offensichtlich manchmal wichtiger ist als der Inhalt.

nordbuzz: Enttäuscht waren einige wahrscheinlich, weil Sie in den letzten Jahren auch zur Projektionsfläche der Linken gerieten ...

Hayali: Das bin ich nicht und so sehe ich mich auch nicht. Mir geht es um Inhalte und Werte, nicht um links oder rechts, oben oder unten, kariert oder buntgestreift. Ich lasse mich nicht vereinnahmen. Der einzige, der mich vereinnahmen darf, ist mein Hund.

nordbuzz: Hilft Ihnen als Hundeliebhaberin Letzterer oft über schwierige Situationen wie diese hinweg?

Hayali: Es klingt banal, aber das erdet total. Jeder, der einen Hund hat, weiß das. Wie oft ich klatschnass und halbschwarz nach Hause komme - da gibt es keine Vorzugsbehandlung: Regen ist Regen, Matsch ist Matsch, und der Hund muss in die Wanne.

nordbuzz: Was hilft Ihnen noch, abgesehen vom Hund?

Hayali: Natürlich das Umfeld, Freunde, Familie, Kollegen. Man muss auch von den Dingen, die man tut, sehr überzeugt sein. Es hilft, sich eine gewisse Durchlässigkeit anzueignen. Daran hapert es manchmal bei mir, weil ich die Dinge, die mich persönlich angreifen, in Teilen auch persönlich nehme. Davon muss ich mich freischwimmen.

tsch

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