Warum die deutschen Dokumentarfilmer leiden

DOK.fest-Chef Daniel Sponsel im Interview: „Die öffentlich-rechtlichen Sender werden wegbrechen“

„Wir befinden uns in Umbruchszeiten durch die Digitalisierung“, sagt Daniel Sponsel. Seit 2009 leitet er das Internationale Dokumentarfilmfestival München. Er ist Autor, Regisseur und Kameramann zahlreicher, auch preisgekrönter Dokumentarfilme. Das Münchner Dok-Festival machte er zum erfolgreichsten in ganz Deutschland und zu einem der wichtigsten Europas.
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„Wir befinden uns in Umbruchszeiten durch die Digitalisierung“, sagt Daniel Sponsel. Seit 2009 leitet er das Internationale Dokumentarfilmfestival München. Er ist Autor, Regisseur und Kameramann zahlreicher, auch preisgekrönter Dokumentarfilme. Das Münchner Dok-Festival machte er zum erfolgreichsten in ganz Deutschland und zu einem der wichtigsten Europas.

Daniel Sponsel, Geschäftsfüher des DOK.fest-Kinofestivals in München, macht sich große Sorgen um die Zukunft der deutschen Dokumentarfilm-Branche.

Sendeplätze irgendwo versteckt im späten Nachtprogramm. Sender, die sich immer öfter aus der Co-Finanzierung zurückziehen. Und dann auch noch ein gnadenloser Kampf um die Aufmerksamkeit der TV-Programmverantwortlichen: Es sieht nicht wirklich gut aus für Deutschlands Doku-Filmer. Und doch finden ihre Werke ihr Publikum. Zumindest auf dem Münchner DOK.fest, das vom 2. bis 13. Mai 154 Filme aus 50 Ländern präsentiert - darunter viele Erstausstrahlungen. Wirklich „großes Kino“, wie das Motto des Publikumsfestivals verkündet. DOK.fest-Geschäftsführer Daniel Sponsel konnte zuletzt zwar fast 46.000 Zuschauer und damit noch mal deutlich mehr als im Vorjahr begrüßen, um die Zukunft des Dokumentarfilms macht er sich in Zeiten von Netflix, Amazon & Co. trotzdem große Sorgen.

nordbuzz: Man hört zunehmend, dass die Lage der Dokumentarfilmer, sowohl im Kino als auch im TV, schwierig ist. Das Dok-Festival steigert die Besucherzahlen kontinuierlich. Ein Widerspruch?

Daniel Sponsel: Es scheint paradox, ja. Die Situation des Dokumentarfilms spiegelt natürlich die gesamte Situation der Medienbranche in Sachen Film wider. Wir befinden uns in Umbruchszeiten durch die Digitalisierung. Es ist nicht ganz klar ist, wo in zehn Jahren das Geld verdient wird, um Filme zu produzieren. Die Verwertungsketten waren bislang über Jahrzehnte hinweg geklärt: Jetzt durchkreuzt die digitalen Auswertung über Video on Demand, die neuen Streaming-Dienste, aber auch die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen das System. Festivals haben die Chance, sehr pointiert etwas sichtbar zu machen. Sie spiegeln durch ihren Erfolg die Wertschätzung und die Sehnsucht nach Dokumentarfilmen wieder. Wir fahren unsere Zuschauer ja nicht per Taxi in die Kinos und geben ihnen Geld dafür. Unsere Zuschauer kommen freiwillig - in Scharen.

nordbuzz: Warum tun sich Dokumentarfilme außerhalb dieses eher geschützten Bereichs so schwer?

Sponsel: Das Publikum ist ja vorhanden, das Interesse auch. Nur im regulären Auswertungsbetrieb im Kino oder auch auf den Sendeterminen, um Mitternacht im Fernsehen, werden die Dokumentarfilme zu wenig bis gar nicht wahrgenommen. Wir machen die Filme sichtbar. Und wenn sie sichtbar sind, wollen die Leute sie auch sehen.

nordbuzz: Als Produzent hat man durch neue Abnehmer etwa bei den Streaming-Diensten jetzt auch neue Ansprechpartner. Helfen denn Netflix, Amazon und Co den Dok-Filmern?

Sponsel: Da bin ich zwiegespalten. Einerseits bringen die neuen Player durchaus einen kreativen Wirbel in die über Jahrzehnte gewachsene Branche. Allerdings sägen Netflix und Amazon an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Weil sie nämlich jetzt in der Lage sind, zu günstigen Tarifen viel einzukaufen, was sie nicht selber produziert haben. Diese Ware legen sie günstig sozusagen als Köder ins Netz. Sie werden mit solchen Filmen aber langfristig nicht das Geld verdienen können, um für Nachschub zu sorgen.

nordbuzz: Werden sich Netflix und Amazon also Ihrer Meinung nach wieder von den Dok-Filmen abwenden?

Sponsel: Netflix wird meiner Meinung nach in Zukunft nur das produzieren, was auch wirklich erfolgsversprechend ist. Anders ist das bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die haben über den Rundfunkstaatsvertrag den Auftrag, ein Programm zu produzieren, das nicht quotenrelevant ist. Bei Netflix wird in Zukunft alles, was nicht geklickt wird, nicht produziert. Wenn wir das jetzige Modell weiterdenken, werden in den nächsten zehn Jahren die öffentlich-rechtlichen Sender wegbrechen, die anspruchsvolle Stoffe produzieren. Und Netflix und Amazon werden nicht die Filme produzieren, über die wir gerade reden. Es kommt zu einem gnadenlosen Verdrängungsmarkt.

nordbuzz: Wobei man sich zunächst gewundert hat, dass Netflix, um das Schaufenster zu befüllen, auch Sachen reingelegt hat, die vielleicht auf den ersten Blick nicht unbedingt Publikumskracher sind...

Sponsel: Schlaue Politik, klar. Netflix und Co. kaufen Stoff gerade zu günstigen Preisen ein. Was aber die zukünftige Versorgung mit eigenen anspruchsvollen Produktionen angeht, bin ich skeptisch.

nordbuzz: Es klingt fast so, als ob Sie sich Sorgen um das Geschäftsmodell von Netflix machen.

Sponsel: Um Netflix mach ich mir keine Sorgen, um unser Geschäft mach ich mir Sorgen. Konkret bereitet mir die künftige Finanzierung des Dokumentarfilms Bauchschmerzen. Es geht um Projekte, die jetzt noch aus dem Finanzierungsmodell Senderbeteiligung, Förderung und dann die üblichen Auswertungsstategien wie Kino und Auslandsverkäufe finanziert werden. Die Senderbeteiligungen schwinden zunehmend. Die Öffentlich-Rechtlichen ziehen sich immer stärker zurück, weil sie selbst unter Druck geraten. Deshalb sorge ich mich um Filme, die wir unter dem Aspekt der kulturellen Bildung oder des Kulturguts sehen. Also um Projekte, die nicht per se Quote machen. Sie haben ihre Berechtigung, so wie vieles in unserer Gesellschaft eine Berechtigung hat. Um August Everding zu zitieren: „Es gibt doch Leute, die selbst nie schwimmen gehen würden und es trotzdem hervorragend finden, dass es in unserer Gesellschaft Schwimmbäder gibt.“ Als Kulturgut für alle Menschen. Aber wenn wir in Zukunft weiterhin verstärkt über die Quote diskutieren oder über die Klickrate, dünnt sich alles aus, was diesem Druck nicht standhalten kann. Netflix und Co. haben keinen Bildungsauftrag. Sie haben als einzigen Auftrag die Gewinnerwirtschaftung.

nordbuzz: Haben Netflix und andere vielleicht auch das Geschäftsmodell bei den traditionellen Partnern verdorben?

Sponsel: Das Leiden der Dok-Filmer ist ein Prozess, der schon mit der Konkurrenz durch die Privatsender in den 80er-Jahren und dem Einsetzen der Quotendiskussion begonnen hat. Die öffentlich-rechtlichen Sender ziehen sich zunehmend aus nicht-quotenrelevanten Produkte zurück. Weil sie sich über Quotenerfolge meinen, öffentlich rechtfertigen zu müssen. Dabei haben wir einen Rundfunkstaatsvertrag.

nordbuzz: Wenn man aus Sicht der Kreativen argumentiert, wird ja häufig angemerkt, dass heutzutage nicht nur die neuen Player, sondern auch die technischen Möglichkeiten vieles vereinfacht haben. Spiegelt sich das eigentlich in den Werken, die an Sie heran getragen werden wider?

Sponsel: Natürlich. Die Digitaltechnik und die neuen Kameratechnologien haben den Dokumentarfilm gravierend verändert. Noch vor zehn Jahren konnte man in den ersten zehn Sekunden einen Dokumentarfilm von einem Spielfilm unterscheiden, weil er einfach ganz anders aussah. Er wurde nämlich mit anderen Kameras gedreht. Wenn ich auf der Spiegelreflex eine Szene für einen Dokumentarfilm drehe, sieht die erst mal einfach richtig gut aus, ohne dass ich viel dafür tun muss. Aber auch heute kann es in die Hose gehen, wenn man einfach mal mit einer Spiegelreflexkamera einen Film dreht.

nordbuzz: Weil man möglicherweise versucht, vorab weniger zu planen, Einstellungen nicht genau festzulegen?

Sponsel: Das auf jeden Fall. Aber auch, weil vielleicht der Content nicht reicht. Ein Film, der nur gut aussieht, ist ja nicht gleich ein guter Film.

nordbuzz: Man sieht in Ihrem Festival-Programm einige Trends, die gesellschaftlich sehr brisante Themen berühren. Was ist denn der Generalbass der Dok-Filmer derzeit?

Sponsel: Wir sind so sehr gefragt als Kompass im gesellschaftlichen Diskurs wie noch nie. Das sieht man auch an unseren beiden Themenreihen, also der Gastland-Reihe „DOK USA“, in der wir ausschließlich Filme präsentieren, die quasi „beyond Trump“ das amerikanische Hinterland mit den einfachen Leuten zeigen. Es gibt die USA ja noch jenseits des Getöses um Trump. Mit unserer Fokusreihe „DOK.female“ beziehen wir ebenso stark Position. Die Debatte um Metoo war ja nur ein Ausgangspunkt, es geht uns viel allgemeiner um Gendergerechtigkeit. Es ist an der Zeit, andere Geschichten zu erzählen oder Geschichten anders zu erzählen. Das Erzählen von Geschichte und Geschichten konstituiert Gesellschaften. In dieser Hinsicht bietet sich dem Dokumentarfilm eine riesige Chance, diesen Prozess mitzugestalten.

nordbuzz: Manchmal wird das Schlagwort von der Selbstausbeutungsbereitschaft der Dokumentarfilmer angeführt. Zuletzt wurde in Ihren Kreisen vorgerechnet, dass das Einräumen von Regalen ein lukrativerer Broterwerb als das Filmemachen sei ...

Sponsel: Es gibt die Aktion der AG DOK, gerechte Gagen zu fordern. Die Organisation hat im vergangenen Jahr die 13 für den Dokumentarfilmpreis nominierten Filme analysiert - und kam auf erschütternde Tagesgagen für Regie. Es ist eines der Dilemmata, dass die Budgets immer kleiner werden. Viele Dok-Filme können eigentlich nur mit einem gewissen Grad an Selbstausbeutung entstehen. Für gute Dokumentarfilme Zeit braucht man eben Zeit. Zeit beim Drehen, Zeit in der Recherche, Zeit in der Entwicklung und Zeit in der Montage.

nordbuzz: Kann man sagen, dass die Sender angesichts der Fülle an Produktionen die luxuriöse Rolle des Rosinenpickers haben?

Sponsel: Ein Überangebot an Ideen und an Manuskripten für Dokumentarfilme ist schon länger vorhanden. Der Markt reguliert sich teilweise ungesund. Aber das ist ja überall bei Märkten so, in denen ein Überangebot existiert.

nordbuzz: Selbst bei Filmen, die es in das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm geschafft haben, wundert man sich über Stoffe, die sehr weit weg sind von der Wirklichkeit der Deutschen. Sehen Sie mit Sorge, dass junge Dokumentar-Kreative in die falsche Richtung laufen und sich verrennen?

Sponsel: Scheitern gehört zur Kunst immer dazu. Aber da der Dokumentarfilm eine narrative Kunst ist, bereichern solche Projekte den Markt. Dass jemand etwas wagt, von dem man nicht glaubt, dass es gelingen könnte, ist doch prima. Wenn Dokumentarfilme nur für den Markt produziert würden, dann sähen sie irgendwann alle gleich aus. Sie wären gefällig und funktional. Mit einem Film muss man immer mal wieder etwas riskieren, und man darf auch das Publikum durchaus wachkitzeln. Es ist ein großes Interesse erkennbar, mit Anspruchsvollem gefordert und nicht nur berieselt zu werden. Es gibt im Fernsehen den Sport, es gibt die Samstagabendunterhaltung, aber es muss auch, natürlich nicht zur Hauptsendezeit, aber zu einer vernünftigen Abendstunde, Dokumentarfilme geben. Filme, mit denen nicht alle angesprochen werden. Das, finde ich, ist ein Auftrag.

nordbuzz: Es gibt auch fiktionale Stoffe, die um Sendeplätze kämpfen müssen. Ist das ein Klischee, dass ein Dokumentarfilm angeblich immer sperrig ist?

Sponsel: Natürlich ist das ein Klischee. Alles, was ich gesagt habe, gilt genauso für den Arthouse-Spielfilm. Dass der Dokumentarfilm sperrig oder unzugänglich sei, stimmt einfach nicht. Wir haben in unserem Programm jedes Jahr Beispiele, die das Gegenteil belegen: Diese Filme sind sehr zugänglich, sehr unterhaltsam und trotzdem relevant.

nordbuzz: Können wir noch über „The Cleaners“ reden? Ein sehr brisantes Thema. Es war für die Filmemacher ja wahrscheinlich höchst schwierig, sich hinter die Kulissen von Facebook zu begeben.

Sponsel: Die Filmemacher sind quasi neu im Geschäft. Es ist ihr erster regulärer Film. Sie kommen aus dem Theaterbereich und hatten die Idee, über verschiedene Kontakte hinter die Kulisse zu blicken. Der Film operiert im investigativen Bereich. Und das ist bei so einem Weltkonzern und so einem weltumfassenden Thema nicht ganz einfach.

nordbuzz: Zittern die Filmemacher noch vor den Facebook-Juristen?

Sponsel: Das weiß ich nicht. Der Film hatte seine Premiere auf dem Sundance Festival und kam da richtig gut an - im Ursprungsland von Facebook. Wir haben es geschafft, die Deutschland- Premiere zu ergattern. „The Cleaners“ ist ein tolles Beispiel für einen sehr relevanten Film, der aufklärerisch ein Thema erarbeitet und das dabei filmisch umfassend und gut macht. Das Investigative ist keine leichte Aufgabenstellung. Und aus dem dann auch noch einen kinokompatiblen Film zu machen: Hut ab!

nordbuzz: Wenn man auf Ihren Publikumsandrang blickt, könnte man trotz allem sagen, dass der Dokumentarfilm boomt. Oder nicht?

Sponsel: Dokumentarfilme werden im Kontext von sogenannten Fake-News immer wichtiger. Es geht uns um die Verortung der Wirklichkeit. Und die ist eine große Sehnsucht der Leute. Denn worum geht's denn im Kino? Im Kino sehe ich Menschen auf der Leinwand, im Kino werden Geschichten erzählt, das sind Begegnungen. Und die Sehnsucht von Menschen, anderen Menschen zu begegnen, ist groß. Natürlich gibt es in vielen Kinofilmen die Begegnung mit Helden und Superhelden. Alles Überhöhung, wunderbar! Aber eine andere Sehnsucht ist eben eine Begegnung auf Augenhöhe. Es geht mir darum, einen Mensch auf der Leinwand zu sehen, der etwas mit mir zu tun hat und der auch wirklich ich sein könnte. Dafür ist der Dokumentarfilm das beste Medium.

nordbuzz: Sind die Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung gute Zeiten für das Bedürfnis, sich wiederzufinden?

Sponsel: Wir leben in einer wirklich nicht einfachen Zeit, in der viele Umbrüche passieren. Das heißt ja auch: Es gibt was zu erzählen. Wenn alles wunderbar laufen würde - was es auf dieser Welt noch nie so war -, gäbe es auch nicht so viel zu erzählen.

teleschau

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