Herbert Grönemeyer

Deutscher Gutmensch aus Trotz

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Herbert Grönemeyer, Deutschlands Pop-Gewissen, wird am 12. April 60 Jahre alt.

Herbert Grönemeyer wird 60: Als empathisches Gewissen der Pop-Nation braucht es den trotzigen Gutmenschen derzeit dringlicher denn je.

Das Deutschland der vergangenen Monate scheint nicht mehr jenes von Herbert Grönemeyer zu sein. "Ich finde es wirklich enttäuschend, wie jetzt die Stimmung kippt", gab der sozial engagierteste der hiesigen Konsensmusiker kürzlich bei einer Benefizgala zu Protokoll. Er, der leidenschaftliche Humanist, der Ins-Gedächtnis-Rufer, der emotionale Mahner. Er, der mit seiner Musik die Seele dieses Landes ausleuchtet wie kein Zweiter, sie zugleich versteht, verortet und verkörpert. Dass sich die vorgebliche Willkommenskultur nicht selten als rassistische Engstirnigkeit entpuppt, kann Grönemeyer nur mit Enttäuschung hinnehmen. Schließlich repräsentierte der Superstar mit Kumpelattitüde in den vergangenen Jahrzehnten wie kein anderer Künstler das oft imaginierte "gute Deutschland" in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten. Wenn der Kosmopolit aus Bochum am 12. April seinen 60. Geburtstag begeht, braucht es ihn als empathisches Gewissen der (Pop-)Nation dringlicher denn je.

Es ist gerade zwei Jahre her, dass Herbert Grönemeyer auf seinem letzten Album "Dauernd jetzt" mit "Unser Land" eine Art Liebeslied an Deutschland veröffentlichte: "Es ist allerhand hier zu sein / So ein schönes Land / Ganz allgemein / Die wahre Tücke steckt im Detail." Und: "Dies ist unser Land / Es ist ein vielschichtiges Revier". Der reflektierte Patriotismus, der aus jenen Zeilen sprach, spiegelt das bundesrepublikanische Gemüt des Ruhrpottlers, verweist auf dessen sympathische Ambivalenz. Zwischen Malocher-Habitus und dem feinen Zwirn des Weltbürgers, zwischen Heimatliebe und konstruktiver Kritik an hiesigen Missständen. Allein, der Jubilar mag sich fragen: Ist dies denn noch "unser Land"?

Denn inzwischen trifft Grönemeyer, dem Böswillige vor ein paar Jahren augenzwinkernd höchstens Bono-artiges Gehabe oder affektierten Gesang vorwarfen, mit seinem eigentlich heimelig-harmlosen Bessereweltdenken auf Ablehnung. Flüchtlinge seien ein "Geschenk", hatte er auf einem Kölner Charity-Event namens "Auch ihr seid jetzt Deutschland" gesagt, es sei "menschliche Geste" ihnen zu helfen. Zudem warnte er vor einer "diffusen Debatte" - alles Worte, die jenen Engstirnigen, denen sie galten, sauer aufstoßen mussten. Was sich auf Grönemeyers Facebookprofil denn auch in einem Reigen beleidigender Kommentare niederschlug, von denen "Versager" und "Schwätzer" noch die harmlosesten waren.

Grönemeyer gilt jenen Schreihälsen als Inbegriff des beleidigend gemeinten Ausdrucks "Gutmensch". Dass er tatsächlich einer ist - daraus machte er nie einen Hehl. Im Januar 2015, als die Pegida-Demostrationen gerade begannen, trat der überzeugte Idealist mit anderen Künstlern an der Dresdner Frauenkirche auf und wurde damals bereits deutlich: "Jedes Gestammel von Überfremdung ist eine verbale Brandstiftung und eine ignorante Verblendung. Die Welt ist geöffnet, jeder hat Zugang, nicht nur wir."

Auf dem Dankeskonzert für die Flüchtlingshelfer in München Anfang Oktober beschwor der zweifache Vater als Hauptact das Publikum nicht nur mit einem "Mir san mia. Jetzt samma mehr und das ist gut so", sondern kritisierte nebenher die CSU-Parolen in der Flüchtlingsdebatte als "Unsinn". Kurz darauf sagte er in Jauchs ARD-Talk, Seehofer betreibe "geistige Brandstiftung" - und erntete dafür nicht wenig Kritik. Anecken, das kann er, jenseits aller Charttauglichkeit. Mit der bräsig-aufgeblasenen Charity-Kultur Hollywood'scher Prägung hat ein Grönemeyer nur wenig gemein. Mehr als selbstbeweihräuchernde Naivität treibt ihn demokratischer Trotz.

Jene Trotzhaltung im besten Sinne, jene Standhaftigkeit des väterlichen Aufklärers, machte aus Grönemeyer im seichten Gewässer der Kulturindustrie eine besondere und auch verklärte Figur. Auch fragwürdige Aktionen wie die Verteidigung Xavier Naidoos ändern nichts daran, dass viele liberale Geister in der aktuellen Situation eine resolute Menschlichkeit nach seinem Vorbild für nötiger denn je erachten. Ebenso wie die Merkel'sche Frage nach "unserem Land" goss Grönemeyer auch das Diktum der Kanzlerin "Wir schaffen das" im Grunde schon lange zuvor in Lieder. Aus dem "Ich schaffe das" in der schwersten Zeit seines Lebens, nachdem 1998 zuerst sein Bruder und kurz darauf seine geliebte Frau starben, erwuchs 2002 mit "Mensch" nicht nur das meistverkaufte deutsche Album aller Zeiten, sondern auch die Grundlage für sein Schaffen der vergangenen 14 Jahre.

Bewirkten seine leichtfüßig-abgeklärten 80er- und 90er-Jahre-Hits wie "Männer", "Alkohol" und "Luxus", dass man Grönemeyers unvergleichliche Stimme fortan vom Stammtisch bis zur Comedy-Show standardrepertoiremäßig imitierte, waren die letzten anderthalb Dekaden anders geprägt: Der ambivalente Leidenschaftsmensch trat stärker hervor und traf sich mit dem experimentierfreudigeren Musikliebhaber zum Pop-Stelldichein. Wie bereits vor dem Schicksalsjahr 1998, doch wesentlich subtiler und unendlich intensiver, erforschte Grönemeyer von "Mensch" über "12" und "Schiffsverkehr" bis "Dauernd jetzt" das Wirken des Zeitgeistes, konkreter: des deutschen. Sein oft kritisierter Wohnsitz in London dürfte dem nun Wieder-Berliner dabei immer geholfen haben.

Keiner verknüpft Introspektive und beobachtenden Blick von außen so präzise: Grönemeyers Lieder vertonen das Gefühl der Gegenwart, zugleich finden sie in der lockeren Poesie des Allzumenschlichen immer das Konstante, das Zeitlose. Schnell schwang er sich so zum Mittelstands-Hoffnungsmacher par excellence auf - ohne jedoch die hohlen Durchhalteparolen des üblichen Pop-Geschäfts zu bedienen. Denn Grönemeyer hebt sich nicht nur in Sachen politischer Haltung von den rückgratlosen üblichen Interpreten des Chart-Grundgeblubbers ab. Von dessen plätschernder Langeweile emanzipiert ihn auch seine Fähigkeit, Stimmungen in modernem Popgewand zu verdichten, ohne dabei je den Ereignishorizont des Beliebigen oder Kitschigen zu streifen.

Gäbe es nur Künstler wie den vielfach Ausgezeichneten, der auch als Produzent mit seinem Plattenlabel "Grönland" sowie als Schauspieler Erfolge feierte, und der bislang über 13 Millionen Platten verkaufte - man müsste Begriffe wie "Konsensmusiker" und "Massentauglichkeit" neu definieren, als etwas Positives, Erstrebenswertes. Viele gibt es nicht, deren Lieder von der Hausfrau am Radio und vom Punk im Jugendklub ebenso mitgesungen werden wie auf der Schlagerparty und in der Studi-WG. Dass sich aus jenem deutschen popmusikalischen Konsens in diesen Zeiten einige Fans aufgrund Grönemeyers politischer Haltung entfernen, dürfte dem Geburtstagskind nur recht sein. Vielleicht ist es mit 70 ja wieder sein Land.

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