Matthiesens Töchter - Fr. 08.04 - ARD: 20.15 Uhr

Die Demenz und die Anarchie des Alters

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Gemeinsam sind sie stark: Matthiesen (Matthias Habich) und seine Töchter Thirza (Anja Antonowicz, links), Rahel (Ulrike C. Tscharre, zweite von links) und Esther (Julia Jäger).

Einst flohen sie vor dem dusselig-anarchischen Vater, nun kehren drei Töchter auf den herabgewirtschafteten Hof zurück. Heimatfilm mit Western-Flair.

Wahrscheinlich sollte man allfällige Hinweise zu Fernsehfilmen vorher besser doch nicht lesen. Titus Selge, der Regisseur des Freitagsmovies "Matthiesens Töchter" im Ersten, hat einem in einem Vorab-Interview jedenfalls den Mund so wässrig gemacht, dass sich die Filmkost selbst dann doch als eher enttäuschend entpuppt. Der Regisseur versprach nämlich, "mit allen Elementen des Western-Genres" zu spielen und dabei vor Raufereien, einem Banküberfall und Songs am Lagerfeuer nicht haltzumachen. Von "epischen Pausen" war gar die Rede - und überhaupt von einem "Traum vom Kino im Fernsehen". Das klang nicht schlecht.

Das Opening setzt dann, bevor sich Matthias Habich als Titel-Bauer Matthiesen schläfrig aus dem Stroh in seiner Scheune schält, noch eins drauf. Tatsächlich reiten da drei Cowgirls über Meckpomms Felder und Wiesen hinweg, während eine Mädchenstimme aus dem Off erklärt, dass das ein Bild aus holder Jugend sei. Die Prärie als Kindheitstraum. Wunderbar braun sind die Pferdebilder eingefärbt, eine an "Dallas" gemahnende Hintergrundmusik lässt die Erwartungen steigern.

Was dann aber eintritt, ist vor allem die Zerschlagung aller Western-Träume. Der Kampf eines Outcasts gegen Law-and-Order-Menschen? Ein nicht tot zu kriegender Freiheitstraum? Womöglich eine Liebe, die sich über jedes Viehgatter hinwegzusetzen weiß? - Das alles gibt es nicht, das Warten wird vergeblich bleiben. Stattdessen sieht man Matthias Habich, der, nachdem er sich aus dem Stroh geschält hat, mit Schnapsflaschen um sich schmeißt oder mit seiner Flinte auf selbige schießt, während - angeblich nach Jahrzehnten - nun drei eher ungeliebte Töchter zurückkehren auf den abgewirtschafteten väterlichen Hof. Teils wegen ihrer Erfolglosigkeit in der Fremde. Teils aber auch, weil sie halt irgendwie noch immer am alten Vater hängen.

Auch schroffe Bemerkungen schrecken die drei nicht ab. Sagt eine: "Siehst gut aus, Papa!" kommt ihr sofort ein "Bist alt geworden entgegen!" belfernd entgegen. Fakt ist: Der Alte hat den Pferdehof verspielt, in drei Tagen droht die Pfändung. Der Hypothekar von der Sparkasse ist auch schon da - in Gestalt des schillernden Martin Brambach übrigens, der erst jüngst den Kommissar und Volksmusikliebhaber im Dresdner "Tatort" gab. Brambach öffnet die Scheunentür einen Spaltbreit und lässt mit dem ihm eigenen Humor ein wenig Licht herein. Der Mann weckt Hoffnung auf ein Happyend.

Bis zum Eintritt desselben rotzen sich der herabgesunkene Hofbesitzer (auch die inzwischen unvermeidliche Altersdemenz darf hier wieder einmal eine wichtige Rolle spielen) und seine Töchter (Julia Jäger, Ulrike C. Tscharre, Anja Antonowicz) mit erstaunlicher Ausdauer an. Man merkt schon: Hier soll dem gemeinen Familienfilm-Genre eins mitgegeben werden. Es muss eine in der Degeto-Krise geborene Idee gewesen sein: Neue Winde sollen am Freitagabend im Ersten wehen. Was oben ist, soll unten sein. Weg mit der heilen Frauen- und Familienwelt.

Leider bleiben die Witze, insbesondere die über Matthiesens Altersdemenz, eher schal. Altgewohntes wird hier brav zersägt, Familienverhältnisse pseudoanarchisch außer Kraft gesetzt. Nur selten, sehr selten, stellt sich doch noch so etwas wie das versprochene Western-Feeling ein. Dann sitzt Matthias Habich in seiner Scheune. Durch die Ritzen blinzelt das Sonnenlicht der mecklenburger Prärie. Es lässt den Kerl mit der dreifach krumm gefalteten Lederstirn merkwürdig jung erscheinen. Doch die Anarchie des Alters trägt alleine eben keinen Film.

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