Dresdner „Geister-Krimi“

Darf der „Tatort“ zum Gruselfilm mutieren?

Dürfen im "Tatort" Geister auftreten? Die paranormal begabte Talia (Hannah Schiller, links) wird - im Wortsinn - von Visionen verfolgt.
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Dürfen im „Tatort“ Geister auftreten? Die paranormal begabte Talia (Hannah Schiller, links) wird - im Wortsinn - von Visionen verfolgt.

Nun gut, gruselig war er schon - der neue „Tatort“ aus Dresden. Aber mögen die Menschen das auch? Wie reagierten „Tatort“-Fans bisher auf „übersinnliche“ Folgen?

Angestrengt arbeiten „Tatort“-Drehbuchautoren und Redaktionen mitunter daran, besonders kühn gedachte Folgen doch noch so zu „tunen“, dass man sie aus bestimmter Perspektive als realistisch bezeichnen könnte. Besonders schwer wird dies, wenn Geister, Vampire, Zeitschleifen und andere Phänomene der Metaphysik ins Spiel kommen - so wie in der Dresdner Folge „Parasomnia“ am Sonntagabend. Nicht das erste Mal, das der „Tatort“-Krimi derart kühn in die Irre führte ...

Worum ging es?

Der allein erziehende Ben (Wanja Mues, „Ein Fall für zwei“) bezieht mit seiner 14-jährigen Tochter Talia (Hannah Schiller) ein altes Haus, das etwas abgelegen in einem Waldstück liegt. Seit dem frühen Tod der Mutter leidet Talia unter Schlafstörungen. Oft sieht sie nachts Dinge und Menschen, die andere nicht wahrnehmen. Dann wird Talia Zeugin eines echten Mordes im heimischen Gruselhaus, kann sich in der Befragung durch Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) jedoch nur an Farbdosen statt einer Leiche und ausgelaufenes Rot statt Blut erinnern. Ein Muster ihrer Parasomnie, in der das Mädchen allzu Schreckliches in Dinge verwandelt, mit denen ihr geängstigtes Bewusstsein im Wachzustand leben kann. Während Gorniak und ihr Chef Schnabel (Martin Brambach) mit der ungewöhnlichen Jugendlichen nicht weiterkommen, „verliebt“ sich Talia auf den ersten Blick in die Ermittlerin Leo Winkler (Cornelia Gröschel), die sie an ihre verstorbene Mutter erinnert. Die finstere Reise ins Unterbewusste der „Seherin“ und paranormale Ermittlungen in einer alten Mordserie können beginnen.

Worum ging es wirklich?

In Filmen des Duos Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie) geht es eigentlich immer darum, klassische Film-Genres - meist aus dem US-Kino - auf den deutschen „Tatort“ zu übertragen. Am liebsten arbeiten sich die beiden am Themen-Kanon aus Thriller-, Horror-, Grusel und Science-Fiction-Streifen ab. Dies jedoch fast immer spannend und originell, so wie in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Berliner Folge „Meta“, dem Frankenkrimi „Ein Tag wie jeder andere“ oder einer der besten Murot-Folgen „Es lebe der Tod“ mit Jens Harzer als philanthropem Massenmörder. Dass Yesilkaya und Marka auch außerhalb des „Tatorts“ arbeiten, bewies „Exit“ mit Friedrich Mücke - ein Film, der am 28. Oktober als ARD-Mittwochsfilm Premiere feierte. Im kühnen Science-Fiction-Drama ging es darum, ob ewiges Leben als digitaler Avatar für den Menschen erstrebenswert sein könnte oder nicht. Man sieht: Die Themen des Kreativduos fallen gern mal etwas „größer“ aus.

„Tatort“- Historie: Das waren die „übersinnlichsten“ Folgen

Auch das Frankfurter Ermittlerduo Janneke und Brix versuchte sich mit „Fürchte dich“ bereits am paranormalen Genre. Klassische Gruselfilm-Themen wie Geister und Besessenheit sorgten Ende Oktober 2017 für gemischte Kritiken und schwache Quoten. Mit 6,9 Millionen Zuschauern war der HR-Krimi für eine der am schwächsten eingeschalteten „Tatort“-Folgen des Jahres verantwortlich. Ebenfalls kühn: Die Bremer Episode „Blut“, die ein Jahr später - im Oktober 2018 - mit dem Gedanken spielte, dass Vampire tatsächlich existieren könnten. Mit 8,3 Millionen Zuschauern fiel die Quote hier recht ordentlich, wenn auch nicht überragend aus. Als Klassiker unter den paranormalen „Tatorten“ gilt die Lena Odenthal-Folge „Tod im All“, die im Januar 1997 die Möglichkeit einer Entführung durch Außerirdische ernsthaft „durchspielte“. Am Freitagabend, 20. November, wird die damals für einen Grimme-Preis nominierte Folge mit Ulrike Folkerts als Ermittlerin um 22.15 Uhr im Ersten wiederholt. Außerhalb der Realismus-Debatte laufen zudem beinahe sämtliche Folgen des Ermittlers Felix Murot (Ulrich Tukur), die sich bislang unter anderem mit Zeitschleifen und Paralleluniversen innerhalb einer - kaum noch wahrnehmbaren - Krimihandlung beschäftigten.

Wer war das „übersinnliche“ Mädchen?

Was für eine Hauptrolle für eine bislang fast unbekannte junge Schauspielerin! Die 14-jährige Talia wurde von der in Wahrheit 20-jährigen Hannah Schiller gespielt, von der man in Zukunft noch mehr hören und sehen dürfte. Die junge Bonnerin machte bereits mit der WDR-Familienserie „Phoenixsee“ auf sich aufmerksam. Zudem spielt sie eine Hauptrolle in „Die fremde Tochter“, dem neuen Film von Daniel Nocke (Drehbuch) und Stefan Krohmer (Regie). Das Drama feierte im Frühherbst 2020 beim Filmfest Hamburg Premiere. Eigentlich ist die tatsächlich noch etwas kindlich wirkende junge Frau aber bereits ein alter Hase im Geschäft. In Serien wie „Heldt“, „Der Alte“ oder „Alarm für Cobra 11“ spielte sie bereits Episodenrollen. In der BR-Comedyserie „München Grill“ war Hannah Schiller zudem regelmäßig als Filmtochter von Christine Neubauer zu sehen. Der starke Auftritt im „Tatort“ dürfte und der kommende Krohmer-Nocke-Film dürften ihr allerdings mehr Beachtung auf einer neuen „Qualitätsstufe“ verschaffen.

Wie geht es weiter beim Dresdner „Tatort“?

„Parasomnia“ war der zehnte Fall für das neue Dresdner-Team, das allerdings mit Claudia Gröschel für Alwara Höfels bereits eine Umbesetzung erfuhr. Mittlerweile sind zwei weitere Folgen abgedreht. In diesem Herbst entstand unter dem Arbeitstitel „Pavlovs Köter“ eine Folge, in der Karin Gorniak und Leonie Winkler einem Stalker auf der Spur sind. Während der Ermittlungen gerät Gorniak allerdings selbst ins Fadenkreuz des mutmaßlichen Mörders. Mit Anna Maria Mühe und Christian Friedel („Babylon Berlin“) hat der Film prominente Gastschauspieler zu bieten. Auch hier führte Christian Marka Regie, das Drehbuch stammt allerdings von Michael Comtesse. Davor entstand jedoch noch Fall elf, „Rettung so nah“ (Arbeitstitel), in dem es um den Mord an einem Rettungssanitäter geht. Der Film entstand unter der Regie der erst 32-jährigen Isabel Braak (Drehbuch: Christoph Busche), die bislang eher im Komödienfach („Bonusfamilie“, „Magda macht das schon“) auffiel.

teleschau

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