„Sportschau: Der größte Gegner ist das Klischee - 50 Jahre Frauenfußball“

„Chauvinistisch, sexistisch, dumm“: Warum es der Frauenfußball immer noch schwer hat

Frauenfußball (hier die U?19?Fußball?Europameisterschaft der Frauen 2013) hatte es nicht immer leicht. Mit welchen Klischees sie zu kämpfen haben verraten Spielerinnen wie  Merle Barth (rechts) in der Doku.
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Frauenfußball (hier die U?19?Fußball?Europameisterschaft der Frauen 2013) hatte es nicht immer leicht. Mit welchen Klischees sie zu kämpfen haben verraten Spielerinnen wie Merle Barth (rechts) in der Doku.

Die Geschichte des Frauenfußballs ist von Klischees und üblen Vorurteilen geprägt. Zum Jubiläum des Sports begibt sich die „Sportschau“ gemeinsam mit aktuellen und ehemaligen Spielerinnen auf eine Zeitreise.

„Dicke Beine in kurzen Höschen“ oder „lesbische Mannsweiber“: Seit seinen Anfängen hat der Frauenfußball mit bösartigen Kommentaren und Vorurteilen zu kämpfen. Bis 1970 war der Sport für Frauen sogar offiziell verboten. 50 Jahre später hat sich zwar einiges verändert, doch eine echte Gleichberechtigung gibt es noch immer nicht. Dies zeigt die Dokumentation „Der größte Gegner ist das Klischee - 50 Jahre Frauenfußball“ im Rahmen der „Sportschau“ am kommenden Sonntag, 16. August, um 18.30 Uhr, im Ersten.

Der Filmemacher Jürgen Schmidt hat aktuelle wie ehemalige Frauenfußballerinnen getroffen und gemeinsam die Geschichte ihres Sports dokumentiert. Merle Barth, Abwehrspielerin beim 1. FFC Turbine Potsdam, hat mit vier Jahren mit dem Fußball spielen angefangen. Ähnlich wie für ihre Kollegin Jessica Wich (Bayer 04 Leverkusen) war ein Mädchen auf dem Platz für sie immer „ganz normal“.

Doch das war nicht immer so: „Chauvinistisch, sexistisch, dumm“, so beschreibt Hannelore Ratzeburg, als Vizepräsidentin die erste Frau im DFB-Vorstand, die Kommentare der Männer in der Anfangszeit. Sprüche wie „Decken, decken - nicht Tisch decken“ oder Schlagzeilen wie „Wenn meine Frau spielt, dann Scheidung“ waren eher die Regel als die Ausnahme. Wich und Barth können darüber zwar lachen, doch grundsätzlich sei es schon traurig, sagen sie.

Der Anfang war hart

Anfang der 1950-er wurden „Damen in kurzen Hosen belächelt und verbal weggegrätscht“, heißt es. Bärbel Wohlleben, die als „der weibliche Franz Beckenbauer“ in die Geschichte einging, erinnert sich bis heute: „Die kamen ja ins Stadion, um eben nicht die Frau als Sportlerin zu sehen, sondern als weibliche Person, an der sie sich verlustieren konnten“, erklärt sie. Im Jahr 1955 wird Frauenfußball vom DFB sogar einstimmig verboten. Vereine, die die Damen unterstützen, werden bestraft. Sogar die Medizin äußert Bedenken: „Der Fußball widerspricht der weiblichen Natur. Frauen nehmen körperlichen und seelischen Schaden.“

Im Untergrund geht die Entwicklung jedoch weiter: Ende der 1960-er gibt es schon 1.000 Frauenteams. Fußballerinnen werden sogar ins Ausland eingeladen. 1970, nach 15 Jahren, wird das Verbot aufgehoben, die Vorurteile aber bleiben. Bibiana Steinhaus kennt sich mit Klischees aus. Als erste weibliche Schiedsrichterin der Bundesliga musste auch sie einiges enstecken. Im Film erklärt sie: „Unsere Generation muss vor allem dankbar sein, dass es diese Frauen überhaupt gab, die so mutig sich diesen Klischees entgegengestellt haben.“ All das mache den heutigen Fußballsport überhaupt erst möglich.

In den 1980-ern ging es aufwärts

Als Bärbel Wohlleben 1974 als erste Frau ein „Tor des Monats“ schießt, ist das eine willkommene Werbung für den Frauenfußball. Sieben Jahre später gewinnt die Frauenmannschaft SSG 09 Bergisch Gladbach den ersten WM-Titel in Taiwan. Eine deutsche Nationalmannschaft gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht.

In der DDR hatte es der Frauenfußball leichter. Das weiß Bernd Schröder, Trainerlegende bei Turbine Potsdam: „Wir hatten ja durch unsere sogenannte Verfassung die Gleichberechtigung der Frau festgeschrieben. Und deshalb hatten wir nie das Problem, dass wir verboten waren.“ Gefördert wurden die Mannschaften dennoch nicht, weil es keine entsprechende olympische Disziplin gab. So sollte es auch nur ein einziges Frauenländerspiel in der DDR-Geschichte geben.

Im Jahr 1989 holt die Deutsche Frauenfußballnationalmannschaft im Westen den ersten Weltmeistertitel. In einem Kommentar heißt es damals: „Die letzte Domäne des starken Geschlechts dahin.“

Sie wollen einfach nur spielen

Heute ist die gesellschaftliche Stellung des Frauenfußballs eine andere: Nörgler, so heißt es im Film, würden immer weniger. Die ehemalige Spielerin Nia Künzer betont: „Ich habe nicht das Gefühl gehabt, ich muss gegen irgendein Klischee ankämpfen.“ Nicht zuletzt sie selbst sorgte einst für einen Quantensprung: Durch ihr Golden Goal im Finale der Weltmeisterschaft 2003 am 12. Oktober 2003 für Deutschland gegen Schweden avancierte Künzer zum Medienstar. Das Tor wurde später zum Tor des Jahres gewählt.

Auch die Bezahlung der Spielerinnen wurde inzwischen besser: Die ehemalige Fußballerin und spätere Bundestrainerin Silvia Neid musste früher neben dem Training noch Vollzeit arbeiten. Künzer konnte sich mit dem Sport ihr Studium finanzieren. Dennoch rät sie jeder Spielerin zu einem Plan B, denn Verletzungen könnten die Karriere schneller beenden, als man denkt. Immerhin setzen sich heute Funktionäre wie Siegfried Dietrich, ehemaliger Manager FFC Frankfurt, dafür ein, dass auch Frauen allein vom Fußball leben können. Fünfstellige Monatsgehälter wie im Männerfußball sind nämlich nach wie vor eine Seltenheit.

Auch wenn die Vorbehalte und Klischees weniger geworden sind: Von einer echten Gleichberechtigung der Frauen ist der DFB weiterhin entfernt. Immerhin: Obwohl der Boom der Fußball begeisterten Mädchen seit einigen Jahren nachlässt, ziehen die Einschaltquoten im Fernsehen immer weiter an. Laut der FIFA erlangte die letzte WM der Frauen 1,12 Milliarden Zuschauer über alle Plattformen gesehen. Das sind mehr als jemals zuvor. Vielleicht hat die Erfolgsgeschichte des Frauenfußballs gerade erst begonnen ...

teleschau

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