„Manchmal reicht es, etwas zu spüren“

Carlo Ljubek im Interview über „Atempause“: „Ein Film zum Innehalten“

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Der Hamburger Theaterstar Carlo Ljubek ist zur Zeit immer öfter auch im TV zu sehen. Zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“ im starken Trauer-Drama „Atempause“ - als Vater, der ein Kind verliert.

„Atempause“ ist ein Film an der emotionalen Schmerzgrenze. Auch für die Schauspieler. Carlo Ljubek, selbst Vater einer Tochter, spielt einen Mann, der sein Kind verliert.

Carlo Ljubek war mit 21 Jahren das erste Mal im Theater - als Zuschauer. Nach seiner Schauspielausbildung an der Münchener Otto-Falckenberg-Schule arbeitete sich der Spätstarter in die erste Garde deutscher Bühnen-Stars vor. Derzeit gehört er zum Ensemble des Hamburger Schauspielhauses. Auch seine Filmkarriere bewegt sich in großen Schritten voran. Gerade war der Sohn kroatischer Einwanderer an der Seite von Maria Simon im ZDF-Paranoia-Thriller „Im Tunnel“ zu sehen. Im Herbst spielt er im Love-Parade-Drama „Das Leben danach“ im Ersten. Das starke Trauerdrama „Atempause“ (Mittwoch, 14. Juni, 20.15 Uhr, ARD), ein Film zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“, zeigt Katharina Marie Schubert („Wellness für Paare“) und Ljubek als Eltern, die ihren neunjährigen Sohn verlieren. Auch im wahren Leben ist der 41-Jährige Vater. Mit Lebensgefährtin und Kollegin Maja Schöne hat er eine sechsjährige Tochter.

nordbuzz: Herr Ljubek, kann man den Verlust eines Kindes wirklichkeitsnah spielen?

Carlo Ljubek: Wir haben uns diese Frage auch immer wieder gestellt. Es ist ein Film über das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Man kann sich diesen Gefühlen und Ängsten nur annähern, das haben wir versucht.

nordbuzz: Empfanden Sie auch Scham, so etwas zu spielen? Wo man doch weiß, es gibt Menschen, die sind da durchgegangen - und man selbst hat vielleicht eine glückliche Familie.

Ljubek: Eine Scham hatte ich nicht. Auch weil ich mich nie mit jemandem vergleichen würde, dem so etwas passiert ist. Ich habe großen Respekt. Schauspiel ist immer der Versuch einer Annäherung, oft an extreme Gefühlszustände. Wer sich schämt, kann nicht als Schauspieler arbeiten.

nordbuzz: Der Film ist 90 Minuten fokussiert auf dieses Verlusterlebnis. Man sieht einer Familie zu, die sich von diesem Kind verabschiedet. Was wollten Sie herausarbeiten?

Ljubek: Es geht um die Gefühle und Phasen, die Menschen in einer solchen Situation erleben. Wie geht man mit dem Schock um, wie mit diesem unfassbar großen Schmerz? Der Film ist aber nicht nur das. Der Tod festigt auch die Gemeinschaft der Lebenden. Indem er diese eigentlich zerbrochene Familie wieder näher zusammenrücken lässt. Er hat damit auch etwas Tröstliches.

nordbuzz: Sie haben sich mit Hilfe einer Psychologin auf die Rolle vorbereitet, die mit solchen Verlusten professionelle Erfahrung hat. Was haben Sie von ihr erfahren?

Ljubek: Dass die Menschen mit derlei Verlusten in der akuten Phase sehr unterschiedlich umgehen. Einige werden durch den Schock ganz steif und ruhig. Andere hören nicht auf zu kämpfen, sie leugnen die Situation. Natürlich gibt es auch alles dazwischen und im Wechsel.

nordbuzz: Im Gegensatz zur Mutter im Film, die all die Wut und Trauer zeigt, bleibt Ihre Figur ruhig, fast lakonisch. Wie interpretieren Sie das?

Ljubek: So wie ich es eben sagte. Es gibt viele Formen des Schocks, der Trauer, der Bewältigung. Wir zeigen nur einen kleinen Ausschnitt, auch zeitlich. Das ganze Drehbuch spielt an drei Tagen. Wir zeigen diese drei Tage im Krankenhaus. Natürlich - irgendwann muss man akzeptieren und loslassen. Ich wüsste nicht, wie man anders weiterleben soll.

nordbuzz: Warum sollte man sich als Zuschauer so einen Film ansehen?

Ljubek: Das Leben besteht nicht nur aus Komödie. Wir versuchten sehr ernsthaft, die persönliche Katastrophe dieser Familie, ihre Gefühle, für andere sichtbar und erlebbar zu machen. Ich finde es wichtig, dass man den Mut hat, solche Dinge auch um 20.15 Uhr in der ARD zu zeigen.

nordbuzz: Ist der Filmtitel „Atempause“ eine Aufforderung an den Zuschauer?

Ljubek: Vielleicht, ein bisschen. Es ist ein Film zum Innehalten. Man muss nicht immer etwas lernen. Manchmal reicht es, etwas zu spüren.

nordbuzz: Spüren Sie selbst mehr am Theater, wo Sie bis heute fest spielen? Auch wenn Ihre Ausflüge in den Film derzeit häufiger zu werden scheinen ...

Ljubek: Ich liebe die Arbeit am Theater sehr, das stimmt. Trotzdem habe ich auch schon immer neben dem Theater gedreht. Selbst als ich noch auf der Schauspielschule war. Ich habe mich immer nur für Projekte entschieden, die mich persönlich interessierten. Das waren dann eben meist Stoffe, die im Fernsehen irgendwann nachts um zwölf Uhr liefen (lacht).

nordbuzz: Das hat sich mittlerweile geändert. „Das Programm“, „Im Tunnel“, „Atempause“, und irgendwann später im Jahr soll noch ein Film über die Love-Parade-Katastrophe laufen, in dem Sie eine der Hauptrolle spielen.

Ljubek: Natürlich nehme ich wahr, dass ich in letzter Zeit öfter in der Primetime zu sehen bin. Das ist jedoch nicht Folge einer Strategie oder Arbeitswut. Ich handele immer noch nach derselben Regel. Ich mache Filme und spiele Rollen, die mich interessieren. Es gibt nur dieses eine Prinzip. Vielleicht werde ich in letzter Zeit einfach öfter für solche Projekte angefragt.

nordbuzz: Schauspieler, sagt man, seien alle Narzissten. Sind jene, die wie Sie fest am Theater arbeiten, die größeren Teamplayer?

Ljubek: Ob alle Schauspieler Narzissten sind, weiß ich nicht. Wir sind auf jeden Fall allesamt zugleich Teamplayer wie auch Ellenbogentypen. Beides sind Eigenschaften, die man für diesen Beruf braucht. Durch die Kombination von Menschen, die beide Eigenschaften besitzen und sich im Sinne einer Arbeit austauschen, entsteht im günstigen Fall ein tolles Kunstwerk. Und dabei muss ich nicht mal die Meinung eines anderen übernehmen, um auf der Bühne oder im Film gut zu sein. Ich sollte mich jedoch aufrichtig damit auseinandersetzen. Wenn ich weiß, dass es um die Sache geht, kann ich auch von Menschen etwas annehmen, die ich ansonsten nicht so mag.

nordbuzz: Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen Bühne und Kamera?

Ljubek: Die Art des Spiels. Wenn ich vor 1.200 Leuten in einem künstlichen Raum stehe und nach der Form suche, etwas Nahes zu erzählen, ist das etwas anderes, als wenn die Kamera eine Großaufnahme von meinem Gesicht macht. Im Film reicht vielleicht schon ein Denkprozess, um eine vergleichbare Intensität zu erreichen.

nordbuzz: Wissen Sie, was Sie am Schauspiel selbst interessiert?

Ljubek: Eine schwierige Frage. Auf die gibt es ein paar Standardantworten, die Schauspieler geben - und die auch sicher nicht falsch sind. Aber auf die habe ich heute keine Lust. Es gibt aber etwas, in dem ein Zauber liegt, den ich immer wieder empfinde, über den wird nicht so oft gesprochen. Man kennt die Situation, wenn Kinder im Sandkasten akribisch Dinge bauen, sie dann aber plötzlich zerstören und ohne Wut oder Frust wieder mit etwas Neuem beginnen. So ähnlich ist es beim Schauspiel - und das ist ungeheuer reizvoll.

nordbuzz: Sie meinen, jede Rolle ist wie ein neues Leben?

Ljubek: Ja, aber nicht nur das. Mich fasziniert, dass man beim Erschaffen einer Rolle verschiedene Herangehensweisen ausprobieren kann. Dass beim Versuch, zu einem Ziel zu kommen, das Scheitern nicht bewertet wird. Zumindest nicht in jenem kleinen Kreis, in dem man das beim Inszenieren oder Spielen vor der Kamera versucht. Das Ergebnis, auf das man sich dann einigt oder das ein Regisseur durchsetzt, wird letztlich natürlich schon bewertet. Das ist dann auch nicht immer einfach, aber es gehört halt zu diesem Beruf dazu.

nordbuzz: Gab es Rollen, die Ihr Leben veränderten? Also nicht im Sinne von Erfolg, sondern von Erkenntnisgewinn?

Ljubek: Nein, keine Rolle hat mich ad hoc verändert. Trotzdem ist es so, dass man sich für fast jede Rolle mit Themen befasst, die oft neu für einen sind. Mit denen man sich ansonsten vielleicht nie in dieser Form und Intensität beschäftigt hätte. Es ist auf jeden Fall ein Geschenk, dass dieser Beruf bereithält. Ich glaube nicht, dass man sich durch eine Rolle so stark verändern kann, wie es durch private Ereignisse der Fall sein kann. Diese Macht hat nur das Leben, nicht der Beruf.

nordbuzz: Haben Sie durch „Atempause“ etwas gelernt?

Ljubek: Vielleicht ist es passender, wenn ich sage, ich habe eine Ahnung mitgenommen. Die nämlich, dass Familie eine Insel in unserem Leben ist, die uns ganz viel Gefühl erleben lässt, dem wir alleine nicht nahekommen würden.

nordbuzz: Fühlten Sie sich im Filmteam auch wie eine Familie, die gemeinsam Trauer bewältigt?

Ljubek: Meine Erinnerung an die Abende dieser Drehtage besteht vor allem aus einem Bild. Ich sitze nackt auf der Kante der Badewanne und starre weiße Kacheln an. So lange, bis mir einfällt: Ach ja, ich sollte mal Wasser einlaufen lassen. Obwohl wir uns im Team gut verstanden haben, hatten wir das Bedürfnis, nach dem Dreh alleine zu sein.

nordbuzz: Was in der Tat ungewöhnlich ist. Normalerweise trinkt man im Team doch gern mal abends noch eine Flasche Wein zusammen, um das Emotionale an dieser Arbeit sacken zu lassen.

Ljubek: Ja, aber bei diesem Film wollte man lieber alleine zwei Flaschen Wein trinken (lacht).

tsch

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