Wolfgang Niedecken

Der Buddha des Privatfernsehens

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Wolfgang Niedecken ist einer der bekanntesten deutschen Musiker der letzten Jahrzehnte. Nun überrascht der 65-jährige Songwriter und Politrocker mit seiner Teilnahme an der VOX-Show "Sing meinen Song".

Mit 65 Jahren ist er der bisher älteste Teilnehmer des quotenstarken Sängerwettstreits "Sing meinen Song". Vor Beginn der dritten Staffel am 12. April zieht der BAP-Sänger eine Lebensbilanz.

Wolfgang Niedecken als Showkandidat im Privatfernsehen? Die Idee ist gewöhnungsbedürftig, macht aber Sinn. Nicht, weil der Ur-Kölner, der mit seiner Band BAP Millionen Platten verkaufte, es nötig hätte. Nein - Niedecken ließ sich vom Konzept der preisgekrönten VOX-Show "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" überzeugen, in deren dritten Staffel er ab Dienstag, 12. April, 20.15 Uhr, mit von der Partie ist. Früher ging man mit 65 Jahren in Rente. Heute sitzt ein sehr fitter, wacher und dennoch tiefenentspannter Niedecken auf einem Barhocker in Berlin-Kreuzberg. Offen und voller Tatendrang spricht er über Musik im Fernsehen, Klischees über ihn sowie die Überwindung seiner schweren gesundheitlichen Krise vor einigen Jahren.

teleschau: Wolfgang Niedecken als Teilnehmer einer Musikshow im Privatfernsehen! - Irgendwie ist das immer noch schwer vorstellbar.

Wolfgang Niedecken: Das war es für mich auch. Die hatten mich ja schon zur ersten Staffel angefragt - aber da hab' ich gleich abgelehnt. Ich konnte mir da auch wenig drunter vorstellen und hab das eher für so was wie "Dschungelcamp" mit Musikern gehalten, was es ja definitiv nicht ist.

teleschau: Haben Sie die Show also nach Ihrer ersten Absage mal angeschaut?

Niedecken: Ja, nachdem einige Musiker aus meiner Band sagten: Du musst da mal einschalten, das ist gar nicht so schlecht! Zur zweiten Staffel wurde ich nicht gefragt, aber da hätte ich vermutlich auch noch eher "nein" gesagt (lacht). Wir sind dann so verblieben, dass sie mich noch mal fragen, wenn alle anderen Musiker feststehen. Ich wollte einfach sichergehen, dass ich keinen Schlager singen muss.

teleschau: Schlager ist Ihr Feindbild?

Niedecken: Feindbild ist übertrieben. Ich weiß, es gibt ein Bedürfnis mancher Leute, das mit dieser Musik befriedigt wird. Aber Schlagersänger sind für mich Dienstleister, und so einer wollte ich nie sein. Als alle anderen Teilnehmer feststanden, sagte ich: Wunderbar, gute Leute, ich bin dabei!

teleschau: Was ist für Sie das Geheimnis von "Sing meinen Song", einer Sendung, die ja ganz ohne Wettbewerb und inszeniertes Drama viele Menschen interessiert?

Niedecken: Die Abwesenheit solcher Bestandteile ist für mich schon mal Voraussetzung, um überhaupt ein Teil dessen zu sein. Kultur und Kunst haben nichts mit Stabhochsprung zu tun. Man kann nicht ermitteln, wer in unserer Disziplin am höchsten kommt. Und wenn man es doch tut, ist es Quatsch. Alle Musik-Rankings finden für mich auf der Rückseite des Mondes statt - ungefähr so interessant finde ich das.

teleschau: Wettbewerb ist das eine gängige Kennzeichen von Musikshows im Fernsehen. Das andere sind die inszenierten Gefühle. Gibt es die bei "Sing meinen Song" nicht auch ein bisschen?

Niedecken: Als ich das erste Mal einen Zusammenschnitt der Show sah, sagte ich zu meiner Frau: Was soll denn das jetzt hier? Die heulen ja alle!

teleschau: Haben Sie mal eine ganze Folge gesehen?

Niedecken: Ja, später dann ... und ich weiß jetzt auch, dass die Tränen wohl echt waren.

teleschau: Der Reiz des Formats entwickelt sich durchaus in einer gewissen Langsamkeit. Dann nämlich, wenn einem wie bei einer Fernsehserie die Charaktere vertraut werden ...

Niedecken: Ja, das Format ist sehr nahbar. Alle, die teilgenommen haben, auch der Xavier, erzählten mir, dass man dort sitzt und irgendwann einfach die Kamera vergisst. Man unterhält sich über Musik, das Leben. Man darf Sachen erfragen, die man schon immer vom anderen Wissen wollte. Es herrscht Vertrauen und gegenseitiger Respekt in dieser Sendung. Das schätze ich, und ich glaube, auch der Zuschauer spürt dies.

teleschau: Als BAP bekannt wurden, hassten Punker Popper und umgedreht. Wäre ein so freundlicher Austausch gegensätzlicher Pop-Stilrichtungen damals überhaupt möglich gewesen?

Niedecken: Wahrscheinlich nicht, aber man ist erwachsener geworden und hat seitdem viel dazugelernt. Vielleicht auch die Erkenntnis, dass es letztendlich um den Song geht - und nicht darum, mit welchen Mitteln er gespielt wird. Für mich war es immer ein Kriterium, dass ein guter Song auch nur zu einer Gitarre am Lagerfeuer gesungen funktionieren muss. Ist es nicht so, handelt es sich möglicherweise um Meterware, die im Radio laufen kann. Aber eben nicht um einen guten Song.

teleschau: Sie sind zu einer Zeit bekannt geworden, als man mit Musik noch relevante politische Statements machte. Gerade BAP standen dafür. Heute treten Sie bei VOX in einer Fernsehshow auf. Spiegelt dies auch den Bedeutungswandel von Musik in den letzten 40 Jahren wider?

Niedecken: Nun, ganz so einfach war es auch damals nicht. Wir sind mit BAP regelmäßig bei "Wetten, dass ..?" aufgetreten. Man hat das eine gemacht, ohne das andere zu lassen. Wir haben auf Gott weiß wie vielen Demonstrationen gespielt. Aber wir waren auch so oft im "Rockpalast" wie keine andere Band. So oft sogar, dass wir diesbezüglich nie mehr einzuholen sind (lacht). Aber wir wussten, wenn wir bei "Wetten, dass ..?" spielen, war das die größte Aufmerksamkeit, die man in Deutschland damals bekommen konnte. Und wir mussten uns noch nicht mal verstellen, um unsere Musik und meinetwegen auch unsere Botschaft dort loszuwerden.

teleschau: Sehen Sie "Sing meinen Song" ebenfalls als Bühne für irgendeine Botschaft? Oder ist es nur noch eine Bühne für sich selbst?

Niedecken: Die wichtigste Botschaft, denke ich, ist zu zeigen, was ein Song ist. Songs sind sehr wichtig in meinem Leben. Wenn man in so einer Sendung mehr Leuten bewusst machen kann, wie Songs entstehen und Menschen positiv verändern können, ist das ein großes Ziel für mich. Auch dass alle Songs für mich irgendwie zusammenhängen, weil es da um eine Sprache des Herzens geht. Es ist eine Erkenntnis, die bei mir über die Jahre gewachsen ist und die in so einer Sendung auf einmal verblüffend präsent ist.

teleschau: Was gucken Sie sich selbst im Fernsehen an?

Niedecken: Wenn ich nicht selber zum Fußball gehe, gucke ich die Auswärtsspiele vom 1. FC Köln. Bei Heimspielen bin ich in der Regel selbst im Stadion. Ansonsten schaue ich Konferenz, wenn der FC nicht spielt. Darüber hinaus bin ich vor allem an Nachrichten und politischen Sendungen interessiert. Ich mag den Sender Phoenix sehr gerne. Und ab dem 12.4. gucke ich natürlich auch dienstags, um 20.15 Uhr, auch VOX (lacht).

teleschau: Fernsehen ist für Sie also vorwiegend ein Informationsmedium. Gibt es auch Shows, die Sie mögen?

Niedecken: Nein, nicht wirklich. Ich kenne mich da nicht so aus. Aber ich lebe ja in einem Drei-Mädel-Haushalt. Da kriege ich natürlich mit, was die anderen so schauen. Manchmal bin ich ein halbes Stündchen dabei und gehe dann. Oder bleibe eben, weil irgendetwas lustig daran ist.

teleschau: Wie alt sind Ihre Töchter jetzt?

Niedecken: Die sind 20 und 21.

teleschau: Und die wohnen noch zu Hause?

Niedecken: Nee, die eine studiert in Berlin, die andere in Mannheim. Aber sie sind relativ oft zu Hause - und machen dann auch logischerweise den Fernseher an. Ich bestimme nicht, was daheim geguckt wird (lacht).

teleschau: Wovor hatten Sie bei "Sing meinen Song" am meisten Angst?

Niedecken: Angst hatte ich gar nicht, aber natürlich Respekt vor dieser Situation. Jeder von uns Musikern kennt natürlich die Situation, die eigenen Songs vor vielen Menschen zu singen. Aber vor einer ganz kleinen Runde von Kollegen deren Lieder in neue Versionen zu packen - da ist man schon nervös. Ich wusste vorher, dass ich Samy Deluxe auf keinen Fall in die Augen sehen kann, wenn ich eines seiner Lieder singe ...

teleschau: Weil Sie mit Rap eher wenig zu tun haben?

Niedecken: Wie man es nimmt. Es gab mal einen Gastmusiker bei uns, der auf einem Song von 1981 namens "Frau, ich freu mich" mitspielte. Der meinte völlig verblüfft: "Ey Mann, das ist doch Rap!" Und genau das sagte ich auch immer, als HipHop um diese Zeit groß wurde. Es erinnerte mich an viele Talking Blues-Stücke von Bob Dylan, die ich schon immer mochte. Auch das war Rap, finde ich - auch in Bezug auf die einfache Produktionstechnik, die beide Stile verband. Die einen redeten über drei Gitarren-Akkorde, die anderen zu rhythmisierten Schallplattenfragmenten.

teleschau: Sehen wir Wolfgang Niedecken in "Sing meinen Song" nun auf einem Lounge Sofa im Garten einer südafrikanischen Villa, ein Cocktailglas in der Hand?

Niedecken: Höchstens einen alkoholfreien. Ich trinke während der Show überhaupt keinen Alkohol. Für mich ist das nix, es würde mich aus der Kurve schmeißen. Hätte ich mir da einen Abend den Gong gegeben, die nächsten sieben Tage wären problematisch für mich geworden. Früher konnte ich das ganz gut wegstecken.

teleschau: Sie hatten vor viereinhalb Jahren einen Schlaganfall. Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Niedecken: Es geht mir wunderbar. Nach dem Schlaganfall hatte ich lange Zeit gar keine Lust, Alkohol zu trinken. Weil ich es über alle Maßen schätzen gelernt habe, überhaupt klar denken zu können. Ich konnte es ein halbes Jahr nicht. Wieder in der Lage dazu zu sein, klar zu denken, war wie ein Geschenk. Das wollte ich auf keinen Fall gefährden. Mittlerweile trinke ich tatsächlich mal wieder ein Glas Rotwein zum Abendessen. Aber nur, wenn er gut ist. Ich weiß dann, das ist mein Nachtisch - und Ende.

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