Wenn Eltern eskalieren

„Big Little Lies“: HBO-Miniserie erscheint auf DVD und Blu-ray Disc

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Helikopter-Eltern waren gestern. Hier kommen die Kamikaze-Mamas: Mit einem Großaufgebot an Hollywood-Stars wird „Big Little Lies“ zu einem Serien-Juwel rund um die elterliche Über-Fürsorge.

Völlig absurd und doch erschreckend nah am echten Leben: Eine sensationell besetzte HBO-Miniserie erzählt von Kamikaze-Eltern, die nur das Allerbeste wollen für ihre Kinder - was in diesem Fall auf einen Mord hinausläuft.

Mütter und Väter, die anderen Müttern oder Vätern begegnen, stellen es immer wieder fest: Eltern sind bisweilen ein grauenhaftes Volk. Ohne Kinder vielleicht ganz okay, werden viele zu hyper-kompetitiven Ellbogen-Ausfahrern und gnadenlosen Nervtötern, wenn jemand gemein zu ihren Kleinen ist oder sie irgendeine Benachteiligung wittern. Bevorzugt schalten die Mamas und Papas dann in den Kampfmodus, wenn sie auf ihresgleichen treffen - etwa auf Elternabenden, Spielplätzen, Geburtstagspartys. Das kennt man offenbar auch in Hollywood: Der Kabelsender HBO konnte ein sagenhaftes Star-Aufgebot gewinnen, das den Krieg der Eltern in einer brutal-absurden Miniserie leidenschaftlich auf die Spitze treibt. Die Miniserie „Big Little Lies“ erscheint nun auf DVD und Blu-ray Disc.

Das böse Ende der Geschichte, die auf einem Bestseller von Liane Moriarty aus dem Jahr 2014 basiert, nimmt Serienschöpfer und Drehbuchautor David E. Kelley („Ally McBeal“) gleich in der ersten Szene vorweg. Blaulicht, Sanitäter, Absperrbänder und viele schockierte Gesichter: Bei einem Ball auf dem Schulgelände in Monterey, Kalifornien, wurde jemandem brutal der Schädel eingeschlagen. Wer da wen ermordet hat, darüber lassen Kelley und Regisseur Jean-Marc Vallée („Dallas Buyers Club“) den Zuschauer lange rätseln. Sicher ist zunächst nur: Da hat sich eine Menge Frust entladen.

Ausgehend von der finalen Gewalteskalation baut „Big Little Lies“ über sieben Episoden ein Dutzend potenzielle Täter-Opfer-Paarungen auf, mit bis in die Nebenrollen prominent besetzten Figuren. Reese Witherspoon spielt Madeline. Sie ist die Schlimmste. Wichtigtuerisch, selbstgerecht und aufbrausend steckt die engagierte Schickimicki-Mama ihre Nase immer wieder in Angelegenheiten, die sie nichts angehen.

Madeline mischt sich auch in das Leben der geheimnisvoll-kaputten, frisch zugezogenen Jungmutter Jane (Shailene Woodley) ein. Als deren kleiner Sohn Ziggy (Iain Armitage) beschuldigt wird, die Tochter von CEO-Übermama Renata (Laura Dern, zwei Kinder) gewürgt zu haben, ergreift Madeline Partei für die Außenseiterin und bricht einen geradezu abstrusen Kleinkrieg vom Zaun. Manipulierte Puppentheater-Aufführungen und verkorkste Kindergeburtstags-Feiern lassen zunächst normal-anstrengende Sorgeberechtigte zu zähnefletschenden Kamikaze-Eltern werden, und niemand kann sich dem langsam hochkochenden Konflikt entziehen: Madelines Mann Ed (Adam Scott), ihr Ex Nathan (James Tupper) und seine unverschämt lässige Freundin Bonnie (Zoë Kravitz), Busenfreundin Celeste (Nicole Kidman) und deren latent aggressiver Gatte Perry (Alexander Skarsgård) - sie alle stecken bald mittendrin in diesem giftigen Gebräu, und sie alle hätten am Ende ihre Mordmotive.

Sky verkauft „Big Little Lies“ als Dramedy, wofür dieses in seiner Tonalität absolut bemerkenswerte Format aber fast schon zu abgründig geraten ist. Denn so lächerlich die Ereignisskette, die auf das blutige Finale zuläuft, auch scheint: Lachen wird auf den heimischen Sofas kaum jemand. Je weiter die Serie voranschreitet und je tiefer die Macher in die Seelen der Protagonisten schauen, desto mehr werden neben den vermeintlichen Kinkerlitzchen auch echte Probleme zum Thema - Versagens- und Verlustängste, häusliche Gewalt, nicht verarbeitete Kindheitstraumas und viele schmutzige Geheimnisse.

Was diese Kamikaze-Eltern wollen, ist ein perfektes Leben für ihre Kinder, so wie sie es selbst vielleicht nie hatten. Dass das in der Serie auf einen Mord hinausläuft, ist erst einmal „nur“ verdammt gute Unterhaltung. Die aber wird vielleicht auch den Effekt haben, dass die Eltern zu Hause in Zukunft etwas mehr Verständnis und Geduld aufbringen - egal wie nervig die anderen Mamas und Papas wieder sind.

teleschau

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