„Ich habe mich lange Zeit schlecht deswegen gefühlt“

Beth Ditto

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Einmal zu heiraten, war immer ein großer Wunsch von Beth Ditto. „Vielleicht würde man das so nicht vermuten: Aber es gibt die andere Beth, die fast schon lächerlich traditionell ist.“

Schuldgefühle gegenüber ihrem Gossip-Bandkollegen Nathan Howdeshell, Beziehungsprobleme mit ihrer Ehepartnerin: Beth Ditto, die ihr erstes Soloalbum veröffentlicht, legt im Gespräch ihr Seelenleben offen.

Fünf Jahre ist das letzte Gossip-Album bereits her. Frontfrau und Stilikone Beth Ditto verdingte sich zwischenzeitlich als Modedesignerin und heiratete ihre Freundin. Der Musikszene fehlte ihre einzigartige Stimme allerdings schmerzlich. Mit ihrem ersten, von Country-Musik beeinflussten Soloalbum „Fake Sugar“, das persönlich geprägt und erstaunlich unpolitisch ist, hat das Warten auf ihre Rückkehr ein Ende. Beim Gespräch in Hamburg redet die 36-Jährige munter drauf los und erzählt von den Problemen einer jungen Ehe, ihrem Aufwachsen im prüden Amerika und der Beth, die sich nach einem ganz normalen Leben sehnt.

Beth Ditto sitzt in ihrem Hotelzimmer und blickt mit Begeisterung aus dem Fenster. Draußen sieht man riesige Kreuzfahrt- und Frachtschiffe an der Kranen-Landschaft des Hamburger Hafens vorbeischippern. „Diese Hochhäuser, die da auf dem Wasser schwimmen, sind ja der Wahnsinn. Das ist wie 'Star Wars'!“, staunt sie lachend und schwärmt: „Mir ist aufgefallen, wie viele alte Leute hier leben. Das ist meine Art von Stadt.“

Dabei ist Ditto gerade einmal 36 Jahre alt. „Ich bin gerne in der Gesellschaft von Leuten, die nichts weiter wollen als Dinge beobachten. Andere gehen Hiken. Ich will einfach nur dasitzen und beobachten. Den Rest mache ich ja auf der Bühne.“

Es war im Jahr 1999, als Ditto die Punk-Riot-Band Gossip mit zwei Freunden aus ihrer Heimatstadt Searcy im US-Bundesstaat Arkansas gründete. Sieben Jahre und drei Alben brauchte das Trio, um den amerikanischen Rock-Underground hinter sich zu lassen und den ersten Hit zu landen. „Standing In The Way Of Control“ hieß dieser - eine punkig angehauchte Indie-Powerpop-Hymne, die Dittos Antwort auf die Nichtanerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen in der amerikanischen Verfassung war. „Ich war 23, als ich den Song schrieb. Aber heute ist er wichtiger denn je“, findet sie. „Wir haben uns zu sehr auf Errungenschaften ausgeruht. Was momentan in der Welt passiert, ist ein Weckruf für uns alle.“

Die Lesbin Ditto wurde damals zur Ikone der LGBT-Community und zum Feministen-Vorbild, das in Spandex-Höschen Karriere machte. Mehr noch: Ihre XL-Rundungen stellte sie sogar unverhüllt auf Titelseiten von Lifestyle-Magazinen zur Schau und zeigte damit allen Figur-Mobbern den Stinkefinger. Dass Diskussionen über schwule Lebenswelten und Bodyshaming heute in den Mainstreammedien stattfinden, ist auch Persönlichkeiten wie Beth Ditto zu verdanken.

Ihre Karriere mit Gossip hätte so noch ein paar Jahre weitergehen können. Aber eigentlich war schon 2009, nach dem vierten und erfolgreichsten Album „Music For Men“ mit der Single „Heavy Cross“, die Luft raus - auch wenn mit „A Joyful Noise“ noch ein finales Werk der Band erschien, ehe sie sich 2016 auflöste. „Ich habe mich zwei Jahre wirklich bemüht, ein sechstes Gossip-Album zu machen“, versichert die Sängerin. „Aber unser Gitarrist Nathan zog zurück nach Arkansas, was superweit weg ist von Portland, wo ich heute wohne. Es schien irgendwie unmöglich, Treffen zu arrangieren. Er hat sich dann für meinen Geschmack auch etwas zu sehr Gott zugewendet. Nathan und ich sind zusammen aufgewachsen und haben gegen die Frömmigkeit in der Gegend immer rebelliert. Es hat ja Gründe, warum ich nicht mehr in Arkansas lebe. Irgendwie hat es nicht mehr funktioniert“.

Ditto schrieb trotzdem weiter an Songs, von denen sie anfangs noch annahm, sie würden in eine Gossip-Platte münden. Doch die Lieder, die dabei herauskamen, waren anders. „Bei Nathan klang alles immer cooler. Ich heulte herum, dass ich keine guten Lieder mehr schreiben könne. Bis andere mir sagten: 'Die Songs sind gut, es sind nur keine Gossip-Songs mehr.“ Ditto plagen heute noch Schuldgefühle, das merkt man ihr an. „Ich habe mich in der Tat lange Zeit schlecht deswegen gefühlt. Aber ich hatte so lange auf Nathan gewartet. Gossip gehörten der Vergangenheit an.“

Nachdem sie 2011 bereits eine selbstbetitelte EP veröffentlichte, gibt es jetzt mit „Fake Sugar“ das Solodebüt von Beth Ditto, mit dem sie paradoxerweise doch zu ihren Wurzeln in Arkansas zurückkehrt. Ihre Pop-Songs sind gespickt mit Country- und Blues-Einflüssen, die ihr als Heranwachsende in den Südstaaten der USA quasi in die Wiege gelegt wurden. „Country und HipHop gehören zu der Musik, die ich schon früher am meisten geliebt habe“, beteuert Ditto, die sechs Geschwister hat. „Meine Mum war früher für den Rock'n'Roll in unserem Haushalt zuständig, mein Dad liebte Country und Disco. Er hat mich immer zu den Honky-Tonks mitgeschleppt. Das sah dann so ähnlich aus wie im Clip zu 'Fire'.“

In dem Video zur Debüt-Single kommt die Sängerin wie eine weibliche Version des späten Elvis Presley daher. Die Ditto lacht: „Ja, wie der fette Elvis! Das ist eh die Elvis-Phase, die ich am interessantesten finde. Wobei die eigentliche Inspiration für das Video war, das Aussehen und die Attitüde von Dolly Parton mit den Anzügen von Gram Parsons und dem Make-up von PJ Harvey zu verbinden.“

Country-Musik gäbe ihr ein Gefühl von Zuhause, erklärt Ditto. Selbst wenn sie morgens aufstehe, würde sie mit Patsy Klein in den Tag starten. „Dann bin ich gut drauf.“ Auch wenn sie nicht nur gute Erinnerungen an früher hat. „Der Süden der USA ist nun mal schrecklich konservativ. Ich bin lange Zeit vor all dem weggelaufen, in meinen Zwanzigern versuchte ich regelrecht, darüber hinwegzukommen - Gossip halfen mir dabei. Aber diesmal wollte ich die Vergangenheit umarmen. Ich habe meinen Frieden damit gemacht.“

„Fake Sugar“ ist ein Album voller Liebe, Lust und Energie - aber auch geprägt von Herzschmerz, was für Dittos Lebenssituation eher ungewöhnlich ist. Schließlich gab sie erst im Sommer 2013 ihrer Freundin Kristin Ogata auf Hawaii das Jawort. „Die ersten zwei Ehe-Jahre waren echt hart“, gesteht Ditto. „Kristin und ich mussten uns noch einmal neu kennenlernen. Der große Unterschied ist, dass wir vorher nicht unter einem Dach wohnten und man schnell merkt, wie anders es ist, wenn du nicht mehr nach Hause gehen kannst. Wir haben uns als Ehefrauen überhaupt nicht respektiert. Wir respektierten uns eher wie Freunde, die man für selbstverständlich nimmt.“

Als Ditto damals den Song „In And Out“ schrieb, seien ihr zeitweise sogar Trennungsgedanken durch den Kopf gegeistert. „Aber nach vielen Gesprächen sind wir heute in der Normalität einer Ehe angekommen. Das macht mich sehr froh. Denn Heiraten war immer ein großer Wunsch von mir.“ Was so gar nicht nach der unkonventionellen, modernen und selbstständigen Frau klingt, als die man Beth Ditto eigentlich kennt. „Vielleicht“, lacht sie, „würde man das so nicht vermuten: Aber es gibt die andere Beth, die fast schon lächerlich traditionell ist.“

tsch

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