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Berlinale: Ablehnung von Dokumentarfilm wirft Fragen auf

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Viel bescheidener gibt sich der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem neuen Dokumentarfilm „Vivos“, den er vergeblich der Berlinale anbot.

Das Berlinale-Programm ist hochkarätig – doch die Ablehnung von Ai Weiweis großartigem Dokumentarfilm „Vivos“ ist unverständlich.

  • Berlinale läuft bis zum 1. März
  • Film „My Salinger Year“ eröffnet Festspiele
  • Jeremy Irons leitet Jury

„Alles auf Anfang“, sagt man beim Film, wenn eine Szene ein weiteres Mal gedreht wird. Das ganze Team geht dann hoch konzentriert auf die angestammten Plätze, und man kann im Studio eine Stecknadel fallen hören. Auch auf dem roten Teppichmeer am Berliner Potsdamer Platz erwartet Filmfans und Fotografen an diesem Donnerstag eine eingespielte Szene. Zwei strahlende Schauspielerinnen vereinen mit dem Eröffnungsfilm „My Salinger Year“ zwei Generationen Glamour: Sigourney Weaver (70) hält als Literaturagentin dem versteckt lebenden Schriftsteller J.D. Salinger den Rücken frei. Zur Beantwortung der Fanpost hat sie eine junge Autorin engagiert, gespielt von der 25-jährigen Margaret Qualley, ein Weltstar seit Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“. Auch wenn das Drama des Kanadiers Philippe Falardeau nicht im Wettbewerb läuft, wird sich bereits die Festivaljury zeigen, geleitet vom britischen Schauspieler Jeremy Irons.

Berlinale: Geisterkino macht den Auftakt 

Ab Freitag wird das von Carlo Chatrian verantwortete Wettbewerbsprogramm dann zeigen müssen, ob es die Geister und den Muff der Kosslick-Ära verscheuchen kann – zunächst mit Geisterkino: Einen „höchst originellen Psycho-Sex-Thriller“ nennt die Festivalleitung vollmundig „The Intruder“, den Zweitlingsfilm der Argentinierin Natalia Meta. Eine junge Frau wird darin nach einem traumatischen Erlebnis von Alpträumen geplagt, Schreckensbilder besetzen ihren Körper. Dagegen ist der Berliner Christian Petzold für dezentere Geisterstunden bekannt: „Undine“ heißt sein neues Großstadtmärchen um eine moderne Nixe. Paula Beer beerbt in der Hauptrolle seine Stammschauspielerin Nina Hoss, die sich ihrerseits in einem Schweizer Wettbewerbsbeitrag die Ehre gibt: Im Familiendrama „Schwesterlein“ spielt sie an der Seite von Lars Eidinger und Altstar Marthe Keller eine Theaterautorin, die sich um ihren kranken Zwillingsbruder kümmert.

Hochkarätige Besetzungen sind in einem Wettbewerbsprogramm schon eine verlässliche Größe, seltener sind – wie schon in Kosslicks Zeit – die großen Namen hinter der Kamera. Alle Regie-Stars sind Berlinale-Veteranen: Der Koreaner Hong Sang-soo, die Amerikanerin Kelly Reichardt (mit dem modernen Western „First Cow“), die Britin Sally Potter, Frankreichs Altmeister Philippe Garrel und der Amerikaner Abel Ferrara.

Berlinale: „Dau“ weckt hohe Erwartungen 

Daneben weckt vor allem ein russischer Multimedia-Künstler hohe Erwartungen: llja Chrschanowski scheiterte 2018 mit dem Projekt, seine monumentale Performance „Dau“ in Berlin zu realisieren. Aus den 700 Stunden Filmmaterial, die andernorts dafür belichtet wurden (tatsächlich verwendet er noch echtes Zelluloid), kommen nun immerhin zweieinhalb Stunden an die Öffentlichkeit. Spielort ist das geheime Forschungslabor eines totalitären Systems, das eine Art „totales Kino“ inspirieren dürfte.

Viel bescheidener gibt sich der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem neuen Dokumentarfilm „Vivos“, den er vergeblich der Berlinale anbot. Misst man diese Berlinale an dem, worauf sie verzichten zu können meint, muss sie sich ihrer Sache schon sehr sicher sein. In dieser deutschen Produktion nähert sich der Künstler und Dokumentarfilmer einer mexikanischen Tragödie über Polizeigewalt aus dem Jahr 2014. Sechs Menschen starben damals und 43 Collegestudenten wurden entführt. In langen, meditativen Einstellungen bereist Ai das schwer fassliche Niemandsland der Ungewissheit, in dem die Angehörigen seither verharren müssen. Ai hat den Film auf Anfrage der FR* zugänglich gemacht; es ist eine seiner besten Arbeiten. Wer dem Werk dieses Künstlers manchmal Überdeutlichkeit vorwirft, kann ihn hier von der gegenteiligen Seite kennenlernen. Es ist ein Dokumentarfilm mit den Mitteln der Kunst über die subversive Kraft der Trauer.

Berlinale: Ablehnung von Dokumentarfilm ist unverständlich 

Die Ablehnung ist unverständlich; in jedem Fall rangiert der Film haushoch über dem Standard früherer Berlinalen. Als der Künstler im Dezember um eine Entscheidung bat, da sich auch andere Festivals dafür interessierten, wollte sich die Berlinale noch nicht festlegen. Dabei sind frühe Zusagen an bedeutende Filmemacher international üblich.

Der FR* wollte die Berlinale keine künstlerischen Gründe für die Ablehnung nennen. „Festivals geben nie Gründe für Ablehnungen“, sagt Ai, führt aber weiter aus: „Die globale Unterhaltungsindustrie ist vom chinesischen Markt abhängig. Einer der Hauptsponsoren der Berlinale ist eine chinesische Juwelenfirma. Wichtige westliche Sponsoren des Festivals haben beträchtliche Geschäftsinteressen in China. Auch westliche Museen mussten schon wegen meiner Aktivitäten auf die Unterstützung von Großunternehmen verzichten.“ Aufklären lässt sich das wohl nicht.

Heute eröffnen die 70. Filmfestspiele in Berlin. Ein Gespräch mit dem neuen Leitungsduo über Sexismus, Zensur und den Auftrag des Kinos.*

Stars und Sternchen strömen zur Berlinale 2020 in der deutschen Hauptstadt: Redakteurin Bettina Fraschke berichtet auf Twitter live vom Potsdamer Platz.

Zwei grandiose Wettbewerbsfilme: Kelly Reichardts politischer Western „First Cow“ und Christian Petzolds Berliner Märchen „Undine“.

Die Berlinale erinnert mit Bettina Böhlers mitreißendem Dokumentarfilm an den Allroundkünstler Christoph Schlingensief.

Der Koreaner Hong Sangsoo und die Amerikanerin Eliza Hittman lassen Abel Ferraras Tiefpunkt „Sibiria“ vergessen. Überladen wirkt „Schwesterlein“, trotz der maßvollen Nina Hoss.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. 

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