„Ich bin kein verklärter Sozialromantiker“

Joe Bausch

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Joe Bausch ist Arzt, Autor und Schauspieler. In der Reihe „Überführt“ nimmt er wie hier im alten Gefängnis in Berlin Köpenick regelmäßig Kriminelle ins mediale Kreuzverhöhr.

Arzt, Autor und Schauspieler: Joe Bausch führt ein interessantes Leben und hat viel zu erzählen - unter anderem davon, warum er lieber im Gefängnis als in einer schicken Praxis arbeitet.

Joe Bausch „überführt“ Kriminelle. In der gleichnamigen Dokureihe bei ZDFinfo versucht er ihr Denken und Handeln zu ergründen. Die meisten Zuschauer kennen ihn aber als Gerichtsmediziner aus dem Kölner „Tatort“. Was nur wenige wissen: Der 64-Jährige ist auch abseits der Kamera Arzt und betreut seit fast 30 Jahren die Gefangenen der JVA Werl. Im Interview erzählt er, was ihn an dem Millionen-Betrüger und Buch-Autor („Ziemlich bester Schurke“) Josef Müller fasziniert, den er in der neuen „Überführt“-Folge (ZDFinfo, 11. Mai, 20.15 Uhr) ins Kreuzverhör nimmt, warum er noch immer an die Resozialisierung glaubt und warum er es für unerträglich hält, dass der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel seit zweieinhalb Monaten im Gefängnis sitzt.

nordbuzz: Was hat Sie an Josef Müller fasziniert, dass Sie ihn in Ihre Reihe „Überführt“ aufgenommen haben?

Joe Bausch: Josef Müller ist eine schillernde Figur. Er hat es in den 90er-Jahren im Schicki-Micki-München verstanden, viele Menschen zu seinen Freunden zu machen - mit reichlich Schampus und großen Feten. Alle sind sie diesem kleinen Rattenfänger aus Fürstenfeldbruck auf den Leim gegangen. Am Anfang war er ein seriöser Steuerberater und hat früh gesehen, wie die Geschäfte laufen. Irgendwann kam der Punkt, an dem er mehr Geld brauchte. Dann hat er am großen Rad gedreht - und es irgendwann überdreht. Am Ende hat er für die organisierte Kriminalität Geld gewaschen.

nordbuzz: Wie hat er es geschafft, so viele Menschen mit seiner Masche hinters Licht zu führen?

Bausch: Man muss wissen, dass er nach einem Unfall gelähmt im Rollstuhl saß und trotzdem viel Lebensfreude versprüht hat. „Positive Thinking“ war eines der Schlagworte in den 90-ern, und auf dieser Welle ist er gesurft.

nordbuzz: Heute hält Josef Müller Vorträge und sagt, dass er mit Hilfe des Glaubens ein anderer Mensch geworden sei ...

Bausch: Das gibt der Geschichte nochmals eine andere Qualität! Aus diesem Evangelisten des Mammons und des Götzen Geld scheint heute ein anderer geworden zu sein. Er spricht von einem Läuterungsprozess.

nordbuzz: Glauben Sie ihm?

Bausch: Für mich ist er der gleiche Mensch geblieben. Er singt jetzt nur ein anderes Lied.

nordbuzz: Sind Sie im Laufe der Jahre vorsichtig geworden, oder glauben Sie noch daran, dass Menschen Ihnen die Wahrheit erzählen?

Bausch: In meinen „Überführt“-Filmen versuche ich immer, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Das ist meine Aufgabe. Seit fast 30 Jahren habe ich viel mit Betrügern und Gaunern zu tun. Ich kenne ihr Denken und die Art und Weise, sich und ihre Taten auszuschmücken. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, die richtigen Fragen zu stellen. Am Ende kommen wir der Wahrheit in den Filmen wohl sehr nahe.

nordbuzz: Fällt es Ihnen schwer, bei einem Menschen wie Josef Müller journalistische Distanz zu wahren?

Bausch: Professionelle Distanz ist wichtig und gehört unbedingt dazu. Ich versuche mich in ihn hineinzuversetzen, mache mich aber nicht mit ihm gemein. Ich möchte zum Beispiel wissen, ob es einen Tag gab, an dem er wusste, dass er jetzt kriminell ist? Ich versuche Fragen zu stellen, die den Zuschauer beschäftigen. Ich möchte aber auch Dinge wissen, die nur Joe Bausch als Anstaltsarzt in den Sinn kommen.

nordbuzz: Kann der Zuschauer am Ende sogar etwas aus Ihrer Dokumentation lernen?

Bausch: Die einen werden etwas über sich lernen - für sie wird es eine Warnung sein. Für andere wiederum ist es reine Unterhaltung.

nordbuzz: Sie sind jetzt seit fast 30 Jahren Gefängnisarzt in Werl, wohnen dort sogar in der Nachbarschaft. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Bausch: Na ja, jeder Job wird nach einer gewissen Zeit zur Routine. Aber dazwischen passieren immer wieder überraschende Sachen, die einen herausreißen. Die Menschen im Knast haben sich in den letzten 30 Jahren verändert. Die Typen, die es vor 20 Jahren noch gab und viele spannende Geschichten erzählen konnten, sind eher selten geworden. Wir haben heute viel häufiger junge Täter, die aus nichtigem Anlass andere Menschen umbringen. Über sie kannst Du keine Sendung mehr machen. Da fehlt die Geschichte, die Fallhöhe, die Entwicklung.

nordbuzz: In Ihrem Buch „Knast“ haben Sie 2012 unter anderem eine bessere Betreuung der Gefangenen und mehr Geld für den Strafvollzug gefordert. Tut sich da etwas?

Bausch: Wir leben in aufregenden Zeiten. In den letzten zehn Jahren ist einiges passiert, worauf ich in den 20 Jahren zuvor gewartet habe. Es wurde viel Geld in die Hand genommen. Wir haben heute beispielsweise viel mehr Therapie-Angebote als früher. Allerdings stehen wir auch vor größeren Herausforderungen als je zuvor. In einem Gefängnis wie in Werl sitzen zum Teil schwerstgestörte Menschen aus 40 Nationen ein. Die sind noch nicht einmal sozialisiert worden und sollen jetzt resozialisiert werden. Viele von ihnen sind in Parallelgesellschaften aufgewachsen. Da müssen wir uns schon fragen, für welche Gesellschaft wir sie resozialisieren sollen! Für unsere eigene oder für die Länder, in die wir sie wieder abschieben wollen?

nordbuzz: Glauben Sie überhaupt noch an die Resozialisierung von Straftätern?

Bausch: Ich sehe das als meine Aufgabe an, den Menschen die Lage so zu zeigen, wie sie ist. Ich bin kein verklärter Sozialromantiker, sondern beobachte aus der nüchternen Perspektive des Arztes. Aber ich sage auch ganz klar: Wenn es um Prävention geht, müssen wir mehr investieren. Sonst werden wir uns in Zukunft mit noch mehr Gefängnissen beschäftigen müssen. Natürlich beißen wir uns bei manchen Tätern die Zähne aus. Aber wir vergessen oft, dass knapp acht Prozent der Insassen in Gefängnissen mit forensischer Psychiatrie für über 75 Prozent der schweren Verbrechen verantwortlich sind. Das bedeutet, dass unsere tägliche Wahrnehmung, überall laufen Bestien und Monster herum, nicht richtig ist. Und mit rund der Hälfte der Menschen, die aus dem Knast kommen, müssen wir uns danach nicht mehr beschäftigen. Es ist also nicht sinnlos, was wir tun.

nordbuzz: Lassen sich die Zuhörer auf Ihren Lesungen und Vorträgen auf solche Argumente ein?

Bausch: Viele haben keine Vorstellung davon, wie es im Gefängnis aussieht, aber eine klare Meinung dazu, was dort alles schlecht läuft. Ich freue mich immer über Menschen, die nach der Lesung zu mir kommen und sagen: „Ich habe mir das nur angehört, weil ich die Nase aus dem 'Tatort' sehen wollte. Aber ich habe jetzt einiges erfahren, was mich die Sache anders sehen lässt.“

nordbuzz: Sie schreiben und reden viel darüber, was das Gefängnis aus Menschen macht. Aktuell ist in der Öffentlichkeit viel vom deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel die Rede, der seit Februar in der Türkei im Gefängnis sitzt. Können Sie sich vorstellen, was er dort durchmachen muss?

Bausch: Ich habe sehr genaue Vorstellungen davon, was mit Menschen passiert, die unschuldig im Gefängnis sitzen. Deniz Yücel ist ein ehrenwerter, angesehener Journalist und kein Krimineller. Eine solche Erfahrung wünsche ich keinem Menschen. Diese Ohnmacht, dieses Ausgeliefertsein. Nicht mehr zu wissen, was passiert, wenn die Tür aufgeht. Oder was den Verantwortlichen dort noch alles einfallen könnte. Was dort passiert, ist unerträglich! Und es ist ein Paradebeispiel für eine menschenverachtende Vollzugsform. Ich hätte nicht gedacht, dass ich darüber im Jahr 2017 in Europa noch diskutieren muss.

nordbuzz: Sie sagen, Sie seien kein verklärter Sozialromantiker, arbeiten jetzt aber seit fast 30 Jahren in der JVA Werl. Als Arzt könnten Sie auch eine schicke Praxis unterhalten und es sich gut gehen lassen. Muss man nicht eine besondere soziale Ader haben, um sich das jeden Tag anzutun?

Bausch: Natürlich könnte ich es mir schön machen. Aber die eigenen Überzeugungen müssen sich jeden Tag in der Wirklichkeit bewähren. Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte, auf der steht der schöne Satz: „Man muss das Leben aushalten können.“ Eine Journalistin hat sie mir geschenkt. Ich muss die Geschichten der Leute dort aushalten können. Ich bin kein kosmetischer Chirurg, der einfach schöne Möpse und Ärsche macht. Das ist nicht mein Job. Beim Theater habe ich oft die extremen Rollen gespielt. Da komme ich her, und diese Haltung ist mir geblieben. Wäre ich nur Arzt, hätte ich mir wohl etwas Besseres ausgesucht - eine Praxis mit netten Menschen und viel Geld. Aber in der Kombination dessen, was ich bin, bin ich genau richtig, wo ich bin.

tsch

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