Martin Brambach

Der Außergewöhnliche

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Martin Brambach ist der Chef im neuen Dresdner "Tatort". Seiner altmodischen Macho-Figur Peter Michael Schnabel tanzen die jungen, "beängstigend" modernen Ermittlerinnen jedoch ziemlich auf der Nase herum.

Mit dem gebürtigen Dresdner Martin Brambach betritt einer der besten Schauspieler Deutschlands die "Tatort"-Bühne. Man hätte wetten können, dass er früher oder später dort landet.

Zuletzt sah man ihn als Reiner Pfeiffer in "Die Affäre Barschel" oder als Wahlkampf-Strippenzieher für Anna Loos in der Serie "Die Stadt und die Macht". Omnipräsent scheint Martin Brambach derzeit im deutschen TV. Nicht selten macht allein die Mitwirkung des Schauspiel-Expressionisten aus einem mittelmäßigen einen guten Film. Es war überfällig, dass so einer für den "Tatort" entdeckt wird. Brambach wuchs in Ostberlin auf, zur Welt kam er jedoch 1967 in Dresden. Brambach, der mit der österreichischen Schauspielerin Christine Sommer, ihren Töchtern und einem gemeinsamen kleinen Sohn in Recklinghausen lebt, gibt im bösartigen neuen "Tatort: Auf einen Schlag" (Sonntag, 6. März, 20.15 Uhr, ARD) aus Sachsen einen Ermittler-Chef, aus dessen politisch unkorrekter Macho-Geste eigentlich die Verzweiflung eines von der Zeit Abgehängten tropft - ein großartiger Part für Martin Brambach.

teleschau: Sie sind gebürtiger Dresdner. Hat die Tatsache, dass Sie nun im neuen "Tatort" aus Dresden mitspielen, etwas damit zu tun?

Martin Brambach: Ich fürchte, ja (lacht). Das war für mich schon sehr aufregend. Einerseits komme ich von da, bin aber bereits mit sechs Jahren nach Berlin gezogen. Danach bin ich nie mehr wieder in Dresden gewesen. Ich habe auch keine Verwandten mehr dort. Heute lebe ich im Ruhrgebiet. Dort nun zu drehen, war ein bisschen so, als käme man zu sehr alten Erinnerungen nach Hause.

teleschau: Haben Sie überhaupt Erinnerungen an Dresden?

Brambach: Ja, auf jeden Fall. Mit fünf, sechs Jahren hat man schon Bilder und auch konkrete Erinnerungen im Kopf. Ich weiß noch, wie ich in Dresden das erste Mal im Kino gewesen bin. Ich habe während der Dreharbeiten noch mal einige Orte besucht und sogar Sachen wiedererkannt. Das war sehr emotional.

teleschau: Hatten Sie auch den Dialekt noch irgendwo abgespeichert?

Brambach: Das mit dem Dialekt ist seltsam. Als ich nach Berlin kam, habe ich sehr stark gesächselt. Ich hatte einen ausgeprägten Dresdner Dialekt. Dafür wurde ich in der Schule stark gehänselt. Weil sich die Preußen und die Sachsen schon rein historisch nicht so mögen. Ich bemühte mich also sehr, Berlinerisch zu reden, Kaugummi zu kauen und Blasen zu machen. Auch auf zwei Fingern pfeifen war angesagt. Später berlinerte ich dann so stark, dass ich auf der Schauspielschule und am Theater mit manchen Regisseuren Probleme deswegen hatte. Ich bin wohl sehr empfänglich für Dialekte.

teleschau: Das heißt, Sie haben ihr Sächsisch eigentlich verlernt?

Brambach: Ja, das dachte ich. Bis mich ein Bayer darauf aufmerksam machte. Bei "Comedian Harmonists", das war so um 1997, hatte ich einen kleinen Auftritt. Joseph Vilsmaier, der Regisseur, unterbrach die Szene und sagte: "Moment, was ist das für ein Dialekt, den Sie da sprechen?" Und ich sagte: "Ach, Entschuldigung, Berlinerisch - das ist mir so herausgerutscht." Und er sagte. "Nein, das ist ein anderer Dialekt!" Und ich meinte, selber ein bisschen ungläubig: "Vielleicht ein bisschen Sächsisch?" Und Vilsmaier meinte sofort: "Ja das ist es! Das machen Sie bitte in der Szene." Mir ist das damals zum ersten Mal aufgefallen, dass ich in Momenten, wenn ich unsicher bin, ein bisschen in Sächsische zurückfalle - eine Art Sprachregression. Das Sächsische kommt auch in Momenten in mir hoch, wenn es um große, tiefe Themen geht. Um Tod beispielsweise. Sprache ist eben ein sehr archaisches Ding.

teleschau: Haben Sie für den "Tatort" noch mal geübt?

Brambach: Ein bisschen im Alltag. Wobei ich sicher bin, dass ich mir da kein perfektes Dresdner Sächsisch angeeignet habe, sondern eher eines, das ein bisschen anhaltinisch klingt. Vielleicht werden sich die Hallenser freuen, wenn sie mich im "Tatort" reden hören (lacht).

teleschau: Der "Tatort" spielt zwar an klassischen, fast klischeehaften Orten Dresdens - zum Beispiel dem Zwinger. Die Sachsen selbst fasst das Drehbuch allerdings nicht mit Samthandschuhen an. Es ist ein ziemlich böses Stück ...

Brambach: Das stimmt. Die Geschichte spielt im Volksmusik-Milieu und lebt vom besonderen Humor ihres Autors Ralf Husmann. Der kann eine scharfe, böse Ironie schreiben. Die trotzdem ihre Figuren ernst nimmt - auch die aus der Volksmusik-Szene. Würde man sie nur vorführen und denunzieren, wäre es eine Posse. Das ist der Film aber nicht. Ich finde sogar, der Dresdner kommt an und für sich nicht schlecht weg.

teleschau: Ihre Figur ist ein konservativer Macho mit durchscheinender Verzweiflung, der manchmal die Kontrolle über sich und die Situation verliert...

Brambach: Ja und er ist alles andere als politisch korrekt. Es gehört in so eine Stadt mit all ihren Widersprüchen, dass wir uns solcher Figuren annehmen. Ich finde auch nicht, dass meine Figur dadurch unsympathisch wird. Eher authentisch.

teleschau: Mit Hilfe der Schlagerbranche werden auch Geschlechterrollen oder Geschlechter-Identitäten verhandelt. Soll das ein bleibendes Thema des Dresdner "Tatorts" werden?

Brambach: Da müssen Sie den Autor Ralf Husmann fragen. Wir haben noch einen zweiten Film mit ihm gedreht, und ich bin relativ zuversichtlich, dass wir 2016 noch einmal zwei mit ihm machen. Wo die Entwicklung hingeht, wissen wir Schauspieler noch nicht so genau. Aber klar - wir haben die Konstellation eines konservativen Chefs mit zwei jüngeren, weiblichen Ermittlern. Die sind viel moderner als meine Figur und auch ein bisschen widerborstig in ihrer Struktur. Trotzdem haben sie ihre eigenen, schmerzvollen Themen: Die von Karin Hanczewski gespielte Frau hat ein Kind, aber keinen Mann. Die andere - Alwara Höfels verkörpert sie - hat zwar einen Mann, aber sie bekommen kein Kind.

teleschau: Gibt es eine tiefere Idee hinter dem Eintauchen des Films in die Welt des Schlagers?

Brambach: Ich glaube, dass es Ralf Husmann auch ein bisschen um die Auseinandersetzung mit dem traditionellen Image des MDR ging. Natürlich gibt es in Dresden nicht nur Volksmusik. Da sind Punkbands, Klassik, eine tolle Jazz-Szene. Dieser Krimi ist der Blick des Autors auf einen Sender, zu dessen Konzept es gehört, dass sie auch das etwas Rückwärtsgewandte bedienen müssen. Weil er ein Publikum bestrahlt, das eben auch aus einer anderen Zeit kommt. Menschen, die die DDR erlebten und dort Stars hatten. Man kann diese Leute nicht irgendwo verschwinden lassen, das wäre auch nicht in Ordnung. Jeder Mensch will sich an Dingen festhalten. Und wer nimmt sich raus, darüber zu entscheiden, was davon nun sein darf und was nicht?

teleschau: Sie sprechen vom MDR als Reservat für Ostalgie und alte Helden?

Brambach: Es geht weniger um den Sender als um Klischees. Natürlich ist es ein bisschen platt zu behaupten, das Volksmusik eine starke Verbindung zu Dresden, Pegida und ähnlichen Geisteshaltungen und Bewegungen aufweist. Das wäre mir auch zu einfach. Gerade die Pegida-Bewegung speist sich aus allen Schichten in Dresden, da geht ein richtiger Riss durch die Stadt. Es sind durchaus wohlhabende und gebildete Menschen bei Pegida. Natürlich auch einfache Leute mit vielen Ängsten und Ressentiments, die in der Vergangenheit steckengeblieben sind. Wenn man nun diese Demonstrationen sieht, tauchen da neben NPD-Plakaten auch welche auf, auf denen "Freundschaft mit der Sowjetunion - raus aus der NATO" steht. Pegida ist ein absolut irres Konglomerat aus Ablehnung und Protest.

teleschau: In einer Szene des Films heißt es, der Sachse wäre am liebsten mit anderen Sachsen zusammen ...

Brambach: Ja (lacht), auch da wird natürlich mit Vorurteilen gespielt. Aber die Dresdner sind andererseits auch wahnsinnig freundlich und lebensbejahend. Eigentlich kann man die Stadt fast ein bisschen mit München vergleichen, nur dass sie im Osten liegt. Dresden ist eben etwas Besonderes, und die Dresdner halten sich auch für etwas Besonderes. Sie waren kurfürstliche Hauptstadt. In der DDR war die Stadt immer auch ein Gegengewicht zu Berlin. Dort gibt es ein großes Selbstbewusstsein. Auf der anderen Seite offenbar aber auch das Gefühl, hier und da zu kurz gekommen zu sein.

teleschau: Was ist denn die Stärke des Sachsen?

Brambach: Ich glaube, dass der Sachse viel Sinn fürs Praktische hat. Er ist sehr fleißig, aber auch sehr genussfähig. Er ist ein bisschen gemütlich, eher ruhig. Eigentlich nicht so aufgeregt (lacht). Das verblüfft mich auch so an Pegida - weil Dresden eine große Kulturstadt ist. Für Malerei beispielsweise, auch moderne Malerei, war sie immer eine Hochburg. In der DDR kam aus dieser Ecke immer viel Widerstand gegen das System. Andererseits war Dresden auch stets eine konservative Stadt. Und es gibt den alten Spruch: In Leipzig wird das Geld verdient, in Dresden wird es ausgegeben.

teleschau: Sie spielen im Dresdner "Tatort" wieder so einen Typen, den sie öfter mal verkörpern: jemanden mit sehr ausgeprägter Mimik und Gestik. Besetzt man sie bevorzugt für solche expressiven Typen, oder holt man sie, weil man weiß, dass Sie selbst ein bisschen so sind?

Brambach: Das ist eine gute Frage. Was Sie beschreiben, ist eine Schwäche und Stärke zugleich. Natürlich ist so ein erster "Tatort" auch eine Figurenfindung. Mal sehen, wohin das noch führt. Ich komme vom Theater, und manchmal schieße ich mit den Gesten vielleicht ein bisschen übers Ziel hinaus. Wenn ich mich selbst im Film sehe, denke ich ab und zu: Uh, da wäre aber weniger mehr gewesen. Manchmal kommt es mir aber auch zugute, dass ich Dinge an mich reiße und Szenen sehr klar spiele. Vielleicht werde ich manchmal extra dafür geholt, das kann sein. Es gibt aber auch Regisseure, die daran verzweifeln. Weil ich am Drehort auch alles aussprechen und ausprobieren muss, was mir einfällt.

teleschau: Und das nervt aus welchem Grund?

Brambach: Weil es Zeit kostet und die dann hinterher immer so viele Sachen rausschneiden müssen mit mir (lacht). Beim Dresdner "Tatort" sind mir ständig Tassen runtergefallen, der Zucker ist in den Kaffee gekippt, ich bin gestürzt und so weiter. Das haben sie alles rausgeschnitten. Direkt nach dem Drehen, bei den Mustern, hatten sie noch Spaß mit mir, hieß es, aber im fertigen Film nicht mehr (lacht). "Das geht nicht, das ist ja ein Trottel", sagte man mir. So was passiert, wenn ich dabei bin. Aber ich kann nicht anders, da ist immer dieser Wunsch in mir, zu suchen. Ich wäre unglücklich, wenn ich es nicht dürfte.

teleschau: Es gibt mittlerweile eine Reihe von "Tatort"-Standorten, an denen deutlich mit humoristischem Ansatz gearbeitet wird. In welcher Nische sehen Sie Ihr Dresdner Team?

Brambach: Sie meinen Münster, Weimar, Saarbrücken - ja, das sind schon mal drei unterschiedliche Humor-Schienen. Ich für meinen Teil sehe ja die Wiener sehr gerne. Das ist eine Mischung aus zum Teil sehr gut recherchierten, harten Fällen und doch auch einem großem Humor. Da ist Menschlichkeit, auch beim Zeigen von Abgründen. Vielleicht, wenn wir gut sind, können wir derlei Qualität auch in Dresden etablieren.

Schauspieler Martin Brambach

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