„Sløborn“

Aus Fiktion wurde Realität: Pandemie-Serie liefert Blick in finstere Glaskugel

Auf der beschaulichen Insel "Sløborn" ist nichts mehr wie zuvor. Die Pandemie-Serie, die bereits vor zwei Jahren in der Entwicklung war, zeigte hinsichtlich eines sich ausbreitenden Virus nahezu seherische Fähigkeiten. Teenagerin Evelin Kern (Emily Kusche) ist der Verzweiflung nahe.
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Auf der beschaulichen Insel „Sløborn“ ist nichts mehr wie zuvor. Die Pandemie-Serie, die bereits vor zwei Jahren in der Entwicklung war, zeigte hinsichtlich eines sich ausbreitenden Virus nahezu seherische Fähigkeiten. Teenagerin Evelin Kern (Emily Kusche) ist der Verzweiflung nahe.

Man kann kaum fassen, dass die Idee zur Katastrophenserie „Sløborn“ schon fast zwei Jahre alt ist - Parallelen zum Corona-Virus sind nicht zu übersehen. Die reale Pandemie verstärkt die Wirkung der Serie, die mit einem starken Cast überzeugt, immens.

Die Parallelen sind offensichtlich und teilweise schockierend: Ein kaum bekanntes, gefährliches Virus findet seinen Weg nach Deutschland. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise und dem Wissen, dass die Idee zur Katastrophenserie „Sløborn“ (Donnerstag, 23. Juli, 20.15 Uhr, ZDFneo) schon zwei Jahre zurückliegt, wirkt das sehenswerte achtteilige „neoriginal“, als hätten die Macher in eine finstere Glaskugel geblickt. Wotan Wilke Möhring, der eine Hauptrolle in der Drama-Serie übernimmt, schreibt ihr gar „beängstigende seherische Fähigkeiten“ zu. Dass hier Fiktion teilweise zur Realität wurde, ist keine Übertreibung. Von diesen erstaunlichen Analogien können sich Interessierte am 23. und 24. Juli überzeugen, wenn jeweils vier Folgen auf ZDFneo ausgestrahlt werden. Ab 23. Juli ist „Sløborn“ zudem in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Wie in Katastrophenfilmen und -serien üblich, bildet diese zunächst vage Bedrohung, die durch die Insellage des betroffenen Gebiets noch mal verstärkt wird, lediglich den Rahmen für persönliche Schicksale. Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind wiederum durch die Ausnahmesituation miteinander verwoben. „Sløborn“ nimmt sich viel Zeit, die zahlreichen handelnden Personen und ihre Beziehung in diesem nordischen Setting zueinander vorzustellen. Erst in der vierten Folge wird die Pandemie auf der Insel für alle offenbar. Dennoch kommt bis dahin keineswegs Langeweile auf, mit dem Zuspitzen der Lage steigert sich die Spannung.

Da wäre zuallererst die Geschichte um die Teenagerin Evelyn Kern (Emily Kusche) zu nennen, die nicht nur von ihrem Lehrer schwanger ist, sondern auch noch die Trennung ihrer Eltern verkraften muss. Ihr Vater Richard (Wotan Wilke Möhring) ist aktuell als Tierarzt tätig, spielt aber aufgrund seiner Kenntnisse eine bedeutende Rolle im Kampf gegen das Virus. Dann wäre da noch der von seinen Mitschülern gemobbte Jugendliche Hermann (Adrian Grünewald), der durch die Geschehnisse erstmals Macht gegenüber seinen Peinigern erhält. Mit Magnus Fisker (Roland Møller) kehrt zudem ein alter Bekannter auf Sløborn zurück - im Gepäck eine Gruppe krimineller Jugendlicher, denen er mit seinem Programm einen Ausweg bieten will.

Mancher Zuschauer wird sich ertappt fühlen

Aus einem stark aufspielenden und hervorragend gecasteten Ensemble stechen vor allem die jungen Schauspieler um Emily Kusche und Adrian Grünwald hervor. Der Part um die Jugendlichen und ihre sich verändernden Beziehungen wirkt stets authentisch und kommt wohltuend ohne großen Teenie-Kitsch aus. Erwähnenswert ist zudem die herausragende Performance von Alexander Scheer als exzentrischer und kokainsüchtiger Schriftsteller, den es aufgrund einer Lesung zur Unzeit auf die Insel verschlägt. Und wer hätte das schon ahnen können?

Die Anzeichen gibt es - Versatzstücke aus Radio und Fernsehen weisen immer wieder auf die Gefahr hin. „Grippe hoch ansteckend“, „breitet sich in Indien, Asien und Südamerika aus“, „kaum noch zu kontrollieren“ - die Nachrichten sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings scheint es doch vermeintlich praktisch und bequem, die Probleme in den anderen Ecken des Globus mit einem Knopfdruck auf Fernbedienung oder Autoradio abschalten zu können - bis der Virus das eigene Umfeld beeinträchtigt. Auch hier wird sich der ein oder andere Zuschauer ertappt fühlen, wie grundsätzlich der Eindruck der letzten Monate die Wirkung dieser Serie vermutlich um ein Vielfaches potenziert hat.

Dabei fällt besonders ein Stilmittel ins Auge. Eigentlich so banale Dinge wie ein Nieser im Schulbus oder das Greifen in eine offene Schale voller Nüsschen erzeugen durch Großaufnahmen in Slow-Motion ein latentes Unwohlsein beim Zuschauer und dienen als Sinnbild der Verbreitung. Der sogenannte Taubenvirus in „Sløborn“ - eine, wie sich im Laufe der Serie herausstellt, mutierte Version des Vogelgrippe-Virus - ist jedoch deutlich aggressiver und lebensbedrohlicher als sein reales Pendant. Insbesondere die Symptome wirken auf den Zuschauer plakativer und sorgen bewusst für kleinere Schock-Momente. Denn aus diversen Körperöffnungen, besonders den Augen, tritt Blut aus.

Laut Wotan Wilke Möhring befinden sich die Planungen zu einer zweiten Staffel bereits in einem fortgeschrittenen Stadium - der Kampf gegen das Virus ist zäh.

teleschau

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