ZDF-Trödelshow mit Horst Lichter

Der Anti-Trendsetter: Eine Hommage zu 1.000 Folgen „Bares für Rares“

Und jetzt: Konfetti! Horst Lichter feiert die 1.000. Folge „Bares für Rares“.
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Und jetzt: Konfetti! Horst Lichter feiert die 1.000. Folge „Bares für Rares“.

Mit Handkuss-Etikette und rheinischer Begeisterungsurgewalt macht Horst Lichter am Freitag 1.000 Ausgaben „Bares für Rares“ voll. Die ZDF-Erfolgssendung ist die Antithese zu vielen Gewissheiten über das Unterhaltungsfernsehen.

Schlaglichter aus der deutschen TV-Unterhaltung im Frühjahr 2020. Bei RTL setzt sich ein Junggeselle beim ersten Kennenlernen fast nackt an den Küchentisch einer alleinstehenden Landwirtin. Bei SAT.1 wird eine Boutiquenbesitzerin von einer schlauchbootlippigen Datingshow-Persönlichkeit mit einer Chipstüte am Einschlafen gehindert. Und wiederum bei SAT.1 sollen in Särge gesperrte Abenteuershowkandidaten verstorbene Prominente von lebendigen unterscheiden, auf dass sich die Gruft öffnet.

Geschmacklos sells! Aber das heißt ja nicht, dass nicht auch das Gegenteil zutreffen kann. Am Freitag, 15. Mai, um 15.05 Uhr, wird ein gewisser Horst Lichter vermutlich nicht wenige ZDF-Zuschauer zu seiner werktäglichen Trödelshow „Bares für Rares“ begrüßen. Gut möglich, dass gar nicht viel Bohei gemacht wird um den Umstand, dass es sich dabei um die 1.000. Folge der beliebten Sendereihe handelt. Aber das würde passen zu dieser Show: Sie ist so etwas wie die Antithese zu vielen Gewissheiten, die Fernsehmacher über das schwere Feld der leichten Unterhaltung haben.

Erfunden wurde mit „Bares für Rares“ das Genre der Trödelshow zwar nicht. Der Ruhm gebührt auf Deutschland bezogen doch eher den BR-Kollegen von „Kunst und Krempel“ (seit 1985!). Sogar der RTLZWEI-„Trödeltrupp“ ist mit Baujahr 2009 vier Jahre älter als „Bares für Rares“. Doch nirgends ruht das Sentiment des Wertschätzens - im zweifachen Sinn! - so gemütvoll in sich selbst wie in jenem vor den Toren Kölns gelegenen Klinkerbau, der einmal als Walzwerk diente und nun Menschenschlangen beherbergt, die echte und vermeintliche Schätzchen unterm Arm haben.

Kein Alltagsrascheln, keine Wegwerfmentalität

Aus allen Landesteilen bringen sie Silberbesteck mit, Steinkrüge, Stoffbären, Werbeplakate, Edel-Chronometer, Freimauerblech und Omas vererbte Goldklunker. Horst Lichter, ein Mann der als TV-Koch berühmt wurde, schüttet auf alles eine Gemütssoße rheinischen Euphorismus - nichts ist so banal, als dass es nicht gefeiert werden könnte. „Leck misch de Söck!“, jubelt Horst Lichter dann. Oder er wird „jeck“ und gern auch „sprachlos“, was sich bei ihm durchweg verbal artikuliert.

„Bares für Rares“ ist eine magische Show: Hier werden unscheinbarste Staubfänger qua fachgerechter Expertise zu „Sensationen“. Auch vergeht seit sieben Jahren kaum eine Folge, in der es bei aller muckeligen Gleichförmigkeit nicht zu konstatieren gälte: „So was hatten wir noch nie!“ Die Begeisterung darüber ist ansteckend. Knapp drei Millionen Menschen schalten im Durchschnitt ein. Das sind aufs Nachmittagsniveau heruntergebrochen „Tatort“-artige Quotenverhältnisse.

Während der „Tatort“ eine echte Tradition (seit 1970) aufzuweisen hat, ist es bei Lichters Trödelparadies eine suggerierte, doch die ist nicht weniger wirkungsmächtig. Wer „Bares für Rares“ einschaltet, taucht ein in eine Blase, in der die Zeit stillzustehen scheint. Trödeln heißt hier im doppelten Wortsinn eben auch: sich Zeit nehmen. Keine Flohmarktanekdote ist zu abwegig, als dass sie nicht gehört werden wollte. Das hektische Alltagsrascheln, die moderne Wegwerfmentalität haben zwischen Wert-Expertise und Händlerkarte keinen Platz.

Dazu ist dies ein Ort, an dem noch kaiserzeitliche Manieren gepflegt werden. Horst Lichter beherrscht den Handkuss und das galante Nebenbei-Kompliment. Von MeToo und den daraus resultierenden Unsicherheiten der zwischengeschlechtlichen Zuneigungsbekundung hat der Mann mit dem neckisch verzwirbelten Bart noch nie gehört. Das trifft auch auf die Gepflogenheiten im „Händlerraum“ zu, wo durchweg cash bezahlt wird.

Es ist nicht gelungen, „Bares für Rares“ medial kleinzuklopfen

Die Trödelhändler der Sendung tragen putzige Spitznahmen wie Waldi und Lucki. Der eine tauft jedwede weibliche Präsenz „Engelchen“, ein stets mittig sitzender Österreicher sagt gern „Gnä' Frau“. Und sollte sich beim Zappen einer über einen Mann im Blümchenhemd wundern, der als Einziger steht, die anderen aber doch nicht überragt: Das ist der Niederbayer Ludwig Hofmaier, der 1967 auf Händen laufend eine Papst-Audienz erhielt.

Mag sein, dass hier, bei den Feilsch-Profis, manch treuherzige Frührentnerin charmant über den Tisch gelabert wird, wie kritische Beobachter verschiedentlich monierten. Und ganz bestimmt ist es so, dass bezahlte Komparsen durchs Bild laufen, während Horst Lichter doch immer die Ehrlichkeit seiner kleinen Sendereihe rühmt. Das „Bares für Rares“-Bashing hatte zwischenzeitlich beachtliche Konjunktur. Es ist ja auch ein vielfach erprobter Reflex, Erfolgsgiganten medial kleinzuklopfen, allein schon aus Prinzip. Aber das ist nicht gelungen. Und es ist hier auch müßig.

Anders gesagt: Sollte „Bares für Rares“ in absehbarer Zeit die Marke der 2.000. Folge geknackt haben, wird darüber das Abendland schon nicht untergegangen sein. An dem Projekt arbeiten derweil ganz andere.

teleschau

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