ProSiebenSat.1 plant Streamingplattform und ruft Konkurrenz zum Mitmachen auf

Angriff auf Netflix und Co: Verbünden sich die deutschen Sender?

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Netflix-Content-Chef Ted Sarandos muss bald mit einem Streamingangriff der deutschen Sender rechnen.

Angriff auf Netflix, Amazon und Co: ProSieben und RTL planen eine Umwälzung ihrer VoD-Plattformen. Verbünden sich Private und Öffentlich-Rechtliche bald gegen die US-Streamingriesen?

So wirklich sollte es niemanden überrascht haben, dass die Zukunft des Fernsehens nicht gerade in Deutschland ihren Ausgang nahm. Noch immer gilt das lineare TV hierzulande als Maßstab aller Dinge, während Netflix, Amazon Prime und Co. nur müßig in die Gänge kommen. Die Revolution, diese Regel gilt auch hier, erreicht die Deutschen eher schleichend. Nachdem die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken modernisierten und in bis dato nicht für möglich gehaltenen Kooperationen gigantische Eigenproduktionen wie „Babylon Berlin“ an den Start bringen, erwartet uns nun offensichtlich die große Streaming-Offensive der Privaten: ProSieben und Discovery bauen an einer gemeinsamen, medienübergreifenden Plattform, zu der sie sogar die Konkurrenz einladen. RTL will währenddessen seinen Video-on-Demand-Dienst mit Fokus auf die junge Generation massiv ausbauen. Kann der Angriff auf die US-Riesen gelingen?

„Ich lade hiermit RTL, ARD und ZDF ein, mit uns gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen. Dies ist nur der Beginn unseres Weges. Jetzt gilt es, die Ärmel hochzukrempeln“: Die Worte, die Max Conze, Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1 für die Ankündigung wählte, waren markiger, als man es gewohnt ist. Das avisierte Ziel bedarf solcher selbstbewussten Ansagen, die direkt dem US-netflixierten Sprüchefundus entnommen scheinen. Schließlich will man mit der geplanten „führenden lokalen Streaming-Plattform für Deutschland“ genau jene inzwischen regional sehr angepasste und aktive Überseekonkurrenz angreifen.

Die ProSiebenSat.1-Gruppe und die Discovery-Senderfamilie streben gemeinsam den Aufbau eines Online-Dienstes an, der „ein umfassendes Entertainment-Paket mit Live-Streaming, einer umfangreichen Mediathek mit hochkarätigen deutschen Inhalten und dem Besten aus Hollywood sowie qualitativ hochwertige Sportübertragungen bietet“. Zusammengeführt werden sollen die bestehende VoD-Plattform 7TV, Maxdome, der Eurosport Player sowie verschiedene einzelne Inhalte. Angedacht ist zunächst ein Team von 200 „digitalen Experten“, die das ambitionierte Projekt umsetzen und bis zur ersten Jahreshälfte 2019 an den Start bringen sollen.

Ehrgeizig sind auch die Ziele: Zehn Millionen Nutzer wolle man in den ersten beiden Jahren verzeichnen, angekündigt sind zudem „maßgeschneiderte Inhalte“. Angeboten werden soll eine kostenlose werbefinanzierte Version, ein kostenpflichtiger Zugang ohne Werbung sowie „Premiumpakete“, die den Abruf von „exklusiven Sportübertragungen und Filmen“ ermöglicht.

Während Amazon also inzwischen Rechte an der Premier League erwarb und sein Angebot mit so genannten „Channels“ ausbaut, und während Netflix auf eine Kooperation mit Sky setzt, an Sport aber nicht interessiert ist, soll die noch namenlose neue Plattform zur eierlegenden Wollmilchsau für Serien-, Film- und Sportinteressierte mit Fokus auf den deutschen Markt werden.

Dass es den Münchner Sendern ernst ist mit ihrem Vorstoß, zeigt der Aufruf an die hiesige öffentlich-rechtliche und private Konkurrenz: Die größten deutschen Senderfamilien mögen sich doch zu einem übergreifenden digitalen Angebot zusammenschließen - so lautet eine gängige Forderung, seit die hipperen US-Riesen zumindest das Herz der zukunftsträchtigen Millennial-Generation zu gewinnen scheinen. Zusammenhalten, bevor man von Reed Hastings und Co. plattgemacht wird - ob dieser Plan aufgehen kann?

Zumindest RTL bastelt ebenfalls aktuell an seinem eigenen Angriff auf Netflix und Amazon: Die Kölner Mediengruppe plant, ihr Streaming-Angebot ebenfalls stark auszubauen. Man wolle auf diesem Feld zum „Massenanbieter“ werden, sagte RTL-Group-Chef Bert Habets der FAZ. Zwar sei das lineare Fernsehen noch immer „unser Rückgrat“, doch werde man in den nächsten Jahren stark in Video-on-Demand-Inhalte investieren, „vor allem in lokale Inhalte“, so Habets. Mit TV-Serien, Shows und Reality-TV wolle man „für Deutschland einen Massenmarkt aufbauen“, „wie es Netflix global ist“.

Verstärkt solle sich RTLs Digitalangebot, das derzeit bei TV Now abrufbar ist, dabei an den Bedürfnissen der Millennials orientieren. Weil die junge Generation Medien anders konsumiere, „müssen wir verstärkt Formen finden, die nur noch 10 bis 15 Minuten dauern und anspruchsvolle Inhalte bieten“. Bei all der Planung zur Stärkung der eigenen Marke, sagt Habets aber auch: „Wir sind für Partnerschaften in einzelnen Bereichen sehr offen.“

Schon vor einem halben Jahr hatte sich auch der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm für eine deutsche oder europäische Streaming-Zusammenarbeit der privaten und öffentlich-rechtlichen Anbieter ausgesprochen. Langsam scheint man zu verstehen, dass mit der schleichenden TV-Revolution nicht zu spaßen ist.

teleschau

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