„Ich würde meinen Weg wieder gehen“

Erst doppeltes Nierenversagen, dann Koma: Andrea Jürgens stirbt an Organversagen

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Die Schlagerszene trauert um Andrea Jürgens. Die Sängerin kam am Montag ins Krankenhaus, nun starb der Ex-Kinderstar im Alter von 50 Jahren an Nierenversagen.

Sie wurde in den 70er-Jahren als Kinderstar bekannt, ging dann weiter unbeirrt ihren Weg als Schlagermusikerin und ist nun überraschend früh verstorben: Andrea Jürgens wurde nur 50 Jahre alt.

„In der Branche sollte jeder Kritik vertragen können“, resümierte Schlagersängerin Andrea Jürgens einst. Deshalb habe sie sich auch nie darüber geärgert, wenn manche Kids ihre Musik als schnulziges Tränendrüsengedudel verlachten und sich stattdessen den Stars aus der Techno-, HipHop und Rap-Szene zuwandten. „Die Geschmäcker sind ja Gott sei Dank verschieden. Wichtig ist nur, daß ich hundertprozentig hinter meiner Arbeit stehe.“ An diesem Credo hielt Andrea Jürgens immer fest, was sie in der Schlagerszene zu einer sympathischen Erscheinung machte. Am Donnerstag ist die Sängerin, die einst als zehnjähriger Kinderstar die große Schlagerbühne betrat und erst kürzlich ihren 50. Geburtstag feierte, an den Folgen eines schweren Nierenschadens verstorben.

„Hundertprozentig“ hinter der eigenen Arbeit stehen: Dazu fühlte sich Andrea Jürgens auch gegenüber ihren Fans stets verpflichtet, die ihr eisern die Treue hielten, seit sie vor 40 Jahren als Zehnjährige mit dem Lied „Und dabei liebe ich Euch beide“ über Nacht zum Star wurde. Damals, 1977, in der ARD-Silvestergala „Am lauenden Band“ mit Rudi Carrell. „Das Goldkehlchen aus dem Kohlenpott“ - so titelte die Presse in den 70er-Jahren über das Mädchen aus Wanne-Eickel. Doch wurden die strahlenden ersten Auftritte von Anfang an auch von starker Kritik begleitet.

Mit „Ein Herz für Kinder“ stürmte Andrea Jürgens 1979 die Hitparaden. Doch genau dieses Herz wurde ihren Eltern Heinz (bis 2010 ihr Manager) und Margret Jürgens Ende der 70er-Jahre von Teilen der Presse abgesprochen. Sie hätten ihre Tochter ins Rampenlicht gedrängt, lauteten die Vorwürfe. Die ARD-Anstalten boykottierten für einige Zeit die junge Interpretin, um sich nicht an der Vermarktung eines Kindes zu beteiligen. „Ich habe meinen Eltern sehr viel zu verdanken“, räumte Andrea Jürgens später jegliche Gerüchte aus dem Weg. „Ich hätte in diesen Jahren gutes Geld verdienen können, doch sie bestanden darauf, dass ich die Mittlere Reife abschließe.“ Für Fernsehauftritte habe es maximal zwei Tage im Monat schulfrei gegeben. „Auch die Lehrer haben darauf geachtet, dass die Leistungen nicht abfallen und ich auf dem Teppich bleibe.“ In der Schule sei sie zwar kein Überflieger gewesen, aber trotzdem habe sie ihren „Schulabschluss gut gemacht“, blickte Jürgens erst vor Kurzem zurück.

Begeisterung auf der einen Seite, Argwohn auf der anderen: Andrea Jürgens ging immer unbeirrt „ihren“ Weg. Vor allem blieb sie dem Schlager und ihren Fans treu, bis zuletzt. Auf „Und dabei liebe ich euch beide“ folgten zunächst weitere beachtliche Hitparadenerfolge mit „Ich zeige dir mein Paradies“, „Tina ist weg“, „Ein Herz für Kinder“ oder „Eine Rose für dich“. Im Erwachsenenalter konnte Andrea Jürgens an die alten Erfolgenicht mehr anknüpfen, wenngleich sie immer wieder auftrat und Musik veröffentlichte. Erst kürzlich hatte Jürgens anlässlich ihres 50. Geburtstags am 15. Mai ein neues Album mit dem Titel „Das Beste - ein Kinderstar wird 50“ veröffentlicht, auf dem sie ihre größten Hits zusammentrug.

Es wurde irgendwann ruhiger um die Sängerin, die einst bei einem Talentwettbewerb von Produzent Jack White entdeckt wurde, doch wirklich „weg vom Fenster“ war Andrea Jürgens nie. Insgesamt 17 reguläre Studioalben veröffentliche sie im Lauf der Jahre, zuletzt „Millionen von Sternen“ im Jahr 2016. Andrea wusste immer zu schätzen, dass ihre Fans ihr über „all die Jahre die Treue gehalten“ haben, und sie freute sich, dass „die Leute einem noch zuhören“. Zwei goldene Stimmgabeln erntete Jürgens, zudem mehrere Gold- und Platinauszeichnungen. Viele werden sich heute noch an ihre Weihnachts-LP „Weihnachten mit Andrea Jürgens“ erinnern, die sich 1979 in nur drei Monaten über eineinhalb Millionen-mal verkaufte. Erst im vergangenen Jahr wurde sie für ihre Leistungen und ihren Erfolg in der Schlagerszene mit dem smago!-Award ausgezeichnet.

Bei allem Erfolg und dem damit verbundenen Druck auf der Bühne wusste Andrea Jürgens aber auch, wo sie ihre Grenzen zu ziehen hat. Dementsprechend verzichtete sie irgendwann ganz bewusst auf große Konzertreisen. Bereits in den späten 90-ern erklärte sie: „Ich habe mir bezüglich meiner Engagements ein Limit gesetzt, das ich nicht überschreiten möchte. Ich brauche mein Zuhause.“ Zuletzt lebte Jürgens, die von 1988 bis 1994 mit Ralf Stiller verheiratet war, in Recklinghausen.

Es wäre mit Sicherheit noch einiges zu erwarten gewesen von Andrea Jürgens, die mit sich selbst immer im Reinen war. „Ich habe meinen Traumberuf gefunden und genieße das Leben, auch wenn ich nicht mit jedem Titel einen Hit landen kann“, bekannte die Künstlerin einst. Und wenn sie noch einmal vor der Wahl gestanden hätte, als Kind ins Haifischbecken des Showgeschäfts zu springen? - „Dann würde ich meinen Weg wieder genauso gehen“, sagte sie.

Dieser Weg fand nun ein jähes, vorzeitiges Ende. Nachdem sie zu Jahresbeginn wegen eines Virusinfekts behandelt werden musste, erlitt Andrea Jürgens am Montag einen schweren Zusammenbruch - ein doppeltes Nierenversagen wurde diagnostiziert, Jürgens fiel ins Koma. Am Donnerstagvormittag verstarb sie an Organversagen. Auf ihrer Facebook-Seite heißt es: „Wir trauern um eine Ausnahmekünstlerin, die die Liebe zur Musik von Kindesbeinen an begleitete. Ruhe in Frieden, wir werden dich vermissen.“ Ken Otremba von ihrer Plattenfirma Telamo erklärte der „Bild“-Zeitung: „Es war mir eine Ehre mit und für Andrea Jürgens zu arbeiten. Wir trauern um eine der wichtigsten Künstlerinnen des Deutschen Schlagers. Andrea wird uns allen sehr fehlen. Sie ist unersetzlich.“

teleschau

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