Ab Dienstag, 29. Mai, 22.45 Uhr

Anders Fernsehen: Das „FilmDebüt im Ersten“ zwölf Werke junger Regisseure

+
Schauspieler Peter Kurth macht Thomas Stubers Debütfilm „Herbert“ (Dienstag, 29.05., 22.45 Uhr) mit einer sensationellen Leistung zu einer Figur, die man so schnell nicht vergisst. Dafür gab es den „Deutschen Filmpreis“. Nun läuft das Boxerdrama als Auftaktfilm der Reihe „FilmDebüt im Ersten“.

Wer auf zuviel Krimis, klischeehafte Figuren und öde deutsche Fernseh-Ästhetik schimpft, sollte sich das „FilmDebüt im Ersten“ anschauen. Unter den zwölf Filmen junger Regisseure finden sich echte Perlen.

Ein schmerzhaft intensives Boxer-Porträt („Herbert“, 29.05., 22.45 Uhr), die brillant beobachtete Dramedy um eine Lehrerin mit unerfülltem Kinderwunsch („Dinky Sinky“, 26.06., 1.25 Uhr), ein „Coming of Age“-Film im Hip-Hop-Flow („Morris aus Amerika“, 19.06., 1.10 Uhr) und sogar eine ausgeflippte Science Fiction-Farce („Polder - Tokyo Heidi“, 12.06., 0.35 Uhr): Man kann nicht behaupten, Deutschlands junge Filmemacher hätten keine Ideen. Auch die Qualität stimmt - bei zwölf ausgewählten Filmen von Langfilm-Regiedebütanten, die das Erste in diesem Sommer zu ausgewählten Terminen am späten Dienstagabend zeigt. Neben dem Nachteulen-Live-Modus bleiben interessierten Zuschauern auch die Ausstrahlungsmöglichkeiten Mediathek und ARD One.

Seit 2001 existiert die Reihe „FilmDebüt“ im Ersten. Jahr für Jahr fördern Spezial-Redaktionen der meisten ARD-Anstalten eine Handvoll Debütfilme mit Geld und Knowhow. Durchaus mit Erfolg: Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“ - 2005 gewann er den „Oscar“ als bester fremdsprachiger Film - war ursprünglich ein „Debüt im Ersten“. Drei bis vier Jahre brütete man damals gemeinsam über dem Stoff. Zeit, in der man „die Filmemacher an der langen Leine lässt“, wie Stefanie Gross, verantwortliche Redakteurin beim SWR betont. „Viele Erstlingswerke sind autobiografisch inspiriert. Es geht darum, dass die Filmemacher erst mal ihre eigene Sprache finden. Da nutzt es nichts, Druck zu machen.“

Bei Henckel von Donnersmarck war die Sachlage anders. Ihm wollte man trotz seiner brillanten Story über einen Spitzel und einen Bespitzelten in der späten DDR kein Geld geben, weil Verantwortlichen die Fantasie fehlte, dass ausgerechnet ein junger Regisseur aus dem Westen diesen Stoff zu einem starken Film zusammenfügen könne. Derlei Wagnisse einzugehen, dafür gibt es die junge Filmförderung der ARD. Beim ZDF existiert ein ähnliches Fördersystem, das „Kleine Fernsehspiel“.

Im Kino, wo fast alle Filme der diesjährigen ARD-Debütreihe für kurze Zeit liefen, finden kleine deutsche Filme kaum noch Zuschauer. Zu stark ist der Sog miteinander konkurrierender, filmischer Zerstreuungsangebote heutzutage, als dass sich ausreichend Kinogänger von kleinen Perlen locken ließen. Ohne das Geld vom Fernsehen wäre kaum eines der Debüts zu realisieren gewesen. Zwischen 200.000 und zwei Millionen Euro schießen die Sender zu, sagt Gross. Wobei die Etats der Filme nicht nur von deren Aufwendigkeit abhängen, sondern auch von der Frage, ob Ausrüstung und Logistik der Filmhochschulen genutzt werden können. „Wenn unsere Debütfilme gleichzeitig Abschlussfilme von Filmhochschulen sind, werden sie in der Regel günstiger“, erklärt Gross.

Dreiviertel der Filme kommen von angehenden Absolventen der deutschen Filmhochschulen, schätzen die SWR-Redakteurin sowie ihre Kolleginnen Sabine Holtgreve vom NDR und Claudia Gladziejewski vom Bayerischen Rundfunk. Etwa 25 Prozent des Förderetats entfallen auf Quereinsteiger, die einen Sender von der Förderwürdigkeit ihres Projektes auch abseits des universitären Rahmens überzeugen können. Etwa 150 Drehbücher oder Treatments, die als Film finanziert werden wollen, erhält in etwa der NDR pro Jahr, sagt Holtgreve. Zwischen vier und acht davon werden realisiert.

Ob im Sommer 2018 ein neues „Das Leben der Anderen“ dabei ist? Schwer zu sagen. Einige der Filme haben schon auf Filmfestivals fleißig Preise gesammelt: In Thomas Stubers Boxerdrama „Herbert“ spielt Hauptdarsteller Peter Kurth („Babylon Berlin“) so atemberaubend, dass er mit dem Deutschen Filmpreis 2016 als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Nun folgt das TV-Debüt. Dabei fällt dieser ungeheuer wuchtige, dunkle Film ästhetisch fast ein wenig aus der Reihe. „Das Lieblingsgenre der jungen Regisseure scheint derzeit Dramedy zu sein“, konstatiert Claudia Gladziejewski vom Bayerischen Rundfunk. „Dabei ist das eines der schwersten Genres überhaupt“.

Tatsächlich finden sich im Jahrgang 2018 viele Filme, die für ihre Geschichten eine tragikomische, leichte Erzählform wählten: „Einmal bitte alles“ (5.6., 22.45 Uhr) erzählt von der 27-jährigen Isi (Luise Heyer), die als Graphic Novel-Künstlerin ernst genommen werden will, aber in der Generation Praktikum festzukleben scheint. Ein junger, luftiger und zwischen den Zeilen doch ernster Film. Selten sah man ein so brillant gespieltes und beobachtetes Kinderwunsch-Drama wie „Dinky Sinky“. Der Film von Mareille Klein zeigt eine Mittdreißigerin (fantastisch: Katrin Röver, die Bürgermeister-Gattin aus der hochgelobten BR-Serie „Hindafing“), wie sie subtil und tragisch ihr eigenes Leben zerstört. Im leichten Tonfall, wohlgemerkt.

Auch ein „Coming of Age“-Drama wie „Morris aus Amerika“ von Chad Hartigan sieht man nicht alle Tage im TV. Angenehm klischeefrei - und witzig - erzählt es von einem 13-jährigen Afroamerikaner, der mit seinem alleinerziehenden Vater in Heidelberg gelandet ist und dort unter Anschlussproblemen leidet. Weitere Filme mit Humor: Max Zähles Nordkomödie „Schrotten!“ (12.6., 22.45 Uhr) über junge Schrottplatz-Start-Upper oder das fantasievolle Science Fiction-Märchen „Polder - Tokyo Heidi“.

Natürlich dürfen auch Dramen, die durch neue Erzählweisen oder Themen bestechen, nicht fehlen: Jonas Rothländers Eifersuchtsstudie „Fado“ (29.5., 0.45 Uhr), Felix Charins dunklen Thriller „Therapie“ (5.6., 0.35 Uhr), das vielfach preisgekrönte Migrationsdrama „Babai“ von Visar Morina (19.6., 23.30 Uhr), die unter Priestern spielende Missbrauchs-Studie „Verfehlung“ von Gerd Schneider (26.6., 23.45 Uhr), Julia C. Kaisers ungewöhnlicher Beziehungsfilm „Die Hannas“ (3.7., 23 Uhr) und Bernadette Knollers Selbstfindungs-Frauenfilm „Ferien“ (3.7., 0.50 Uhr).

In den letzten drei Jahren, so verrät eine ARD-Statistik, wurden die traditionell spät ausgestrahlten Filme von im Durchschnitt 500.000 bis 690.000 Menschen gesehen. Etwa 40.000 Zuschauer kamen durch Mediatheken-Abrufe hinzu. Auch in diesem Jahr werden alle Filme sieben Tage lang nach ihrer linearen Ausstrahlung im TV „on demand“ in der ARD-Mediathek zur Verfügung stehen. Außerdem laufen die Debüts vier Tage nach der ARD-Sendung als Wiederholungen, etwas früher am Abend, auf dem ARD-Kanal „One“.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare