Ein Stinkefinger an die Hater

Adam Lambert im Interview

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„Es ist interessant, dass es ab und an immer noch Leute gibt, die mir mitteilen müssen, dass Freddie besser war“: 2012 übernahm Adam Lambert erstmals den Part von Freddie Mercury bei Queen, was bei vielen Fans Ablehnung hervorrief.

Er wurde bekannt als Teilnehmer einer TV-Castingshow und trat später bei Queen in die übergroßen Fußstapfen von Freddie Mercury: Adam Lambert wählte nicht den leichtesten Weg nach oben.

Perfektes Timing: Queen und Adam Lambert kündigten gerade für 2020 drei Deutschland-Konzerte im Rahmen ihrer „Bohemian Rhapsody“-Tour an - genau pünktlich zur Veröffentlichung von Adam Lamberts neuer EP „Velvet: Side A“. Auf der Songsammlung, die später auch Teil von Lamberts viertem Album werden soll, schlägt der sonst so stimmgewaltige Queen-Sänger mit Falsettgesang ganz neue Töne an. Der 37-jährige US-Amerikaner, der 2009 an der Casting-Show „American Idol“ teilnahm und 2012 erstmals Freddie Mercurys Part bei Queen übernahm, scheint musikalisch wie auch privat bei sich angekommen zu sein: Seit einem Jahr ist er glücklich mit dem spanischen Model Javi Costa Polo liiert. Wie die Liebe seine neuen Songs beeinflusste, welche Identitätskrisen er zu überwinden hatte und wie ihm Roger Taylor und Brian May von Queen dabei halfen, erklärt Lambert beim Interview in Berlin.

nordbuzz: Mr. Lambert, im Freddie-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ spielen Sie einen Trucker, der mit Freddie Mercury anbandelt. Wie reagierten Sie, als Ihnen diese Rolle angeboten wurde?

Adam Lambert: Ich sagte sofort: „Klar, das wird ein Spaß!“ Ich bin im Film der erste Mann, auf den Freddie ein Auge wirft. Das ist wunderschöne, süße Ironie, nicht wahr?

nordbuzz: Den Menschen, die immer noch kritisieren, dass Queen mit einem anderen Sänger auf Tour gehen, muss das ein Dorn im Auge gewesen sein.

Lambert: Sicherlich! Aber der größere Stinkefinger an die Hater ist die gemeinsame Dokumentation, die Queen und ich herausbrachten („The Show Must Go On“, d. Red.). Es ist nun mal so: Brian May und Roger Taylor haben einige dieser Songs geschrieben. Sie haben jedes Recht, dort rauszugehen und sie zu performen. Aber: Sie brauchen einen Sänger. Also singe ich diese verdammt großartigen Songs für das Publikum. Zwischen uns dreien ist das nicht sehr kompliziert. Aber es ist interessant, dass es ab und an immer noch Leute gibt, die mir mitteilen müssen, dass Freddie besser war.

nordbuzz: Ihre Reaktion darauf?

Lambert: Freddie ist der Mann für den Job! Ich wüsste gar nicht, wie ich diese Stücke zu singen habe, wenn Freddie es mich nicht gelehrt hätte. Aber es ist kein Wettbewerb.

Musik fürs Schlafzimmer, Musik für die Küche

nordbuzz: Jetzt stapeln Sie aber tief. Bei der Vergabe des Kennedy-Preises brachten Sie mit Ihrer Stimme zuletzt sogar Cher zum Weinen.

Lambert: Ich war unglaublich nervös bei dem Auftritt! Ich war gejetlagt, und mein Adrenalin geriet außer Kontrolle. Normalerweise bin ich abgebrühter. Doch manchmal bringt so ein Adrenalin-Schub ein großes Maß an Verletzlichkeit zum Vorschein. Emotional waren meine Kanäle weit offen. Das machte den Auftritt erst so besonders.

nordbuzz: Fühlen Sie sich sicher mit Ihrer Stimme?

Lambert: An guten Tagen. Ich bin mein schlimmster Kritiker und ein Perfektionist. Bei Konzerten habe ich manchmal in der Mitte eines Songs die Eingebung: Oh, das läuft nicht gut. Dann gehe ich von der Bühne und schimpfe: „Das war schrecklich, richtig scheiße.“ Wenn ich mir ernsthaft Sorgen mache, schaue ich es mir danach auf YouTube an, um zu sehen, wie schlecht es war. Meistens denke ich dann: Es klingt doch okay.

nordbuzz: Gibt es etwas, was Sie stimmlich aus der Komfortzone bringen könnte?

Lambert: Mit meinem neuen Album habe ich mich ganz eindeutig aus der Komfortzone herausbewegt! Ich brachte mehr Soul rein, mehr Melodie und Phrasierung. Das war eine Herausforderung. Denn ich liebe Soulmusik schon lange. Ich benutze mehr Falsett als sonst, was sich gut und anders für mich anfühlt. Prince war diesbezüglich eine Inspiration. Früher dachte ich immer: Was kann ich tun, um aufzufallen? Diesmal war es mir wichtiger, den richtigen Vibe zu finden, als mit meinem Stimmvolumen anzugeben.

nordbuzz: Ihr neuer Sound klingt auf seine Art sehr sexy.

Lambert: Ich mag Musik, die eine Stimmung kreiert. Ob das nun verspielt oder tanzbar oder eben sinnlich-sexy ist. Einige der Songs entführen ins Schlafzimmer, andere auf den Dancefloor, einer ganz eindeutig in die Küche. Mir gefällt die Idee, dass Musik das Gefühl des Moments verändern kann. Sie ist dann wie Medizin.

nordbuzz: Wenn Sie die besonderen Highlights Ihrer Karriere benennen müssten: Wären das eher Queen-bezogene Momente oder Solo-Aktivitäten?

Lambert: Sowohl als auch. Ein Höhepunkt mit Queen war definitiv, die diesjährige Oscar-Verleihung eröffnet zu haben. Das war verrückt. Dass mein zweites Solo-Album („Trespassing“, 2012, d. Red.) in den USA auf Platz eins ging und ich damit zum ersten offen schwulen Künstler in Amerika wurde, dem das gelang, war ein Meilenstein! Und eine Grammy-Nominierung brachte mir die Platte auch noch ein.

„Es fühlt sich an, als würde dich jemand von der Klippe schubsen“

nordbuzz: Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich als Künstler noch etwas erkämpfen müssen?

Lambert: Am Anfang war es das Stigma, ein Teilnehmer in einer Castingshow gewesen zu sein, gegen das ich ankämpfen musste. Aber heutzutage spielt das keine Rolle mehr. Ich vertraue meiner Arbeit, meiner Musik und meiner Kreativität mehr als jemals zuvor. In die neuen Songs habe ich viel Zeit investiert und sie zusammen mit großartigen Songwritern geschrieben. Aber es ist sehr einfach, von der Musikbranche verschlungen zu werden. Das erfuhr ich am eigenen Leib.

nordbuzz: In einem Instagram-Post bezeichneten Sie diese Phase vor einigen Jahren als eine Identitätskrise.

Lambert: Ja, so war's. Ich jagte nur noch dem Hit hinterher. Ich versuchte, die Musik für andere Leute zu machen, anstatt für mich selbst. Darüber hinaus steckte ich so viel Energie in meine Karriere, dass ich mein Privatleben total vernachlässigte. Als ich das realisierte, hielt ich inne, sprach mit Freunden. Ich musste mich daran erinnern, warum ich das hier tue und was ich daran liebe. Als ich dazu wieder eine Verbindung aufnahm, klärte sich alles auf.

nordbuzz: Brian May und Roger Taylor sollen Ihnen aus der Krise geholfen haben.

Lambert: Einfach nur, indem sie ein gutes Beispiel abgaben! Sie ereifern sich nicht an kleinen Dingen. Sie haben Erfahrung und so viel durchgemacht. Ihre Betrachtungen und Geschichten zu hören, half mir. Von ihnen beiden umgeben zu sein, ist wunderbar lehrreich. Sie sind wahrhaftige Rockstars.

nordbuzz: Sind Sie heute an einem guten Platz im Leben?

Lambert: Oh ja. Ich habe jemanden getroffen, der meine Sicht auf viele Dinge veränderte. Ich hatte nicht aktiv nach ihm gesucht, es war Zufall, und es hat Klick gemacht. Das hat alles in mir wiederbelebt. Eine neue Romanze ist so inspirierend. Der Song „New Eyes“ ist diesbezüglich als Statement zu verstehen. Ich weiß jetzt erst, wie schön es ist, einen Song mit einem Gefühl zu singen, dass du gerade wirklich empfindest.

nordbuzz: Haben Sie die George-Michael-Dokumentation „Freedom“ gesehen? Darin spricht er darüber, wie schön es ist, diese eine bestimmte Person im Publikum zu haben, für die man jeden Abend singt.

Lambert: Ja, das ist interessant: Wenn du ein Performer bist und du auf die Bühne gehst, bekommst du all die Energie vom Publikum. Dann ist die Show vorbei, du bist zurück in deinem Hotelzimmer, im Bus, Flugzeug oder wo auch immer, und es fühlt sich an, als würde dich jemand von der Klippe schubsen. Es ist ein krasser Adrenalin-Abfall und nicht die einfachste Sache, damit umzugehen oder sich daran zu gewöhnen. Aber nun ist jemand bei mir, und wir bewundern uns gegenseitig. Das ist es, was Liebe macht.

„Ich gebe mit meiner Kleidung auf alle Fälle ein Statement ab“

nordbuzz: Als Sie vor zehn Jahren als Zweitplatzierter bei „American Idol“ den Durchbruch schafften, wurden Sie aufgrund der ähnlichen Frisur oft mit Bill Kaulitz verglichen.

Lambert: Ich lernte ihn Anfang des Jahres endlich persönlich kennen! Ich traf ihn auf der Oscar-Party von Madonna. Ich war mit meinem Freund dort, und wir kamen ins Gespräch. Er ist wirklich liebenswert. Ich gestand ihm, dass ich immer neidisch auf seine Klamotten bin, und schlug vor, dass wir irgendwann mal zusammen shoppen gehen. Ich hoffe, dass das passiert. Bill hat einen großartigen Style.

nordbuzz: Wie reagieren denn Brian May und Roger Taylor, wenn Sie abends in Ihrer extravaganten Garderobe zum gemeinsamen Warmsingen kommen?

Lambert: Ich trage jeden Abend dasselbe. Es ändert sich nur von Tour zu Tour. Aber klar, ich gebe mit meiner Kleidung auf alle Fälle ein Statement ab. Es hat sie definitiv gegeben: die Momente, in denen Roger und Brian die Kinnlade herunterfiel, wenn ich in vollem Make-up vor ihnen stand. Aber wenn man zurückblickt auf die Klamotten, die Freddie trug, waren die auch sehr abgedreht. Für mich ist diese Erscheinung Teil von Queen.

nordbuzz: Inwiefern?

Lambert: Ich liebte Freddies Outfits. Da war auch immer ein Element von Comedy enthalten. Er hat sich nicht zu ernst genommen; er wusste, dass funkelnde Catsuits auch immer etwas Lächerliches haben. Aber darum ging's eben. Das war das Spiel, das er kreierte. Etwas launisch und übertrieben musste es sein. Das machte Freddie und Queen so besonders.

nordbuzz: In der Queen- und Adam-Lambert-Dokumentation „The Show Must Go On“ sagten Sie, dass einige der Queen-Songs heutzutage eine neue Bedeutung für Sie hätten. Welche sind das?

Lambert: Wenn man eine gute Performance hinlegen will, muss man seinen eigenen Bezug zu einem Song finden. Bei „Somebody To Love“ fällt es mir leicht: Ich hatte definitiv Momente in meinem Leben, in denen ich mich einsam fühlte und dachte: Ich will nur diese eine Person finden. Wenn ich „Who Wants To Live Forever“ singe, denke ich an Freddie und dass er zu früh von uns genommen wurde. „Show Must Go On“ verbinde ich mit Momenten in meinem Leben, als ich klein gehalten wurde oder mir vermittelt wurde, ich sei nicht gut genug. Das Gefühl, da einfach durch zu müssen, kenne ich gut. Es braucht Ausdauer und Antrieb. Das ist so brillant an den Queen-Songs: Sie beschreiben einen menschlichen Zustand und sind dabei universell. Für mich ist das der eigentliche Grund, warum diese Songs so erfolgreich wurden.

nordbuzz: Ihr Vater, der Sie in jungen Jahren an die Musik von Queen heranführte, muss ziemlich stolz auf Sie sein.

Lambert: Unglaublich stolz ist er, und er zeigt das auch allen seinen Freunden. Er war auch schon bei einigen Queen-Aftershowpartys dabei.

nordbuzz: Werden Sie Queen zugunsten Ihrer Solokarriere irgendwann vielleicht hinter sich lassen?

Lambert: Nein, ich kann beides machen. Das mache ich ja schon seit sechs Jahren. Ich liebe diese zwei Welten, in denen ich unterwegs bin. Es besteht also keine Gefahr für Queen. Und Brian und Roger kennen mich nun gut genug, um wissen, dass mir das Schreiben und Kreieren meiner eigenen Songs auch wichtig ist. Sie unterstützen mich auf jede erdenkliche Weise.

teleschau

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