Die Gefühlsradikale

ARD-Kunstthriller „Am Abend aller Tage“ mit Victoria Sordo

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Eine Erzählung von Kunst, Erotik und radikalem Leben: Schauspielerin Victoria Sordo spielt im Dominik Graf-Thriller „Am Abend aller Tage“ ihre erste große TV-Rolle.

Die 31-jährige Victoria Sordo brilliert im erotischen Kunstthriller „Am Abend aller Tage“ von Ausnahme-Regisseur Dominik Graf.

Victoria Sordo ist halb Deutsche, halb Mexikanerin. Sie trägt den Nachnamen ihrer Mutter und spielt, als bislang völlig unbekannte Schauspielerin, die Hauptrolle einer vielschichtigen Malerin im bärenstarken Dominik Graf-Kunstthriller „Am Abend aller Tage“ (Mittwoch, 31. Mai, 20.15 Uhr, ARD). Ein großes Glück für die 31-Jährige, aber auch für den Zuschauer.

Mit Klischees und Images ist es ja so eine Sache. Victoria Sordo könnte man, nicht nur wegen ihres Namens, jenes der Latina vom Dienst verpassen: Lange dunkle Haare, Kurven, emotionales Spiel. Dennoch hat die gebürtige Berlinerin, die in Karlsruhe aufwuchs, noch nie eine Latina gespielt. Stattdessen die ein oder andere - natürlich mit Akzent sprechende - Osteuropäerin und ein paarmal eine Bayerin. „Das kam wegen Dominik Grafs letztem 'Tatort: Aus der Tiefe der Zeit'. Da spielte ich ja diese Münchnerin und die musste auch zwangsläufig von dort kommen. Für diese Rolle trainierte ich vier oder fünf Wochen Bairisch“, erläutert sie in überzeugendem süddeutschem Idiom.

Keine große Sache, aber irgendwie eine typische Aussage für die Tochter aus einem eher kunstfernen Haushalt. Die Eltern, ein Berater und eine Chemikerin, waren eher Zuschauer beim Berufsweg ihrer ältesten Tochter, die seit dem Kindergarten nur das Ziel hatte, Schauspielerin zu werden.

„Ich wollte immer spielen“, erinnert sie sich, „und ich habe früh viele Filme geschaut. Kein bestimmtes Genre, aber es waren eine Menge amerikanische Klassiker dabei. So was wie 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?' mit Richard Burton und Elisabeth Taylor. Da war ich vielleicht elf, zwölf Jahre alt.“ Eine Nachbarin, erinnert sich Sordo, versorgte sie mit Filmen und kunstsinnigen Tipps. Direkt nach dem Abi zog es die abenteuerlustige Badenerin, die heute wieder in Berlin lebt, für drei Monate nach Kalifornien. Dort belegte sie Kurse in „camera acting“. Nach Ablauf des Visums musste Sordo zurück nach Deutschland, wiederholte derlei Trips aber immer wieder mal. Hinzu kamen Ausbildungen in Madrid, Köln und Workshops mit verschiedenen Schauspieltrainern überall auf der Welt.

An eine klassische Schauspielschule dachte die Spielbegabte nie. „Um vor der Kamera zu arbeiten, machte es Sinn, dass ich mir verschiedene Methoden anschaue und herausfinde, was für mich funktioniert. Ich fand es effektiver, dass ich mich selbst weiterbilde. Klar ist das in Deutschland nicht so üblich. Da will man an eine große Schule. Ich habe einen anderen Weg gewählt.“

Im deutschen Fernsehen gilt es als Rarität, wenn eine völlig unbekannte Akteurin wie Sordo die Hauptrolle in einem Film zur besten Sendezeit spielt. Weniger als fünf Prozent der deutschen Schauspieler teilen sich mehr als 90 Prozent der größeren TV-Rollen. Da fällt es schon auf, wenn mal ein anderes, dazu sehr talentiertes Gesicht auftaucht.

Sordos Weg in die Primetime ist auch einer besonderen Beziehung zu Regisseur Dominik Graf zu verdanken. Seit dessen Münchener „Polizeiruf 110: Cassandras Warnung“, 2010 der erste Fall des von Matthias Brandt gespielten Kommissars Hanns von Meuffels, setzte Regie-Expressionist Graf Victoria Sordo in immer größer werdenden Rollen ein. Im vielfach preisgekrönten Thriller „Das unsichtbare Mädchen“ (2011) legte sie einen schwer zu vergessenden Auftritt als von Ronald Zehrfeld verhörte, melancholisch-stolze Osteuropäerin hin.

Warum Dominik Graf für „Am Abend aller Tage“, das nach Henry James' Novelle „The Aspern Papers“ entstand, nun erstmals auf Sordo als Hauptdarstellerin setzte? Es ist eine Frage, die für die Schauspielerin selbst schwer zu beantworten ist. Es ist in etwa so, als würde man von einer glücklich verheirateten Frau wissen wollen, warum ihr Partner sie so sehr liebt. Die Antwort, Schauspieler geben sie nicht gern, changiert meist zwischen Unsicherheit, Notlüge und Trivialem. „Ich glaube“ windet sich Victoria Sordo ein wenig, „er mag es, wenn man emotional spielt. In dem Sinne, dass man mit einer gewissen Kraft und Intensität an die Dinge herangeht.“

Wie zum Beispiel beim Dreh von „Am Abend alle Tage“, das ein bisschen an den spektakulären Massenfund verschollener Kunst beim Sammler Cornelius Gurlitt 2013 erinnert. Im ARD-Film wird ein halbseidener junger Held (Friedrich Mücke, „Weinberg“) von einer greisen Schar jüdischer Geschäftsleute beauftragt, ein verschollenes Bild des expressionistischen Malers Ludwig Glaeden aufzuspüren. Er soll es - für ein hohes Honorar - ankaufen. Es gehe um „Wiedergutmachung“. Angeblich befände sich das Werk im Besitz eines alten Münchener Sammlers, der allerdings zurückgezogener als ein Phantom lebt. Der einzige Weg zu ihm könnte über dessen Großnichte verlaufen, einer erfolglosen jungen Malerin namens Alma Kufferer.

Die Emotionalität und Vielschichtigkeit jener Frauenfigur mag Graf dazu bewogen haben, die gleichermaßen tough und verletzlich wirkende Sordo mit dem Job der durchlässigen Geheimnisträgerin zu betrauen. „Alma ist eine scheue, misstrauische Person, die isoliert lebt“, charakterisiert die Newcomerin ihre Rolle. „Sie hat nur diesen Onkel, und sie ist auch nicht gesund. Andererseits lebt Alma in der Kunst eine große Freiheit aus. Voller Hingabe, ohne Kompromisse. Ihre Kunst lässt sich nicht konservieren und damit nicht vermarkten. Dann trifft sie diesen Mann, der komplett anders ist. Er kommt aus der Finanzwelt, er will seinen Job erledigen und gut bezahlt werden. Beide sind auf ihre Art einsam. Er löst bei ihr einen Lebenshunger aus sowie sie bei ihm. Zwei Menschen treffen aufeinander, die unter normalen Umständen nie zueinander gefunden hätten, sich aber auf eine gewisse Art gegenseitig retten.“

„Am Abend aller Tage“ ist ein wunderbar vager, aber wohl gerade deshalb intensiver Film voller Zwischentöne. Es geht um Schein und Sein in der Kunstwelt, aber auch in Liebesbeziehungen. Dass nichts festzuhalten ist, dass sich materielle Werte, Überzeugungen und Liebe binnen kurzer Zeit verschieben können, auch mit dieser Idee schockiert das von Markus Busch („Goster“) verfasste Drehbuch.

Als Vorbild für die nicht konservierbare Kunst herstellende Malerin Alma, die auch deshalb erfolglos bleibt, diente Victoria Sordo Ana Mendieta, eine kubanische Künstlerin, die im US-Exil lebte. Mendieta bestrich sich ähnlich wie Sordo im Film den nackten Körper mit Erdpasten und wurde so zum Teil der Natur. Auf dem berühmten Bild „Flowers“, die Fotografie einer kurzlebigen Installation, sieht es so aus, als wüchsen Blumen aus dem Körper einer Frau, die zwischen Felsen liegt. Mendieta starb 1985 durch den Sturz aus ihrem New Yorker Hochhaus-Apartment. Ihr Mann, der amerikanische Minimal-Künstler Carl Andre, war mordverdächtig, wurde aber freigesprochen. Eine Geschichte, die ebenfalls einem Film entspringen könnte.

Wie Mendieta malt auch Sordo im Film als Alma mit Händen statt Pinseln, sie arbeitet mit verderblichen Pasten aus Getier und sie nutzt körperliche Entfremdungsrituale, um in der Kunst Leidenschaft und Ausdruck zu finden. Victoria Sordo entdeckte Ana Mendieta durch eigene Recherchen als Rollen-Vorbild. Mit Szenenbildner Claus-Jürgen Pfeiffer und Dominik Graf erarbeitete man optisch starke und faszinierend verstörende Szenen zwischen Liebesspiel und Kunst-Performance, die man nicht alle Tage in der Primetime antrifft.

Bleibt zu hoffen, dass man Victoria Sordo dort bald häufiger antrifft. Verdient hätte es die 31-Jährige. In „Am Abend aller Tage“ schafft sie das Kunststück, ebenso mysteriös wie gefühlsradikal in Erinnerung zu bleiben. Solche besonderen Menschen kennt man mitunter aus dem Leben. Im Film findet sich derlei verstörende Vielschichtigkeit allerdings selten. Das ist der Unterschied zwischen ausgedacht und lebensecht.

tsch

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