Die Entmenschlichung der Musik

3-D Der Katalog

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„3-D Der Katalog“ versammelt acht Stücke aus der vergangenen Kraftwerk-Tour.

Wenn Kraftwerk ein Konzert geben, tritt der Mensch in den Hintergrund. Die Maschinen übernehmen.

Mal ehrlich: Jeder, der schon einmal auf einem Kraftwerk-Konzert war, hat sich die Frage gestellt, was die Herren da oben auf der Bühne eigentlich machen. Da stehen die drei „Audio Operator“ Ralf Hütter, Fritz Hilpert und Henning Schmitz sowie „Video Operator“ Falk Grieffenhagen vor ihren Laptops, drücken fleißig irgendwelche Knöpfe, und dann entsteht er, dieser typische Kraftwerk-Sound. Vielleicht aber, auch bei diesem Gedanken ertappt man sich als Konzertgänger, tun die vier Herren auch nur so geschäftig und schauen in Wahrheit heimlich Videos, von der letzten Tour de France vielleicht. Insofern scheint ein Mitschnitt eines Kraftwerk-Konzerts geradezu absurd. Dennoch haben die deutschen Elektro-Pioniere es nun erneut getan: Zwölf Jahre nach „Minimum Maximum“ erscheint mit „3-D Der Katalog“ auf DVD und BD.

Da Kraftwerk schon immer Meister waren im Aufarbeiten des eigenen Schaffens, erscheint „Kraftwerk: 3-D“ aber nicht nur als DVD/BD-Set, sondern auch als 8-CD-Box, auf Vinyl und schließlich gar als opulent ausgestattete Blu-ray-Box samt Begleitbuch. Der 236 starke Wälzer erinnert nicht zufällig an einen Museumskatalog. Schließlich gaben Kraftwerk ihre 3-D-Konzerte - gespielt wurde jeweils eines der acht Studioalben am Stück - vor allem in den Kunsthallen dieser Welt: im New Yorker MoMa, in der Londoner Tate Modern, in der Neuen Nationalgalerie Berlin und an anderen Stätten der Hochkultur.

Das DVD/BD-Set fasst die Höhepunkte der Shows kompakt zusammen. Acht Stücke, knapp 80 Minuten Laufzeit. Von „Autobahn“ bis „Tour de France“ ist alles dabei. Bei „Die Roboter“ ist er dann wieder da, jener unverschämte Verdacht, dass da Computer am Werk sind, keine Menschen. Die Herren Kraftwerker verlassen hier die Bühne für rund acht Minuten, die Arbeit, so scheint es, übernehmen tatsächlich Roboter. In langsamen, anmutigen Bewegungen stehen die Maschinenmenschen vor den Computerpulten, die der klobigen Hardware aus den Anfangsjahren der Band gewichen sind. Tatsächlich ist es die auf die Spitze getriebene Idee der Entpersonalisierung, die Kraftwerk hier betreiben. Die Musiker treten völlig zurück, was bleibt, sind Töne und Bilder, beide von betörender Künstlichkeit.

„3-D Der Katalog“ ist von einem herkömmlichen Konzertfilm denkbar weit entfernt. Das Publikum wird, wenn überhaupt, nur von hinten und im Halbdunklen gezeigt. Der Applaus zwischen den Stücken wurde komplett herausgeschnitten. Vor allem aber verschwinden die Düsseldorfer Musiker meist gänzlich hinter den Animationen, die fürs Konzertpublikum in 3D-Technik hinter die Band projiziert wurden und die sich im Mitschnitt immer wieder in den Vordergrund drängen und bisweilen alles überdecken. Dafür lullen in grandiosem Dolby Atmos abgemischte Klänge den Zuseher ein. Überall zirpt und fiept es, der Bass wummert sich seinen Weg in die Magengrube - so gut klangen Kraftwerk noch nie. Wer diese noch immer wahnsinnig aktuell klingende Musik zu verantworten hat, Mensch oder Maschine, ist da fast schon zweitrangig.

tsch

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