Wichtiger denn je

25 Jahre ARTE: Kultursender feiert am 30. Mai Geburtstag

+
In der ARTE-Zentrale in Straßburg wird das Programm des Senders koordiniert.

Vor 25 Jahren ging der deutsch-französische Kultursender ARTE erstmals auf Sendung. In Zeiten wie diesen ist der Kanal für die Fernsehlandschaft wichtiger denn je.

Vielleicht steckt der ironische Weltgeist dahinter: Zu einer Zeit, da der progressive europäische Gedanke fragil wie selten scheint, da so mancher im nationalistischen Sumpf versinkt und den Kontinent bestenfalls als Anti-Flüchtlings-Festung betrachtet, begeht am 30. Mai ein Projekt seinen 25. Geburtstag, das sich einem solidarischen, kosmopolitischen, verantwortungsvollen Europa verschrieb wie kein zweites: Wenn der deutsch-französische TV-Sender ARTE dieser Tage den Beginn seines Sendebetriebs vor einem Vierteljahrhundert feiert, ist das kein gewöhnliches Jubiläum. Sondern - trotz mäßiger Marktanteile und bildungsbürgerlicher Distinktion - ein Symbol: für das Überleben eines Mediums, dessen Existenz angesichts quotengetriebener Privatfernsehindustrie und öffentlich-rechtlicher Programmglattbügelei eigentlich ziemlich unwahrscheinlich ist. Dass ARTE noch immer vermittelt, Kritik übt und Wagnisse eingeht, darf und sollte man daher ausgiebig feiern.

Im Nachhinein mutet die Geschichte wundervoll symbolisch an: Am 30. Mai 1992, einem heiteren Frühlingstag, stirbt mit dem Ex-Bundespräsidenten Karl Karstens einer der vom Nazifilz durchsetzten Repräsentanten der alten BRD. Am selben Tag beschließt die UN aufgrund des Balkankriegs ein Embargo gegen Jugoslawien, das den kaputten Staat von der Fußball-EM ausschließt (und den späteren Europameister Dänemark aufrücken lässt); eineinhalb Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung geht der Ostblock endgültig zugrunde. Alte Ordnungen zerfallen, ein chaotisches Jahrzehnt beginnt, das zugleich zum europäischsten werden sollte. Welch Zeichen, dass genau an jenem 30. Mai vor 25 Jahren ein Fernsehkanal auf Sendung geht, wie er europäischer nicht sein könnte. An diesem Abend läuft auf ARTE Wim Wenders' „Himmel über Berlin“.

In einem Staatsvertrag zwischen den damaligen Regierungschefs Helmut Kohl und François Mitterand als gemeinsames Fernsehprojekt beschlossen, ist ARTE seitdem aus den Beziehungen der einstigen Feinde nicht wegzudenken. Vermittlung, Verständigung, Austausch - dafür steht der Sender mit Sitz in Straßburg noch immer. Einigen gefiel das anfangs nicht: In Frankreich beäugte man das gemeinsame Tête-à-Tête mit dem einstigen Erbfeind ebenso skeptisch wie das größere, wiedervereinigte Deutschland. Dort wiederum stieß das als politisch forciert wahrgenommene Projekt bei den Etablierten auf Misstrauen: ARTE bediente sich schließlich wie die Öffentlich-Rechtlichen aus dem Topf der Gebührenzahler.

Aller Skepsis zum Trotz: ARTE war gekommen, um zu bleiben

Aller Skepsis zum Trotz: ARTE war gekommen, um zu bleiben. Und sendete in den vergangenen Jahrzehnten ein Programm, wie man es in der hiesigen TV-Landschaft noch immer mit der Lupe suchen muss. Ob Autoren-, Experimental- oder Kurzfilme - der Sender zeigte nicht nur gewagte Werke, sondern fungierte auch als erfolgreicher Koproduzent so manches modernen Klassikers: Von „Goodbye Lenin“ bis „Oh, Boy“ zeigt ARTE diese Highlights im Jubiläumsmonat zwischen 20. Mai und 19. Juni noch einmal Online. Rekapituliert werden auch Arthaus-Perlen wie das Animations-Kriegsdrama „Waltz with Bashir“ - nur eine von zahllosen TV-Erstausstrahlungen, an die ARTE sich im Gegensatz zu anderen Sendern traute.

Überhaupt, sich etwas trauen: Dafür stand ARTE, seit es 1993 Derek Jarmans ungewöhnliches Experiment „Blau“ zeigte, das ebenfalls in der Jubiläumsrückschau zu sehen ist. Jener Sinn für Wagnis, Abseitiges und neue Blickwinkel brachte dem Sender schnell den Ruf des avantgardistischen Kulturkanals ein. TV-Unterhaltung, so das Klischee, war hier ausschließlich mit ästhetischem Anspruch und intellektuellem Gestus zu haben. ARTE - der Heimatsender eines etwas überheblichen Bildungsbürgermilieus: Genau jenes Bild war es wohl, das Helmut Kohl zum oft kolportierten Witz gegenüber Mitterand bewog: „François, wenn Sie nicht aufhören, mich zu ärgern, dann zwinge ich Sie, ein Wochenende lang ARTE zu schauen.“

Aufklärung statt Quoten

Ganz von der Hand zu weisen sind die Vorurteile nicht: Bereits vor dem Durchbruch der Streamingdienste und Mediatheken, von denen Arte mit dem Portal +7 eine der ersten und ergiebigsten besitzt, galt der Satz „Wir schauen ja nur ARTE“ als eine Art Vorform von „Wir haben ja gar keinen Fernseher mehr“. Dass der bilaterale Sender tatsächlich eine ansonsten fernsehskeptische Zielgruppe anspricht, davon zeugen auch die Statistiken: Zwar landet der Kanal regelmäßig auf dem ersten Platz von Beliebtheitsumfragen - doch pendelte sich der Marktanteil hierzulande nur um durchschnittliche ein Prozent ein. Einkriegen ließ sich ARTE davon ebenso wenig wie vom zeitweiligen Teilzeitbetrieb mit dem Kinderkanal: Erst seit 2006 gibt es das Programm in Vollzeit.

Mehr als um gierig beäugte Prozentzahlen oder den glattegebügelten Programmpluralismus von ARD und ZDF geht es dem Quotensieger der Herzen ohnehin um Aufklärung - in kultureller, sozialer, ökonomischer, historischer und politischer Hinsicht. Ein Anspruch, der qualitativ wirkt: ARTE schuf Formate, die zum Besten gehören, was das europäische Fernsehen je hervorbrachte. Sei es die legendäre Geschichtsreihe „Die Woche vor 50 Jahren“, deren Highlights zum Jubiläum ebenso gezeigt werden wie jene der Koch-Reiseshow „Zu Tisch“. Sei es der charmante deutsch-französische Kulturvergleich „Karambolage“, oder „Yourope“, das Europa-Magazin für die digitale Generation. Seien es wundervolle Kleinode wie das klassische Wissensmagazin „Xenius“, die Geopolitiksendung „Mit offenen Karten“ oder das nischenaffine Musikmagazin „Tracks“.

Kritisches und moralisches Korrektiv einer politisch oft affirmativen Fernsehkultur

ARTE blickt auf die Welt mit anderen Augen als jenen des Mainstreams: Emanzipationskämpfe, Subkultur, Ökologie, Feminismus und Kapitalismuskritik etwa sind hier keine Randerscheinungen, sondern gewichtiger Teil einer (in vielen Ländern der Welt unterdrückten) öffentlichen Debatte. Man mag daran durchaus manches kritikwürdig finden - beispielsweise den manchmal arg moralisierenden Blick des westlichen Wohlstandslinken, oder fragwürdige Entscheidungen wie kürzlich jene, eine Doku über „Antisemitismus in Europa“ nicht auszustrahlen, um nicht noch „Öl ins Feuer“ zu schütten.

Dennoch: Es braucht ARTE heute, angesichts nationalstaatlicher Abgrenzung und gesellschaftlicher Regression, mehr denn je. Als kritisches und moralisches Korrektiv einer politisch oft affirmativen Fernsehkultur. Als Medium der Aufklärung und Solidarität. Als Sender, der sendet, wie es anderen auf der Welt geht - und wie es anders gehen könnte. Aber auch als ästhetisch-geschmackliches Korrektiv einer von Naivität, Kommerz und Dummheit geprägten Werbe-Tratsch-Fremdscham-Hölle. Als Versuch, der kulturindustriellen Normalität mit Qualität, Anspruch und Bildung zu begegnen. Allesamt Eigenschaften, die heute, wie es scheint, immer weniger gefragt sind. Man kann in diesen Zeiten nur hoffen, dass ARTE in weiteren 25 Jahren ein halbes Jahrhundert begehen darf.

tsch

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare