Kinder in Sammelzelle

14-Jähriger berichtet: So brutal lief die Aktion der Hamburger Polizei am Hauptbahnhof

Bei der riesigen Anti-Rassismus-Demo im Juni wurden am Hamburger Bahnhof auch Kinder festgesetzt. Jetzt erzählt ein 14-jähriger Schüler, wie die Aktion der Hamburger Polizei wirklich abgelaufen ist.

  • 14.000 Menschen protestieren in Hamburg* gegen Rassismus und Polizeigewalt.
  • Situation eskaliert, die Polizei Hamburg* nimmt 36 Menschen in Gewahrsam.
  • Darunter zwanzig Minderjährige – einer äußert sich zur ruppigen Aktion der Polizei.

Hamburg – Die gesellschaftlichen und politischen Wellen nach dem brutalen Tod von George Floyd* ebben nicht ab. Darüber berichtet der Münchener Merkur. Auch in Hamburg wird protestiert, Menschen gehen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße. Am 6. Juni waren die bisher größten „Black Lives Matter“-Proteste in Hamburg, rund 14.000 Menschen demonstrierten in der Stadt. Dabei kam es zu Handgemengen, Flaschenwürfen und Polizeigewalt. Gegen Abend nahm die Polizei einige Menschen am Hauptbahnhof in Gewahrsam, darunter viele Minderjährige. Einer davon packt nun aus.

Polizeipräsidium HamburgLandespolizei in Hamburg
AdresseBruno-Georges-Platz 1, 22297 Hamburg
Telefon040 428650

Hamburger Polizei nimmt Minderjährige bei Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt fest

Die ganze Nation demonstrierte am Wochenende des 6. und 7. Juni gegen Rassismus und Polizeigewalt*. Darüber berichtete die Frankfurter Rundschau. In Deutschland gingen rund 180.000 Menschen auf die Straße. Allein in Hamburg waren es schon ungefähr 14.000, die mit bunten Schildern auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen wollten. Das waren deutlich mehr Menschen, als ursprünglich angekündigt und erlaubt wurden. Wegen der Coronavirus-Maßnahmen* müssen politische Demonstrationen in ihrer Teilnehmerzahl begrenzt werden.

Die Polizei Hamburg setzte zu Beginn keine Räumung durch, weil dies nicht verhältnismäßig gewesen sei. Als es dann am späten Nachmittag doch zu vereinzelten Angriffen auf die Einsatzkräfte, teilweise mit Flaschen und Pyrotechnik kam, griff sie dennoch ein. Es kam zum Einsatz polizeilicher Gewalt mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken.

Einsatzkräfte der Polizei sprühen Reizmittel in der Hamburger Innenstadt.

Am Hamburger Hauptbahnhof* wurden am Abend schließlich 36 Menschen festgesetzt. Darunter viele Jugendliche und solche, die völlig unbeteiligt waren. Ein 14-jähriger Schüler erzählt nun, wie die Maßnahme der Hamburger Polizei ablief.

14-jähriger Schüler von Polizei Hamburg in Zelle gesperrt

In einem Interview mit der taz spricht Ilyas Türkoglu (Name geändert) über die chaotische Situation in der Hamburger Innenstadt. Deutlich bevor es mit den Krawallen losging, sei er mit einigen Freunden am Rathausmarkt angekommen. Da, wo die großen Proteste waren. Die Hamburger Polizei begannt dort schon, die Menge zurückzudrängen. Ilyas musste in die Mönckebergstraße fliehen.

Dort wurde er dann von einem Polizisten attackiert, der sich auf ihn schmiss. Ilyas sah ein, dass die Situation zu gefährlich ist und wollte vom Hamburger Hauptbahnhof aus nach Hause fahren. Auf dem Steintordamm hatte die Polizei dann plötzlich alles abgeriegelt. Ilyas ahnte noch nicht, dass er nun in Gewahrsam genommen werden sollt und will weiter zur Bahn gehen.

Ein paar haben noch versucht, durchzurennen, ich auch, aber als ich im Sprung war, hat mich ein Polizist aus der Luft gepackt und auf den Boden geworfen.

Ilyas Türkoglu (Name geändert)

Plötzlich fährt die Polizei auch auf der anderen Seite mit Mannschaftswagen vor, riegelt die ganze Steintorbrücke ab. Ilyas und seine Freunde werden eingekesselt. Er versucht durch die Ketten der Polizei zu springen. Doch das klappt nicht, ein Polizist schnappt ihn und stellt ihn zu den anderen an die Wand.

Drogen oder Waffen – Polizei Hamburg durchsucht zwnazig Minderjährige

Die von der Polizei festgesetzten Personen werden nun durchsucht. Es wird geschaut, ob Waffen oder Drogen dabei sind. Dann wurde erstmal gewartet, selbst die Polizei Hamburg wusste offenbar nicht genau, was nun geschehen soll. Nach mehr als anderthalb Stunden ging es endlich weiter. Ilyas und die anderen wurden in Busse gesetzt und nach Billsted ins Polizeikommissariat gebracht.

Anrufe wurden nicht erlaubt. Ilyas konnte immerhin seine Eltern anrufen, weil er sagte, dass diese ihn längst erwarten würden. Die meisten anderen Anwesenden schätzte Ilyas im Alter zwischen 14 und 16 Jahren ein. Er kam schließlich in eine Sammelzelle, ein Freund von ihm wurde alleine eingesperrt. Später ließ die Polizei ihn frei. Was man ihm vorwirft, wurde ihm bis heute nicht offiziell mitgeteilt.

Zu seinen Eltern sagte die Polizei nur, dass er sich möglicherweise einer „linksextremen Gruppierung angeschlossen“ hätte. Ilyas bestreitet das, er habe auf der Demonstration nichts Verbotenes getan. Zudem fand er die Behandlung durch die Polizei nicht gut und beschwert sich über deren ekelhaftes Verhalten im Polizeikommissariat.

Fotos in Unterwäsche – so erging es zwei Frauen bei der Hamburger Polizei

Zwei junge Frauen (beide zwanzig Jahre alt) wurden ebenfalls am Steintordamm verhaftet und äußerten sich zu den Umständen und der Behandlung durch die Hamburger Polizei. Im Interview mit der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit erzählen Leah und Andrea (Namen geändert) ebenfalls von einer ziemlich ruppigen Gangart der Ordnungshüter. Auch sie wurden von der Situation auf der Steintorbrücke überrascht, wollte eigentlich nur etwas zu essen kaufen, nachdem sie eine Kundgebung am Rathausplatz gegen 18 Uhr verlassen hatten.

Doch sie geraten, so wie Ilyas, mitten in die Aktion der Hamburger Polizei. Werden an die Wand gedrückt, durchsucht, fotografiert und stehen gelassen, bis es irgendwann nach Billstedt geht. Dort muss sich Leah bis auf die Unterwäsche ausziehen und wird nochmal fotografiert. Eine Maßnahme, die dem minderjährigen Ilyas offenbar erspart blieb. Die beiden Frauen werden erst gegen zwei Uhr nachts freigelassen und müssen alleine nach Hause fahren.

Das sagt die Hamburger Polizei zu der Festnahme-Aktion am Hauptbahnhof

Der Hamburger Polizeipräsident Ralf Meyer äußerte sich am Montag nach den Festnahmen zu den Vorwürfen. Beim Hamburg Journal des Norddeutschen Rundfunks (NDR)* nannte er die angewandten Ma��nahmen „behutsam und sehr verhältnismäßig“ und erwähnt, dass insgesamt nur ein Minderjähriger festgenommen wurde. Damit meint er offenbar einen 13-jährigen Jungen, denn insgesamt gibt die Polizei Hamburg die Zahl aller minderjährigen mit 20 an.

Zudem habe man alle Erziehungsberechtigten der Jugendlichen Informiert. Festgenommen wurden sie wegen angeblichem Landfriedensbuch, Körperverletzung und anderen Delikten. Der Hamburger Polizeipräsident Meyer vermutet, dass die Jugendlichen durch linksextreme Gruppen instrumentalisiert wurden. Die Linksextremen würden so „das bürgerliche Thema Anti-Rassismus für sich“ gewinnen wollen. Das widerspricht der Tatsache, dass linke und linksextreme Gruppen das Thema Anti-Rassismus seit vielen Jahren sehr prominent behandeln.

Anti-Rassismus Demos in Hamburg: Protest wird deutlich kleiner

Auch am folgenden Wochenende des 13./14. Juni demonstrierten die Hamburger. Am Samstag wurde die Veranstaltung „Zusammen gegen Polizeigewalt und Rassismus“ für 1.500 Menschen angemeldet. Es kamen gerade einmal 300. Der Hamburger Polizeipräsident Ralf Meyer vermutet im Gespräch mit NDR 90,3 das schlechte Wetter als Grund für die geringe Teilnehmerzahl.

Teilnehmer des Bündnisses „Unteilbar“ haben eine Menschenkette zwischen dem Hamburger Rathaus und dem Hauptbahnhof gebildet.

Am Sonntag traf sich dann eine Menschenkette in der Hamburger Innenstadt. Vom Rathaus bis zum Hauptbahnhof sollte sie gehen. Dazu aufgerufen hatte das Bündnis „Unteilbar“ – in ganz Deutschland gab es Menschenketten für mehr Solidarität und gegen Rassismus. In Hamburg blieben auch hier die Teilnehmerzahlen hinter den Erwartungen zurück. Die Veranstalter rechneten mit 5.000 Menschen, doch es kamen gerade einmal 840.

Bei beiden Einsätzen konnte die Hamburger Polizei ihr Aufgebot bereits während den Veranstaltungen reduzieren. Es kam zu keinen Ausschreitungen. // Quelle: 24hamburg.de-Blaulicht

* 24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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