Tierschützer schlägt Alarm

Schlachthöfe züchten Killer-Keime: Coronavirus nur ein Schnupfen im Vergleich

Geschwächte Tiere denen viel Antibiotika verabreicht wird und ein warmes Klima: In Schlachthöfen herrschen ideale Bedingungen, um aggressive Erreger zu züchten, sagt Tierschutz-Experte Friedrich Mülln.

  • In Schlachthöfen könnten die „großen Killer des 21. Jahrhunderts“ entstehen, warnt Tierschützer Friedrich Mülln.
  • Seine „Soko Tierschutz“ hatte unter anderem die Schließung eines Tierversuchslabors in Hamburg* bewirkt.
  • Das Coronavirus-Sars-CoV-2* sei im Vergleich zu multiresistenten Keimen nur eine harmlose Grippe. Auch RKI warnt.

Hamburg/Augsburg – Das Coronavirus-Sars-CoV-2 könnte im Vergleich zu den Erregern, die gerade in Schlachthöfen entstehen, wie eine „harmlose Grippe“ wirken. Davor warnt Friedrich Mülln, Gründer des Verein „Soko Tierschutz“ am Donnerstag, 16. Juli 2020, in einem Interview. Er gilt als einer der bekanntesten Tier-Aktivisten in Deutschland. Mit seinen Undercover-Recherchen konnte er zahlreiche Skandale in der Tierhaltung aufdecken. In Hamburg musste aufgrund seiner Arbeit im vergangenen Jahr das Tierversuchslabor LPT (Laboratory of Pharmacology und Toxicology) schließen.

Gemeinnütziger Verein:Soko Tierschutz
Gründung:2013
Gründer:u.a. Friedrich Mülln
Sitz:Augsburg
Methode:Informationsstände, Kampagnen, Pressearbeit, Recherche

Multiresistente Keime in Schlachthöfen: „Große Killer des 21. Jahrhunderts“ – Coronavirus-Sars-CoV-2 nur eine kleine Grippe im Vergleich

Seit April 2014 gilt ein neues Gesetz. Wer eine bestimmte Menge Masttiere hält – vor allem Kälber, Rinder, Schweine, Hühner und Puten – der muss melden, wie viel Antibiotika er einsetzt. Werden in einem Betrieb überdurchschnittlich viele Medikamente verwendet, müssen die Lebensbedingungen der Tiere verbessert werden.

Friedrich Mülln vom Verein „Soko Tierschutz“ warnt vor multiresistenten Keimen aus der Tiermast. (24hamburg.de-Montage)

Der Erfolg des neuen Gesetzes ist überschaubar, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium in einem Bericht 2019 selbst zugab. Während bei Schweinen und Ferkel die Menge an Antibiotika tatsächlich drastisch zurückging – um 46 Prozent bei Ferkeln und um 43 Prozent bei Schweinen – hatte die neue Regelung auf den Umgang mit anderen Tieren „nicht den Effekt einer deutlichen Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes erbracht“, wie das Ministerium meldet.

Dramatisch sei vor allem, dass verstärkt sogenannte „kritische Wirkstoffe“ eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um Antibiotika, die eigentlich für Menschen gedacht sind. Sollte sich ein Erreger rasend verbreiten, sollen diese Antibiotika der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Waffe gegen die Krankheit dienen. Sie werden auch als „Reserve-Antibiotika“ bezeichnet.

Antibiotika in der Massentierhaltung: Für Menschen entwickelt, in der Mast eingesetzt - so entstehen multiresistente Keime

Rund die Hälfte aller Antibiotika, die in der Geflügelzucht eingesetzt würden, seien solche „Reserve-Antibiotika“, berichtet der ARD. Also Mittel, die als Notfall-Verteidigung für Menschen gedacht sind. Werden sie in der Tiermast verwendet, entwickeln sich resistente Keime. Das bedeutet, dass diese Erreger mit dem Notfall-Medikament nicht mehr getötet werden können. Sie haben sich an deren Abwehrmaßnahmen gewöhnt.

Ein Umstand, auf den auch Friedrich Mülln im Interview mit dem „Focus“ aufmerksam macht: „Damit züchten wir uns eine Gefahr, gegen die Corona wirklich wie eine harmlose Grippe wirkt – nämlich die Gefahr der multiresistenten Keime. Diese werden der große Killer des 21. Jahrhunderts sein, sie kosten jetzt schon zehntausenden Menschen das Leben.“

Für seine verdeckte Recherche musste sich Friedrich Mülln oft vor Gericht verantworten.

Zu den Schlachtbetrieben sagt er weiter: „Massentierhaltungen und die angeschlossenen Schlachthöfe sind eigentlich gigantische Petrischalen. Wenn man einen gefährlichen Erreger züchten möchte, schafft man ein heißes Klima mit vielen geschwächten Kreaturen und impft diese möglichst oft mit Antibiotika, sodass sich der Erreger gut an diese Abwehrmaßnahme gewöhnen kann.“

Robert-Koch-Institut bestätigt multiresistente Keim in Schlachthöfen und ihre Verbreitung

Auch das Robert Koch-Institut beschäftigt sich mit diesem Phänomen und gibt dem Tierschützer recht: „Es ist unstrittig, dass bestimmte resistente Bakterien oder ihre Resistenzgene aus dem Bereich der Landwirtschaft (wie etwa der Tiermast) auf den Menschen übertragen werden können.“

Die Behörde hat dazu auch schon Daten erhoben – für das Bakterium MRSA (Methicillin-resistent Staphylococcus aureus). Bei Masttieren habe sich die Variante „CC398“ gebildet. Sie ist auf Menschen übertragbar, die mit den Schweinen, Rindern oder Hühnern Kontakt hätten. In Regionen, in denen es viele Mastanlagen gäbe, steige die Verbreitung rasant. Dort hätten zehn Prozent aller Menschen mit MRSA diesen speziellen Erreger, der eigentlich aus der Tierzucht stammt.

Schlachthöfe in der Kritik: Coronavirus-Sars-CoV-2 offenbarte skandalöse Schwächen im System

Seit dem Ausbruch des Coronavirus-Sars-CoV-2 sorgten Schlachthöfe immer wieder für Negativschlagzeilen. Sei es, wegen des Coronavirus-Skandals bei Tönnies* oder auf den Vion-Schlachthöfen* oder wegen der grundsätzlichen Arbeitsbedingungen dort, die auch bei Markus Lanz im ZDF* diskutiert wurden. Auch die Hamburger Vegan-Influencer Aljosha Muttardi und Gordon Prox* von „Vegan ist ungesund“ finden deutliche Worte: „Für mich war es die Hölle auf Erden.“ *24hamburg.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Ralf Zwiebler/Friedrich Mülln/SOKO Tierschutz/SOKO Tierschutz e.V/dpa/picture alliance

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