Gefährliche Verschwörungstheorien

Attila Hildmann nötigt Journalisten vom Jüdischen Forum: „Werden eure Namen finden, dann gucken wir weiter“

Der vegane Kochbuch-Autor und Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann eskaliert in Berlin. Bei einer Kundgebung nötigt er Journalisten des Jüdischen Forums. Die Polizei Berlin wird nun heftig kritisiert, ein Journalist zeigt Hildmann an.

Berlin Attila Hildmann war vor der Coronavirus-Krise* als streitlustiger Vegan-Koch bekannt. Nun macht sich der Berliner mit Corona-Verschwörungstheorien einen Namen. Als selbsternannter Kämpfer für das deutsche Volk, gegen Bill Gates und eine „Pharma-Mafia“ demonstriert er regelmäßig in der Bundeshauptstadt. Bei einer Demo vor der Messe Berlin eskaliert die Situation, Hildmann und sein Gefolge bedrohen anwesende Journalisten. Die Berliner Polizei schreitet nur vorsichtig ein, im Netz gibt es massive Kritik am Einsatzverhalten.

Attila HildmannAutor
Geboren22. April 1981 (Alter 39 Jahre), Berlin
Größe1,77 m
ElternUrsel Hildmann
AusbildungFreie Universität Berlin

Attila Hildmann: Berliner Verschwörungstheoretiker droht Journalisten – Polizei in der Kritik

Der Vorfall ereignete sich am Samstag, 27. Juni vor dem Nordeingang der Messe Berlin. Das große Veranstaltungshaus wurde Schauplatz einer Kundgebung von Attila Hildmann, die nach einem Autokorso durch Berlin erfolgte. Hildmann und seine Anhänger versammeln sich regelmäßig in der Hauptstadt, vor dem Bundestag oder auf der Museumsinsel. Dort verbreitet er wilde Theorien über angebliche Corona-Verschwörungen, wettert gegen Bill Gates und die Bundesregierung. Das alles tut er nach eigenen Angaben für das „deutsche Volk.“

Verschwörungs-Theoretiker Attila Hildmann nötigt hier in Berlin Journalisten: „Werden eure Namen finden und dann gucken wir mal weiter“. (Screenshot)

Auch bei dem neusten Vorfall trägt Hildmann ein T-Shirt mit der Aufschrift „German“, darunter der Bundesadler. Doch diesmal spricht er nicht nur zur Menge, Hildmann nötigt und droht Journalisten. Ein Journalist des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) dokumentiert den Vorfall, in dem er selbst bedroht wird.

Reaktionen auf das Hildmann-Video: Rechtsanwalt sieht Tatbestand der Nötigung erfüllt

In einem ersten Video sieht man, wie Hildmann auf den Journalisten des JFDA zugeht. Seine erste Frage: „Seid ihr auch Feinde der Demokratie?“ – dann sein Selbstverständnis: „Wir demonstrieren für Grundrechte, für Menschenrechte.“ Doch damit scheint Hildmann es nicht sehr genau zu nehmen. Unmittelbar danach droht er dem Journalisten: „Ihr seid Faschisten und [wir] werden eure Namen finden und dann gucken wir mal weiter.“

24hamburg.de hat beim Rechtsanwalt Raphael Slowik aus Hameln (@raphaelslowik) angefragt, ob Hildmann mit seinen Äußerungen schon strafbare Handlungen begangen hat. Slowik hat sich bereits für den Blog „Volksverpetzer“ mit Attila Hildmann beschäftigt. Für 24hamburg.de hat Slowik sich das Video mit den Drohungen Hildmanns angesehen.

Den Tatbestand der Nötigung gegenüber dem filmenden Journalisten sowie einer weiteren Person (links daneben) sieht Rafael als erfüllt an. Hildmann drohe „rechtswidrig“ mit einem „empfindlichen Übel“ – damit meint Slowik die zitierte Passage aus dem Video. Warum das schon reicht, erklärt der Rechtsanwalt wie folgt: „Auch Scheindrohungen erfüllen den Tatbestand der Nötigung, weil es dabei nur darauf ankommt, dass der Betroffenen davon ausgeht, dass der Täter über ihn diese Macht ausübt und sich hierin genötigt sieht.“

Heftige Kritik an der Berliner Polizei – lässt Polizei Journalisten im Stich?

Der betroffene Journalist bittet Hildmann und dessen Gefolge mehrfach darum, mehr Abstand einzuhalten und muss immer weiter zurückweichen. Die Berliner Polizei begleitet das Geschehen sehr passiv, erst als ein anderer Teilnehmer der Kundgebung gegen die Kamera des JFDA-Journalisten schlägt, wird der Täter zur Seite genommen. Der Journalist sucht schließlich Schutz zwischen den anwesenden Polizeiautos. Auch dort wird er noch weiter belästigt. Ein AfD-Abgeordneter verfolgt ihn trotz dessen Bitten um Abstand.

Auf Twitter wird die Berliner Polizei massiv kritisiert. Ein Nutzer bringt die Kritik süffisant auf den Punkt: „@polizeiberlin Hier in dem Video, sind mehrer Menschen zu sehen, die Polizei Uniformen tragen, aber anscheind keine Echten Polizist*innen sind. Oder würden echte Polizist*innen sich so verhalten und Bedrohung und Angriff vor ihren Augen zulassen ?“

Die Polizei Berlin hat bis heute nicht auf die Anfragen von 24hamburg.de reagiert. Auf Twitter gibt sie ein kurzes Statement zu der Situation ab. Damit wird die Kritik nicht besänftigt, unzählige Nutzer fordern Konsequenzen. Bisher reagierte die Polizei nicht. So lautet ihr Statement zu dem Hildmann-Video des Jüdischen Forums:

Wir haben die Pflicht, Versammlungen ungeachtet ihres Themas & die Pressefreiheit zu schützen. Provokantes oder aggressives Verhalten aus Versammlungen heraus wird immer auch strafrechtlich bewertet. Wir lassen den Fall mit in die Vorbereitung künftiger Einsätze einfließen.

Polizei Berlin

Reaktion des Jüdischen Forums – Journalist zeigt Attila Hildmann an

Das Jüdische Forum hat den Vorfall in zwei langen Facebook-Beiträgen dokumentiert. Ihr Fazit ist ein heftiges Urteil zum Thema Pressefreiheit: „Die offenkundige Gewaltbereitschaft und das aggressive Verhalten Hildmanns sowie seiner Anhänger:innen stellen eine schockierende Entwicklung und Radikalisierung seiner Kundgebungen dar. Angriffe auf Pressevertreter:innen und Einschränkungen von Presseberichterstattung sind scharf zu verurteilen.“

Der Journalist Tobias Huch hat sich am Tag des Vorfalls dazu entschieden, Attila Hildmann anzuzeigen. Seine Vorwürfe: Nötigung und Bedrohung. Das gab er auf Twitter bekannt. Dafür gab es viel Beifall. Schon am Montag, 29. Juni haben über 700 Menschen den Beitrag mit einem „Gefällt mir“ markiert. Ob Huch vor Gericht Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Huch hatte Hildmann auf Twitter bereits „Adolf Hildmann“* genannt.

Ein Nutzer auf Twitter bezweifelt die Chancen von Huch: „Das wird eingestellt. Es sei denn die Drohungen richten sich konkret gegen eine natürliche Person ein „ich fühle mich aber bedroht“ reicht nicht lies mal die strafandrohung durch“– damit widerspricht er den Einschätzungen des Rechtsanwalts Raphael Slowik.

Attila Hildmanns skurrile Welt – Volksverhetzung und Verschwörungstheorien

Die Frankfurter Rundschau* berichtet über das absurde Corona-Weltbild von Attila Hildmann.* Der behauptete unter anderem, dass am 15. Mai 2020 dunkle Mächte einer Weltverschwörung mithilfe einer Corona-Impfpflicht die Macht an sich reißen werden. Dahinter vermutet Hildmann unter anderem den bekannten Milliardär und Tech-Philanthropen Bill Gates. Die Geschichte ist falsch (SWR3-Faktencheck), es gibt aktuell weder eine Corona-Impfpflicht noch einen Impfstoff.

Attila Hildmann bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen vor dem Olympiastadion.

Attila Hildmann spinnt seine Verschwörungstheorien noch weiter und will sogar eine Attila-Hildmann-Partei mit skurrilen Thesen* gründen. Angela Merkel wolle aus Europa einen kommunistischen „Ameisenstaat“ machen. Dazu mischt Hildmann immer mehr Nationalstolz in seine Botschaften, spricht häufig von einem Kampf fürs deutsche Volk. In seiner Telegram-Gruppe verteilt Attila Hildmann* heftige, möglicherweise volksverhetzende Inhalte an seine Leser und Zuhörer. Der Blog Volksverpetzer hat über potenziell volksverhetzende Inhalte von Hildmann berichtet. Ein Verhalten, das für den Unternehmer auch geschäftsschädigend ist. Viele Händler nehmen seine Produkte aus dem Regal, wie jüngst Tegut in Fulda*.

Der lässt sich von der Kritik nicht abschrecken. In einem Video auf YouTube kündigt er direkt die nächste Demonstration an, nennt die deutsche Presse „gleichgeschaltet“ und unterstellt „Staatspropaganda“. Die im Video bedrohten Journalisten habe er nur angesprochen, weil diese angeblich mit Steinen auf seine Demo schmeißen wollte. Diese hätten die Journalisten dort hingelegt. Die Messe Berlin widerspricht, die Steine werden aktuell „im Rahmen von Ausbesserungen“ eingesetzt. Das ist auf einem Video – ironischerweise von Hildmann selbst – deutlich zu erkennen. * 24hamburg.de, fuldaerzeitung.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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