Ab 10. August in der Spedition Bremen

Das Interview zur Premiere von „Facebook-AGB – das Musical“

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Peer Gahmert (l.) und Tim Gerhardts haben einen der sagenumwobensten und geheimnisvollsten Texte unserer Zeit gelesen: die Nutzungsbedingungen von Facebook. Entstanden ist ein Musical.

Die Facebook-AGB selbst lesen? Bloß nicht, versteht doch eh keiner. Die gute Nachricht: In Bremen gibt's dafür jetzt ein Musical. Aber wie schafft man es bloß, dieses gigantische Stück Gegenwartsliteratur in einen nutzerfreundlichen Rahmen zu pressen? Wir haben bei Peer Gahmert und Tim Gerhardts, den Köpfen hinter „Facebook-AGB – das Musical“, nachgefragt

Termine und Tickets: 10., 13., 16., 17. und 18. August, jeweils um 20 Uhr, in der Spedition am Güterbahnhof Bremen. Tickets gibt es hier oder an der Abendkasse (ACHTUNG: Die premiere ist bereits ausverkauft!)

Es ist einer der sagenumwobensten und geheimnisvollsten Texte unserer Zeit: die Nutzungsbedingungen von Facebook. Kaum jemand kennt dieses mythische Machwerk, nur wenige haben sich an dieses legendäre Stück Gegenwartsliteratur gewagt. Aber warum sollten die AGB von Facebook nur etwas für einen kleinen elitären Kreis von Datenschützern, Anwälten und Liebhabern juristischer Fließtexte sein? Das haben sich auch Peer Gahmert und Tim Gerhardts gefragt. Und den Stoff in ein Musical verpackt.

nordbuzz: Ihr habt die Idee gehabt, die Facebook-AGB als Musical umzusetzen. Ist die Vorbereitung nicht furchtbar aufwendig?

Peer Gahmert: Oh ja, ganz genau so ist es.

nordbuzz: Wie viele Seiten musstet Ihr insgesamt lesen?

Peer: Also, zuerst lädt man sich die AGB von Facebook herunter und ist überrascht, wie umfangreich das eigentlich ist. Denn man wird immer wieder weiterverwiesen, auf unzählige Seiten, auch auf scheinbar völlig unsinnige. Das fängt an mit den Nutzungsbedingungen, dann geht’s weiter mit der Datenrichtlinie, der Cookie-Richtlinie, der Seite zum Melden von urheberrechtlichen Problemen, und, und, und. Es ist ein nicht enden wollender Wust, der daraus entsteht. Die reinen Nutzungsbedingungen umfassen 17 ausgedruckte DIN-A4-Seiten. Wenn man es ernst nimmt und auch die anderen Richtlinien liest, werden es fast 100 Seiten.

nordbuzz: Und Ihr habt es richtig ernst genommen?

Peer: Ja, die allermeisten Seiten habe ich tatsächlich gelesen.

nordbuzz: Damit seid Ihr wahrscheinlich die einzigen Menschen weltweit, die das jemals getan haben…

Peer: Das kann gut sein. Ich glaube zumindest nicht, dass irgendjemand die AGB gelesen hat, bevor er sich angemeldet hat. Zumal die Nutzungsbedingungen von Facebook meiner bescheidenen Ansicht nach noch komplizierter und unleserlicher sind, als von anderen großen Konzernen wie Apple oder Amazon. Facebook macht es dem Nutzer echt nicht leicht – und auch nicht sehr angenehm.

„Es haben tatsächlich Menschen zugehört“

nordbuzz: Habt Ihr auch Dinge entdeckt, die Euch richtig erstaunt haben?

Peer: Auf jeden Fall! Tim hat zum Beispiel entdeckt, dass man sich nicht registrieren darf, wenn man verurteilter Sexualstraftäter ist. Was im Umkehrschluss ja bedeutet: Für Drogenhändler oder Mörder dürfte es keine Probleme geben. Aber generell gilt: Für jeden Fall ist irgendwie vorgesorgt.

nordbuzz: Wie lange habt Ihr gebraucht, um das „Werk“ durchzuarbeiten?

Peer: Ich habe es mir einfach gemacht, mich hingestellt und im Gastfeld in der Neustadt zwei Lesungen gehalten – die haben jeweils eindreiviertel Stunden gedauert. Dabei habe ich nur auf die Nutzungsbedingungen, die Cookie- und Datenrichtlinien, die Grundsätze und die Nutzungsbedingungen für Menschen mit Wohnsitz in Deutschland fokussiert. Und: Es haben tatsächlich Menschen zugehört. Danach fühlte ich mich gut vorbereitet. Tim war da konservativer und hat es tatsächlich einfach gelesen.

Tim Gerhards: Aber ich habe natürlich auch nicht alles am Stück gelesen. Eher abschnittsweise, und parallel dazu habe ich mir schon das künstlerische Konzept überlegt.

nordbuzz: Wie ist es weitergegangen? Irgendwie muss ja ein Musical daraus entstehen, und das aus dem trockensten und sprödesten Stoff, den man sich vorstellen kann.

Peer: Es ist sogar noch trockener und noch spröder, als Du es Dir gerade vorstellst. Es macht wirklich keinen Spaß, den Scheiß zu lesen und sich Gedanken darüber zu machen. Aber zum Glück hatten wir auch kompetente Unterstützung: Die Landesdatenschutzbeauftragte hat uns zum Beispiel empfangen und uns erzählt, was das eigentlich alles bedeutet.

„Natürlich gibt es ein Happy End“

nordbuzz: Und wie ist die Musik entstanden?

Peer: Wie haben jemanden beauftragt, bestimmte Absätze in Lieder zu übersetzen. In schöne, sich reimende Lieder. Das hat zum Glück Philipp Feldhusen gemacht. Ein sehr begabter Mensch, der so etwas echt gut kann. Er hat in kürzester Zeit exzellente Texte geschickt, die alles in eine schöne und verständliche Sprache übersetzen. Und daraus hat dann wiederum Dan Eckert die Musik gezaubert.

nordbuzz: Und mit diesen Liedern wird dann die Geschichte erzählt.

Peer: Richtig. Ein Musical muss immer aus aus Liedern und einer Liebesgeschichte bestehen. Unsere Liebesgeschichte geht so: Die Autorin der AGB schreibt dieses Mammutwerk und meint, damit ein ganz neues Genre erschaffen zu haben, das irgendwann jeder lesen wird. Aber: Sie findet keinen Verleger. Zu lang, zu unlesbar, zu trocken. Daraufhin gleitet sie ab. Drogen, Alkohol, Prostitution. Sie verfolgt aber weiten den Traum, dieses Buch irgendwann veröffentlichen zu lassen. Parallel dazu gibt es einen jungen Mann, der ein soziales Netzwerk aufbaut und alles, was ihm dazu noch fehlt, ist ein griffiger Name und ein erklärendes, ausschweifendes und kompliziertes textliches Beiwerk. Ihm fällt aus Versehen das AGB-Manuskript in die Hände und er beginnt, die junge Autorin zu suchen. Und nach einer langen Suche voller Niederschläge finden sich beide. Denn natürlich gibt es ein Happy End.

nordbuzz: Haben sich die Schauspieler eigentlich über ihren Text beschwert?

Tim: Die wussten natürlich, was auf sie zukommt und dass wir mit Originaltexten aus den AGB arbeiten. Aber angenehm ist es sicher nicht, Wörter wie „Anwendungsprogrammierschnittstellen“ zu singen. Da können Musik und Text noch so gut sein – sich so etwas einzuprägen, ist nicht leicht. Aber sie haben es drauf.

nordbuzz: Hat sich Euer Verhältnis zu Facebook und der Nutzung eigentlich irgendwie geändert?

Peer: Tim und ich wissen jetzt ja seit etwa eineinhalb Jahren, was da alles drin steht – und nutzen Facebook immer noch. Aber ich glaube schon, dass man noch ein bisschen besser aufpasst, wenn man sich besser auskennt.

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