Wer steht da drin und warum überhaupt?

Grüße vom Dalai Lama & Nicolas Cage: Die Goldenen Bücher von Oldenburg

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Als Mitarbeiter des Oldenburger Stadtarchivs weiß Claus Ahrens einiges über die Goldenen Bücher der Stadt zu berichten. 

In jeder Stadt gibt es sie: Goldene Bücher, die nur für ganz besondere Gäste hervorgeholt werden. Eine besondere Ehre soll es sein, auf den wertvollen Seiten zu unterschreiben. Doch wer und vor allem was steht denn da eigentlich genau drin? Und kann man sich für einen Eintrag einfach bewerben? Redakteurin Jasmin Martens hat sich die beiden Oldenburger Exemplare im Rathaus mal genauer angesehen und nachgefragt.

„Gar nicht so schwer“, denke ich, als ich die erste Ausgabe vom Goldenen Buch in den Armen halte. Das weiße Cover ist schon ziemlich abgegrabbelt und recht schmutzig – ist halt schon einen Tag älter das Teil. In der Mitte schimmert der goldene Schriftzug, darunter das Oldenburger Stadtwappen. Ein goldenes Buch ist es nicht. Doch es ist nicht die Hülle, die es so wertvoll macht, es ist der Inhalt. Mit einer recht großen Portion Ehrfurcht blättere ich zum ersten Eintrag: 

Die ersten Einträge im Goldenen Buch wurden damals platzsparend auf eine Seite geschrieben.

„In schweren Zeiten zum ersten Male als Ehrenbürger in Oldenburgs Mauern weilend, fand ich hier eine Erhebung. Mögen nach mir und in besseren Tagen noch viele sich in dieses Buch einschreiben, die für die schöne Stadt ebenso treue Wünsche hegen wie ich“, schrieb Paul von Hindenburg 1921. Das soll dort zumindest stehen, denn entziffern kann man den altdeutschen Text vom Generalfeldmarschall nicht wirklich.

„Beim Besuch des Dalai Lama standen die Oldenburger bis zur Langen Straße“

Der Dalai Lama besuchte Oldenburg anlässlich des Forums „Frieden und soziale Gerechtigkeit im nächsten Jahrhundert“ am 2. November 1998.

„Es ist schon etwas Besonderes“, schwärmt Jutta Hannawald. Seit 1998 ist sie für die Organisation der Veranstaltungen im Rathaus zuständig. Schon der erste Eintrag ins Goldene Buch, bei dem sie dabei sein durfte, war ihr absolutes Highlight: der Besuch von Friedensnobelpreisträger S. H. XIV Dalai Lama. „Der war einfach so herzlich“, erzählt sie mir, „er wollte alles sehen und ist quer durch’s Rathaus. Seine Security fand das gar nicht so lustig. Der ist sogar raus auf unseren kleinen Balkon, um den Leuten draußen zu winken.“ Fast bis zum Ende der Langen Straße hätten die Oldenburger am 2. November 1998 gestanden und ihm zugejubelt. „Ich wollte mir nachdem er da war, gar nicht mehr die Hand waschen“, scherzt Hannawald.

Doch damals gab es auch kritische Stimmen. Selbst innerhalb des Rathauses. Was hat der Dalai Lama für Oldenburg getan? Reicht es berühmt zu sein, um einen Eintrag ins Goldene Buch zu bekommen? „Grundsätzlich dürfen sich Politiker ab dem Amt des Ministers und Künstler oder Bürger, die etwas Herausragendes geleistet haben, ins Buch eintragen“, so Hannawald. Doch ein Bezug zur Stadt müsse gegeben sein. Nur weil jemand in Oldenburg ein Konzert gibt, komme er noch lange nicht ins Vergnügen. Zudem dürfen alle Kohlkönige der Stadt unterschreiben. Das wird wohl auch der nächste Eintrag sein, denn am 6. März wird der oder die zukünftige in Berlin gewählt. Wann er oder sie sich daraufhin ins Goldene Buch einträgt, stehe aber noch nicht fest. 

Was jedoch immer feststeht, ist der Ablauf der Termine. „Die Eintragungen sind ein offizieller Akt und laufen daher nach Schema F ab. Ein gewisses Protokoll gehört einfach dazu“, sagt Hannawald, „man trifft sich im Rathaussaal. Der OB hält eine Rede, die Presse ist vor Ort und meist verliert der Gast auch ein paar Worte.“ Was in das Buch geschrieben wird, ist übrigens nicht vorgegeben. Mal sind es nur Unterschriften, mal kaum leserliche kleine Texte, manchmal klebt sogar ein Bild auf der Seite. Doch meistens sind es gute Wünsche für die Stadt und ein paar Floskeln. „Ein bisschen wie im Poesiealbum“, sagt Hannawald. 

Zwei herausgerissene Seiten wurden in die Schublade „verbannt“

Das Buch ist auf jeden Fall ein wertvolles Stück Geschichte. Das zeigen auch zwei herausgerissen Blätter, die mir Claus Ahrens vom Stadtarchiv präsentiert. Es sind die Einträge vom früheren Reichsarbeitsdienst-Führer Konstantin Hierl und von Professor Johann Schütte. Im März 1948 beschloss der Stadtrat die beiden Seiten aus dem Buch zu entfernen, da sie deutlichen Bezug auf das Nazi-Regime nahmen. Jahrelang lagen die Seiten im Rathaus einfach in einer Schublade rum – niemand wusste so richtig wohin mit den Blättern. „Ein Auszubildender hat die Seiten zufällig gefunden“, erzählt Ahrens, „doch erst als eine neue Generation an Mitarbeitern im Rathaus anfing, wurden die Eintrage dann ans Stadtarchiv übergeben.“ Dass die beiden Seiten gefaltet und gelocht waren, deute darauf hin, dass sie einfach in einem Ordner abgelegt wurden, meint Ahrens. „Heute geht man im Rathaus mit solchen Dingen viel transparenter um“, sagt Hannawald, „früher hat man die Seiten einfach in einen Ordner verbannt.“ 

Der Schauspieler Nicolas Cage durfte sich ausnahmsweise in lockerer Atmosphäre im Büro des Oberbürgermeisters ins Goldene Buch der Stadt eintragen. 

Beim letzten Eintrag ins Goldene Buch war es alles andere als förmlich. Nicolas Cage besuchte Oldenburg im September 2016 als Botschafter des Internationalen Filmfestivals. Er unterschrieb im Büro vom Oberbürgermeister Jürgen Krogmann bei Torte und Kaffee. „Da hat sich tatsächlich jemand per Facebook beschwert, dass die Torte sehr einfach gehalten wäre“, erzählt Hannawald schmunzelnd. „Vielen Dank für den Besuch in Oldenburg“ kritzelte der Oscar-Preisträger auf die wertvollen Seiten. Besonders schön sieht die Seite nicht aus. „Er war total nett und offen“, erinnert sich Hannawald, „obwohl seine Sicherheitsleute nicht begeistert waren, hat er sich vor dem Rathaus noch viel Zeit für die vielen Fans genommen.“

Nicolas Cage dankte dem OB Jürgen Krogmann mit seinem Eintrag für die Einladung in die „wunderschöne“ Stadt Oldenburg.

Übrigens: Eine Anfrage zum Goldenen Buch gab es in der Vergangenheit erst ein Mal. Ein befreundeter Künstler von Karl Jaspers meinte er wäre bekannt genug, um sich auf den wertvollen Seiten zu verewigen. Man habe dankend abgelehnt, so Hannawald. Eine Bewerbung für‘s Goldene Buch gäbe es nicht. Das letzte Wort liege in solchen Fällen beim OB. Dieser gab auch die zweite Ausgabe des Goldenen Buches in Auftrag: Ein weinrotes Exemplar mit goldenem Schriftzug. 

Links: Das „alte“ weiße Goldene Buch der Stadt. Rechts: Das aktuelle Exemplar in weinrot.

Seitdem das erste Goldene Buch voll ist, lagert es im feuerfesten Tresor im Rathaus und wird nur noch selten hervorgeholt. Denn auch wenn es aus hochwertigem Papier bestehe, sei Licht natürlich Gift für das historische Stück, mahnt Ahrens. „Vor ein paar Jahren haben wir das Buch hier beim Tag der offenen Tür ausgestellt“, erzählt Hannawald, „das Interesse war riesig.“ Viele Bürger wüssten gar nicht, dass es ein offenes Rathaus sei. Jeder darf gern reinschauen und sich umsehen und wenn Zeit ist, gebe man auch gern eine kleine Führung. Leider konnten die Besucher es damals aber nur durch eine Glasscheibe begutachten und nicht drin blättern. Scheint also eine besondere Ehre zu sein, die Bücher in den eigenen Händen halten zu dürfen – ich fühle mich geschmeichelt und klappe das Buch zu. Sorgsam legt Jutta Hannawald die beiden Exemplare wieder in den Tresor. „Wir sollten die Bücher digitalisieren“, sagt Claus Ahrens. So könne jeder Bürger mal einen Einblick in die 85 Einträge bekommen und sie wären für die Ewigkeit konserviert. Geplant sei so etwas momentan nicht. Die Oldenburger würden den Aufwand sicherlich zu schätzen wissen.   

Weiteres zum Besuch von Nicolas Cage in Oldenburg: 

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