Richtig reagieren ist schwerer als gedacht

Zivilcourage gezeigt: Warum mache ich mir trotzdem Vorwürfe?

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Sich spontan richtig zu verhalten, wenn man bemerkt, dass eine andere Person in Schwierigkeiten ist, ist gar nicht so einfach. Das musste ich vor kurzem leider selber feststellen.

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Es war das erste warme Wochenende im April. Ganz Bremen zog es nach draußen. Überall im Viertel saßen die Leute noch bis spät abends vor den Lokalen, am Eck und auf den Treppenstufen vor den Häusern und man bekam den ersten Vorgeschmack auf den Sommer.

Zwei warme Tage mit Temperaturen über 20 Grad reichten allerdings auch, um unser Schlafzimmer in einen Brutkasten zu verwandeln. Also auf mit den Fenstern und rein mit der kühlen Abendluft. Eine weitere Premiere in diesem Jahr - und das große Glück für ein junges Mädchen, wie sich später rausstellen sollte.

Wir hatten noch keine zwei Stunden geschlafen, als ich von einer Konversation unter unserem Fenster wach wurde - soweit nicht Besonderes. Als ich dann jedoch eine leise Frauenstimme hörte, die immer wieder das Wort „Nein“ wiederholte und stetig lauter wurde, wurde ich schlagartig hellwach. 

Mir hatte es vor Entsetzen die Sprache verschlagen

„Hörst du das?“ fragte ich meinen Freund, der kurz lauschte und dann sofort aufsprang, um das Fenster aufzureißen.

Im Laternenlicht sahen wir ein Mädchen, dass von einem Mann bedrängt wurde. „Ist alles ok?“, rief mein Freund runter. Eine rhetorische Frage, da ja offensichtlich nicht alles ok war. Aber immerhin sagte er etwas, denn mir hatte es vor Entsetzen die Sprache verschlagen. 

Doch alleine das wir uns bemerkbar machten genügte, um den Typen in die Flucht zu schlagen. Er ließ von dem Mädchen ab und rannte davon. Im Licht der Straßenlaternen konnte ich lediglich erkennen, dass er einen Rucksack und eine Jacke trug - das würde für eine Täterbeschreibung kaum ausreichen.

Zurück blieb ein verstörtes, scheinbar ziemlich betrunkenes Häufchen Elend. Endlich fand ich meine Stimme wieder: „Gehts dir gut? Sollen wir die Polizei rufen?“. „Nein, nein!“, antwortete sie daraufhin. „Es war nur eine heftige, komische Situation...gut, dass ihr da wart!“. Das brünette, langbeinige Wesen stand etwas unsicher auf ihren Highheels und schien entweder gerade vom Feiern zu kommen, oder sich nach dem Vorglühen gerade auf dem Weg zum Feiern zu befinden. „Sollen wir runterkommen?“, fragt mein Freund. „Nein, nein!“, wiederholt sie mit etwas zittriger Stimme und entschuldigt sich doch tatsächlich noch bei uns: „Sorry für die Störung. Schlaft weiter!“. „Du brauchst dich ja nun wirklich nicht zu entschuldigen!“, antworte ich. „Wo wohnst du denn? Sollen wir dich begleiten?“. „Nein, kein Problem. Ich wohne in dieser Straße, nur ein paar Häuser weiter.“ 

Zweifel machen sich breit: Warum haben wir nicht die Polizei gerufen?

Nach mehrfachem Nachfragen und Beteuerungen Ihrerseits, sie hätte es wirklich nicht weit, ließen wir das Mädchen ziehen, blieben allerdings noch eine ganze Weile am geöffneten Fenster und beobachteten misstrauisch die Straße.

Nur langsam zogen wir uns von der Fensterbank zurück. Erst jetzt merkte ich, wie sehr mein Herz in meinem Brustkorb hämmerte. Schweigend schauten wir uns an und versuchten, das gerade Geschehene zu begreifen. Ganz allmählich machten sich Zweifel breit: „Das ist doch Mist!“, platzte es plötzlich aus mir heraus. „Wir hätten die Polizei rufen sollen. Die Kleine hätte eine Täterbeschreibung geben müssen. Und warum zur Hölle sind wir nicht einfach runter gegangen?“ „Ich weiß es auch nicht“, antwortet mein Freund. „Das hätten wir besser machen können.“ 

Nach dem Schreck und durch die anschließenden Grübeleien wurde es für uns  - man kann es sich denken - eine extrem kurze Nacht.

Noch Tage später plagte mich mein schlechtes Gewissen. Um das Erlebte zu verarbeiten und beim nächsten Mal besser reagieren zu können, wollte ich mir den Rat von Experten einholen.

Das sagt die Expertin:

Ich hatte das Glück mit der netten Maike Seifert von der Polizei Bremen zu sprechen, die mir zuallererst mein schlechtes nehmen wollte, denn die „perfekte Lösung“ gibt es in so einem Fall einfach nicht.

Das Wichtigste haben wir ihrer Meinung nach getan: Wir haben das Opfer angesprochen und gefragt, ob wir helfen können. „Es ist wichtig, auch wirklich das Opfer und nicht den Täter anzusprechen,“ rät Seifert. „Denn der Täter wird auf jeden Fall antworten, dass alles gut sei und man sich nicht einmischen solle.

„Natürlich wäre es optimal gewesen, nach unten zu gehen und dem Opfer nahezulegen, die Polizei zu informieren, damit die Chance, dass der Täter bald das nächste Mädchen bedrängt, möglichst gering gehalten wird“, so die Expertin.

Weitere Tipps für heikle Situationen:

  1. Wenn Ihr bemerkt, dass eine Frau beispielsweise in einer Bar scheinbar bedrängt wird, könnt Ihr sie in etwa so ansprechen: „Hey Susanne, schön dass du da bist! Komm, setz dich doch zu uns!“ Ähnliches hätten mein Freund und ich in unserer Situation auch machen können: Hey Susanne, da bist du ja endlich! Ich komm runter und mach dir die Tür auf!“ Mit diesem Trick gebt Ihr dem Opfer die Chance, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien, ohne den vermeintlichen Täter direkt zu bedrohen und unter Druck zu setzen, was schlimmstenfalls zu Übersprungshandlungen führen könnte.
  2. Macht Euch nie alleine auf den Weg nach Hause. Das gilt auch für Männer. Zwar werden diese nicht so häufig Opfer von Sexualverbrechen, dafür liegt die Quote der jungen Männer, die ausgeraubt oder zusammengeschlagen werden, wesentlich höher, als die der vergewaltigten Frauen. 
  3. Verlasst Euch auf Euer Bauchgefühl: Wenn Ihr denkt, dass Ihr verfolgt werdet, wechselt probeweise die Straßenseite. Tut es Euch Euer Verfolger gleich, nehmt die Beine in die Hand und lauft. „Man unterschätzt tatsächlich, wie schnell man unter Adrenalinausschüttung laufen kann“, erklärt Maike Seifert. 
  4. Wenn Euch jemand in der Öffentlichkeit zu nahe kommt, sprecht die betreffende Person mit „Sie“ an: „Lassen Sie das!“ Das signalisiert Eurem Umfeld, dass Ihr Euer Gegenüber nicht kennt.
  5. Generell gilt: Lieber einmal mehr die 110 wählen, als einmal zu wenig!

Für alle, die noch mehr hilfreiche Tipps erhalten möchten und sich über das Thema „Selbstbehauptung“ informieren wollen, bietet die Präventionsstelle der Polizei Bremen regelmäßig kostenlose Workshops an.

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