Video-Reporter produzieren für funk

Y-Kollektiv funkt aus Bremen: Dokus außerhalb der Komfortzone

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Dennis Leiffels und Christian Tipke sind die beiden Köpfe hinter Sendefähig und dem Y-Kollektiv.

Seit Kurzem sorgen Web-Dokus aus der Bremer Neustadt bundesweit für Aufsehen im Netz. Verantwortlich ist das Y-Kollektiv, ein Zusammenschluss junger, renommierter Journalisten, die fürs öffentlich-rechtliche Jugendangebot „funk“ über Themen ihrer Generation berichten – anspruchsvoll, investigativ, mit Haltung und oft außerhalb der Komfortzone. nordbuzz war zu Besuch.

Wenn man die loftartigen Räumlichkeiten der Produktionsfirma „Sendefähig GmbH“ und somit die Basis des Y-Kollektivs in der Alten Schnapsfabrik an der kleinen Weser betritt, spürt man es unmittelbar: Kreativ-Geist, Motivation und Aufbruchstimmung liegen in der Luft. Es sind weitläufige, lichtdurchflutete Zimmer mit freundlichem Holzboden und mehreren Schreibtischen im Stile eines Co-Working-Space, nebenan ein Studio mit Schnittplatz, eine Sitzecke auf dem Balkon und mittendrin eine kleine Küche. Dort sitzen Dennis Leiffels, Christian Tipke und Hubertus Koch, machen Pause, essen Döner, unterhalten sich angeregt, lachen immer wieder laut auf.

„Zeit, dass es online vernünftige Inhalte gibt“

Bei funk, dem jungen Digital-Angebot von ARD und ZDF, spielen sie in einer Riege mit Internet-Größen wie Fynn Kliemann vom „Kliemannsland“, Rayk Anders von „Armes Deutschland“, „Schlecky Silberstein“ alias Christian Brandes oder der Bildundtonfabrik von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“. „Wir konsumieren online, also wird es Zeit, dass es dort auch vernünftige Inhalte gibt“, beschreibt Leiffels den Ansatz des Kollektivs. Mit „wir“ meint er „die, die kein Fernsehen mehr gucken“. Mit „vernünftigen Inhalten“ meint er Themen aus allen Bereichen des Lebens und allen Ecken der Welt.

Jeden Donnerstag kommt eine neue Doku hinzu. Ein kleiner Einblick in das bisherige Spektrum seit Juli 2016 zeigt eine große Vielfalt: Reporter des Kollektivs waren bei der Brexit-Abstimmung in England, beleuchteten den türkischen Putschversuch, befassten sich weltweit vor Ort mit Flüchtlingen, Neonazis, Drogen, Demos, Frauenrechten und Massentierhaltung samt radikalen Tierschützern, reisten zur US-Wahl, an die IS-Front oder ins Zentrum alternativer Lebensentwürfe – stets echt, nah, menschlich und subjektiv.

Journalist Leiffels, 30 Jahre, und Filmer Tipke, 35 Jahre, aus Bremen, sind Gründer der Sendefähig GmbH, Koch ist einer der Reporter des Y-Kollektivs. Anfang des Jahres gewann der 26-Jährige den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises. Eigentlich wohnt er in Köln, kommt aber regelmäßig mit neuem Material zur Produktion seiner Dokus nach Bremen und fühlt sich dabei sichtlich wohl. Zum Team der bundesweit verteilten Medienmacher gehört beispielsweise auch Manuel Möglich, der mit der Doku-Reihe „Wild Germany“ bei ZDFneo Erfolge feierte und 2011 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war. Oder Can Mansuroglu, aus dem Ersten bekannt als „Checker Can“. „Das Team nennen wir scherzhaft ‚Dennis‘ Eleven‘, dabei sind es nur neun Reporterinnen und Reporter“, sagt Tipke. Acht Festangestellte umfasst das Team in Bremen.

Die Zielgruppe von funk ist die Generation der 14- bis 29-Jährigen, die Bremer Web-Dokus richten sich verstärkt an Zuschauer ab 24 Jahren. Diese Kohorte konsumiert Inhalte online, mobil und zeitlos. Also muss ins Internet gehen, wer die angeblich alles hinterfragende, sogenannte „Generation Y“ samt Nachkommen mit Bewegtbild erreichen will. Keine ganz neue Erkenntnis, aber Gegenstand zunehmender Bemühungen. Das Y-Kollektiv sendet bei Facebook und YouTube, produziert von der Sendefähig GmbH im Auftrag von Radio Bremen für funk, das am 1. Oktober an den Start ging. „Funk ist ein wichtiger Multiplikator, für uns ist es eine Ehre, von Anfang an dabei zu sein und auch eine tolle Möglichkeit zur Vernetzung“, sagt Leiffels. „Wir treten zusammen mit vielen anderen an, um etwas nie da gewesenes zu entwickeln.“

„Ein Kreis an Leuten, die Bock haben mit Haltung Geschichten zu erzählen“

Ein solch aufstrebendes Medien-Unternehmen wie dieses würde man womöglich eher in den vermeintlich hippen Ecken von Berlin, Hamburg oder Köln erwarten. Doch am Kreativ- und Medien-Standort Bremen tut sich einiges. So musste Leiffels offenbar wenig Überzeugungsarbeit beim zusammenstellen seines Teams leisten. „Ich habe mir herausgepickt, wen ich für am fähigsten hielt“, erzählt der 30-Jährige. „Leute mit Händchen für die wichtigen Themen unserer Generation und für etwas andere Erzählweisen. Dabei ist ein handverlesener Kreis an Leuten entstanden, die Bock haben mit Haltung Geschichten zu erzählen.“

Im Rahmen von funk gibt es neben dem Y-Kollektiv mit der Mysterie-Serie „Wishlist“, der Sport-Comedy „Wumms!“ und der Social-Media-Kolumne „Was mit Fabian“ noch drei weitere Radio-Bremen-Sendeformate, das ist Dennis Leiffels wichtig zu betonen. Er sieht die kleinste ARD-Anstalt mit diesem Angebot als wichtigen Innovator. Die öffentlich-rechtlichen Pläne, auf das veränderte Konsumverhalten des Nachwuchses zu reagieren, wurden seinen Angaben nach vor etwa zwei Jahren konkret, zunächst war noch ein eigener Fernsehsender geplant. Dass es nun ein reines Online-Angebot mit App und Webseite wurde, ist für Leiffels keine Niederlage. Im Gegenteil.

Kennengelernt haben sich Leiffels und Tipke in der Digitalen Garage von Radio Bremen, einer Art Thinktank zukunftsgerichteter Formate. „Wir haben uns gemeinsam gefragt: Wie verpackt man Themen so, dass sie dort ankommen, wo sie hin sollen“, erzählt Tipke von der Entstehung. „Denn Inhalte stehen im Vordergrund, sie sollen die Zielgruppe erreichen und gleichzeitig unseren Ansprüchen genügen.“ Und Leiffels fügt hinzu: „Dann kam funk ins Spiel, als größte Innovations- und Medienförderung seit langem. Da tun sich Freiräume auf, die es in dem Umfang noch nicht gab. Eine riesige Chance für Kreative.“

„Die Dinge so erzählen, wie wir sie erleben“

„Informieren, orientieren, unterhalten“, das ist es, was sich funk auf die Fahne geschrieben hat. Diese Maxime deckt sich mit den Zielen des Y-Kollektivs. Außerdem will das Netzwerk transparent und greifbar sein sowie Diskussionen auslösen. Hauptsächlich nutzen sie dafür Facebook, wegen der Reichweite und der Debatten-Freudigkeit, in die sich auch die Autoren selbst einmischen. „Es gehört zum Konzept, die Dinge so zu erzählen, wie wir sie erleben. Die eigenen Perspektive ist heute wichtig“, sagt Leiffels. Für eine der ersten Geschichten ging der 30-Jährige an Bord der „SOS Mediterranee“ und war dabei, als Menschen aus dem Mittelmeer gerettet wurden. „Beim Thema Flüchtlingsboote stumpfen die Fernsehzuschauer ab. Etwas anderes ist es, wenn der Reporter mittendrin ist und schildert, wie er die Situation erlebt und wahrnimmt. So kann man ganz anders auf Probleme aufmerksam machen“, sagt Leiffels.

Zur Transparenz und Diskussions-Kultur gehört es für das Y-Kollektiv auch, „zum Anfassen“ zu sein. Dies gelang bei einem ersten Videoabend unter dem Motto „Inside Lügenpresse“ am 13. Oktober im Veranstaltungszentrum Karton unter der Schnapsfabrik gut. Rappelvoll war die Veranstaltung, bei der sich ein reger Austausch entwickelte. Neben viel Zuspruch wurde angemerkt, dass die Gegenseite in den Beiträgen oft nicht zu Wort kommt, was genau den Kern der subjektiven Erzählweise trifft und den Zuschauer dazu anregen soll, sich weitergehend selbst zu informieren. Es ist auch Teil des Konzepts, dass die jungen Filmemacher die Möglichkeit haben, ihre Beiträge so umzusetzen, wie sie es für richtig halten. Aber eben auch so, dass sie hohen Standards genügen. „Die Aufgabenverteilung könnte man so beschreiben: Ich setze die Themen und Christian macht sie in der Produktion sexy“, sagt Leiffels und lacht. „Technisch müssen wir uns dabei mit YouTubern messen, das sind ganz andere Bedingungen als im Fernsehen.“

„Andere Formate funktionieren über einen Moderator, unseres über die Reporter, die zudem alle mit persönlicher Handschrift produzieren“, sagt Tipke. „Es ist also im Grunde kein einheitliches Format, jeder hat seinen eigenen Stil.“ Dabei nutzt das Kollektiv die gesamte Bandbreite der Spielwiese Internet sowie alle technischen Möglichkeiten. „Wir organisieren uns per Telefon mit den mobilen Reportern im ganzen Land und arbeiten über weitere Entfernungen digital zusammen, via Hangouts oder Skype. Die Produktion passiert aber in Bremen.“ Und diese Produktionsstätte ist ein wichtiger Faktor des guten Gelingens, das betonen sie immer wieder.

„Die Autoren kommen gerne nach Bremen, das ist mal was anderes“

Bei aller Ernsthaftigkeit ihrer Themen, beim Y-Kollektiv gibt es auch viel zu lachen.

 „Die Autoren kommen gerne nach Bremen, das ist mal was anderes für sie als dort, wo sie sich sonst immer aufhalten. In der Neustadt entsteht so viel, das macht hier unheimlich Bock“, sagt Leiffels. Sein Kompagnon war schon vorher mit der eigenen Videoproduktionsfirma in der Alten Schnapsfabrik ansässig. „Das Umfeld bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten. Wir begreifen die Vernetzung hier als Potenzial, alle Ansässigen verfolgen das Prinzip der offenen Tür“, sagt er. Es sind Kulturschaffende wie Zweifellos.net oder Urban Screen, Agenturen wie Deichblick oder auch Musikproduzenten, die hier ihr Arbeitsumfeld haben. „Zum Beispiel gibt es nebenan ein Tonstudio und Grafiker, eigentlich für alle Disziplinen Ansprechpartner ohne Reibungsverluste. Die Vernetzung in der Neustädter Szene, die sich im Aufschwung befindet, ist ein riesiges, kreatives Potenzial“, fährt Tipke fort. Und: „Die Leute, für die die Filme sind, sitzen im Karton mit am Tisch, wenn wir dort Mittagessen.“

Das Umfeld gehört zu den weichen Faktoren, jedoch gibt es auch die harten Zahlen aus dem Netz. „Im Internet sind wir viel leichter überprüfbar als über TV-Quoten“, merkt Tipke an. „Aber Zahlen sind grundsätzlich erstmal nicht so interessant, wichtiger ist die Quality Time mit den Abonnenten.“ Dabei betreiben sie bewusst kein Clickbaiting, sondern gönnen sich Themen, die andere nicht so angehen und hatten damit auch schon virale Erfolge, wie der 35-Jährige sagt. „Um mit den Dokus auf Dauer erfolgreich zu sein, braucht man einen längeren Atem, als bei der Unterhaltung. Die Inhalte müssen überzeugen“, sagt Leiffels. Und Tipke ergänzt: „Wir müssen immer agil und flexibel sein, das Ganze live mit unseren Nutzern weiterentwickeln.“

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich zur Zukunft des noch so jungen Online-Projekts in seiner schnelllebigen Umgebung keine Prognose abgeben lässt. „Das ganze befindet sich immer in der Entwicklung. Es kann sein, dass die Filme in einem halben Jahr völlig andres aussehen, als jetzt“, sagt Leiffels. Eins steht seiner Ansicht nach jedoch als Ansporn fest: „Auf uns wartet keiner.“

Viele interessante Reportagen und Selbstversuche sind in der Rubrik (R)Ausgehen zu finden. Beispielsweise „Urban Exploring“: Auf der Suche nach „Lost Places“ und Street Art in BremenSelbstversuch: Digital Detox oder Hunger? Was ist das? – Selbstversuch Saftkur.

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