„L‘Epicerie Bio“

Erster Unverpackt-Laden in der Neustadt: „Die Bremer sind bereit“

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Myriam Carneva am Eingang der Neustadt. Hier will sie demnächst ihren Unverpackt-Laden „L‘Epicerie Bio“ eröffnen.

„Hör auf dich zu beschweren und tu was!“ Und sie tat etwas. Um zum Verzicht auf Verpackungsmüll beizutragen, schrieb Myriam Carneva einen Businessplan, startete ein Crowdfunding und möchte im März ihren Unverpackt-Laden „L‘Epicerie Bio“ in der Neustadt eröffnen. Was die Bank dazu sagte und warum es ebenso wichtig wie einfach ist Müll zu vermeiden, verriet die 33-jährige Französin im Gespräch mit nordbuzz.

447 Kilo Müll gingen 2015 in nur einem Jahr auf das Konto jedes Bremers, sagt Myriam und meint: „Das könnten wir problemlos reduzieren.“ Es sei eigentlich so unkompliziert unverpackt einzukaufen wenn – ja wenn – es mehr Läden gäbe, in denen die Kunden lose Waren selbst abfüllen können. „Bisher muss ich für Milchprodukte zum Markt nach Findorff, für Lebensmittel zu SelFair ins Viertel und für Öl, Essig oder Alkohol zu Vom Fass in die Innenstadt“, so die 33-Jährige zum zeitaufwändigen Unterfangen in Bremen dem „Zero Waste“ Gedanken zu folgen. Unsere Großeltern hätten es mit ihren Tante Emma Läden früher schließlich auch hinbekommen, fügt sie hinzu.

„Abgepackte Waren verschwenden Geld und Lebensmittel“ 

„Wir sind heute so daran gewöhnt, alles schnell zu greifen, kaufen regelmäßig zu viel und lassen die Lebensmittel dann zuhause verrotten.“ Doch bei ihrem „L‘Epicerie Bio“ – Tante Emma Laden auf französisch – soll es noch viel mehr geben: Etwa Kosmetik und Haushaltsartikel – Bio und ohne Müll eben. „Abgepackte Waren verschwenden Geld und Lebensmittel“, auf diese Formel bringt Myriam die heutige Konsumgesellschaft und möchte etwas dagegen unternehmen. Für die Umwelt, den Mensch und das gute Gewissen. Obendrein sind einzelne Zutaten, Rezepte und Workshops zum DIY-mixen vorgesehen. Alles abfüllbar in eigene Flaschen und Behälter.

„Hör auf dich zu beschweren und tu was“ 

Myriam stammt aus dem südfranzösischen Avignon, lebte vier Jahre in London und bewarb sich dann als Stewardess. Als sie die Airline in einem Oktober nach Bremen schickte, wollte sie sofort wieder weg. Es war ihr einfach zu kalt. Dann traf sie ihren späteren Ehemann und blieb der Liebe wegen doch in Norddeutschland. Sieben Jahre ist das mittlerweile her. „Zero Waste“ praktiziert sie schon länger, doch als sie die Müllvermeidung 2014 während der Schwangerschaft ausbauen wollte, wurde es ihr zu bunt. Das ständige online bestellen zulasten der CO2-Bilanz fand sie untragbar, in Bremen gab es nicht genug Einkaufsmöglichkeiten. „Hör auf dich zu beschweren und tu was“, sagte ihr Mann.

„Sehr glücklich über den Support“ 

Seit etwa einem Jahr beschäftigt sich Myriam nun mit der Planung, ließ sich beraten und schrieb einen Businessplan. Im Oktober war sie bei der Bremer Aufbau-Bank, BAB. Dort lobte man zwar ihre gute Idee, Geld gab es trotzdem nicht. Stattdessen sollte zunächst ein Crowdfunding zeigen, ob die Bremer bereit für ihren Laden sind. „Die Zeit war knapp, Hilfe gab es keine“, sagt sie. „Ich fühlte mich etwas verloren, tat jedoch mein Bestes.“ Am Montag endet das Crowdfunding und es sieht so aus, als würde das Ziel von 15.000 Euro nicht erreicht. „Vor dem letzten Wochenende der Kampagne stehe ich bei fast 7.000 Euro und bin sehr glücklich über den Support.“ Viel positive Rückmeldung erhielt sie, Glückwünsche und angekündigte Besuche. Wird das Ziel jedoch verfehlt, geht die erreichte Summe zurück an die Unterstützer. Myriam geht dann leer aus.

„Die Leute scheinen geradezu auf ein solches Angebot zu warten“ 

Mit dem für sie dennoch so positiven Ergebnis will sie zurück zur Bank und neu verhandeln. Womöglich wird sie für den Anfang die geplante Kaffee-Ecke aufschieben müssen, doch das umfangreiche Feedback zur Kampagne zeigt, wie viel Rückendeckung es von den Bremern gibt. „Das macht mich glücklich. Die Leute scheinen geradezu auf ein solches Angebot zu warten,“, sagt Myriam und stellt fest: Es gibt einen Markt für Unverpackt-Läden.

„Überrascht, wie kompliziert es am Ende wurde“ 

Manche Banken wollten, dass sie auch verpackte Produkte mit ins Sortiment aufnimmt, doch da blieb sie ihren Prinzipien treu und lehnte ab: lieber kein Geld und unverpackt bleiben! Stets gab es Lob für ihr Konzept, teilweise wurde jedoch einen erfahrenen Partner gefordert. Dass sie in Frankreich in den Bereichen Marketing und Business ausgebildet ist und zehn Jahre verantwortungsvolle Berufserfahrung im Einzelhandel hat, zählt indes wenig. „Ich habe erwartet, dass es nicht leicht wird, war aber überrascht, wie kompliziert es am Ende wurde.“ Als es hieß, die Bremer sind nicht bereit, widersprach Myriam und sagte: „Solange es keine Möglichkeiten gibt, können sie ihre Bereitschaft auch nicht zeigen.“ Deutschlandweit gibt es knapp 50 Unverpackt-Läden und es eröffnen immer mehr.

Ecke Rückertstraße oder etwas anderes, kleineres 

„L‘Epicerie Bio“ will sie auf jeden Fall eröffnen und hofft schon im März gute Nachrichten zu haben. Wenn das Geld am Ende nicht für die anvisierten Räumlichkeiten Ecke Rückertstraße in Sichtweite zum Papp reicht, muss sie sich etwas anderes, kleineres suchen. Obwohl sie mit ihrer Familie inzwischen in Schwachhausen lebt, soll es bei der Neustadt bleiben. Hier war sie als erstes zuhause, als sie nach Bremen kam, wohnte drei Jahre in der Westerstraße und liebte es in der Nachbarschaft einzukaufen. Auch an der geplanten Kinderecke im Laden will Myriam festhalten, denn aus eigener Erfahrung weiß sie: Einkaufen kann stressig werden, wenn die Kleinen überall rumlaufen – ganz nebenbei wächst die nächste Generation inmitten unverpackter Waren auf.

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