Dating-Apps vs. Tanztempel

Wischen statt tanzen: Wie Tinder & Co. unsere Clubkultur kaputt machen

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Wie ich darauf komme, dass Dating-Apps wie Tinder unseren Diskos und Clubs den Garaus machen? Als nordbuzz-Redakteurin beschäftige ich mich täglich mit der Event-Landschaft in Bremen, Oldenburg und umzu. Dadurch bekomme ich automatisch ein Gespür für die Tendenzen in der Party-Szene – und die sehen leider alles andere als rosig aus.

Den früher so beliebten Party-Reihen geht die Luft aus

Das, was ich seit einiger Zeit beobachte, dürfte für manche Clubbetreiber das blanke Grausen bedeuten: Den früher so beliebten Party-Reihen geht scheinbar nach und nach die Luft aus. 

Immer weniger Feierwütige treibt es am Wochenende auf das Parkett der Tanztempel. Unseren Party-Fotografen fällt es zunehmend schwerer, große Fotostrecken zu schießen, weil sie einfach nicht genug Gäste vor die Linse bekommen. Diesen Eindruck bestätigte mir auch ein befreundeter DJ, der in bekannten Bremer Clubs auflegt: Nur noch selten schaffen es Events, dass ihre Gäste vor der Abendkasse der Clubs Schlangestehen, um an begehrte Tickets zu kommen, bevor sie ausverkauft sind. 

Wir trugen die Stempel der Clubs wie Trophäen zur Schau

Doch was hat diesen Wandel ausgelöst? Meine Vermutung: Tinder ist Schuld! Zu meiner „Jugend Maienblüte“ (an diesem Ausdruck merkt man schon, wie alt ich bin) brezelte man sich am Wochenende zusammen mit den besten Freundinnen stundenlang auf um dann mühsam vom Dorf in die Bremer City und ihre Diskos zu kommen. Und das aus dem einen, ziemlich primitiven Grund: Wir wollten Männer kennenlernen. Und zwar andere, als die, mit denen wir die muffige Dorfschule besuchten. Dafür war uns keine Busfahrt zu lang und keine Bestechung der großen Geschwister zu teuer, die uns im Morgengrauen an irgendeiner Haltestelle auflesen mussten. 

Die Eintrittsstempel trugen wir wie Trophäen auf den Handrücken, in der Hoffnung, sie mögen noch am Montag im Matheunterricht für jeden gut sichtbar sein. Klingt traurig? War aber so!

Paarungswillige finden sich per Dating-App – nicht in Clubs

Wer heute auf der Jagt nach „Frischfleisch“ ist, der nimmt nicht mehr die Strapazen einer durchfeierten Partynacht auf sich. Im Gegenteil: Dank der zahlreichen Dating-Apps wie Tinder, brauchen Paarungswillige nicht mal mehr die eigenen vier Wände verlassen. Potentielle Partner werden per Smartphone kennengelernt, Mädels per „Fingerwisch“ aufgerissen – und das in Masse. 

Dafür muss man keinen teuren Eintritt und keine noch teureren Drinks bezahlen, die man dem Objekt der Begierde spendiert, nachdem man für Ewigkeiten lässig am Tresen lehnend die Masse nach brauchbarem „Material“ gescannt hat.

Die Tatsache, dass Facebook nun mit dem eigenen Online-Dating-Angebotnachrüstet, peitscht die Partnersuche im Netz mit Sicherheit zu neuen Höhenflügen voran.

Ist damit das Todesurteil für unserere Clubs unterzeichnet?

Natürlich versuchen sich die Party-Veranstalter und Clubbetreiber gegen den Abwärtstrend aufzubäumen. Viele schließen sich inzwischen zu Netzwerken zusammen, um beliebte Partys im Rotationsprinzip anzubieten und gegebenenfalls an die Bedürfnisse ihrer Kunden anzupassen. Auch haben einige bereits begriffen, dass es nicht reicht, dem Feiervolk jedes Wochenende einen musikalischen Einheitsbrei zu präsentieren, der auch im Konkurrenz-Club nebenan gefunden werden kann. Individualität ist trumpf – ohne dabei so exotisch zu sein, dass sich lediglich eine Handvoll Gäste für das Konzept begeistern lässt. Alles in allem eine große Herausforderung, der sich die Anbieter gegenüber sehen.

Die Verantwortung, unsere Clubkultur zu erhalten, liegt deshalb mehr denn je in unseren eigenen Händen. Und ist es nicht auch viel cooler, seinen Kinder später mal zu berichten, man hätte Mama oder Papa beim Tanzen im Club oder bei einem Live-Konzert kennengelernt als beim Wischen über ein Handy-Display? Ist es nicht spannender, einem Menschen in „freier Wildbahn“ zu begegnen? Seine Emotionen auf dessen Gesicht abzulesen, anstatt sich in missverständlichen Erklärungen und Emojis zu verlieren?

Frei nach dem Motto: „Save a club - go dancing!"

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