Ist das Kunst oder kann das weg?

Shoefiti-Spurensuche: Heimliches Viertel-Wahrzeichen entfernt

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Da hing es noch, das „Shoefiti“ in der Schmidtstraße.

„Ein Stich ins Herz für jedes Viertel-Kind“, findet ein Anwohner. Sie brachten den Sinn des Stadtteils für künstlerische Aktionen zum Ausdruck und waren ein beliebtes Foto-Motiv für Bewohner und Besucher des bunten Bremer Bezirks: die Schuhe auf der Leine in der Schmidtstraße. Bedeutung und Symbolik eines solchen Shoefiti variieren. Zuständige Stellen sind ratlos. Fakt ist: Vor Kurzem wurden die Treter abgehängt. Doch am Wiederaufbau der Guerilla-Aktion wird bereits gearbeitet.

Am Wochenende ereilt die nordbuzz-Redaktion die Nachricht eines Viertel-Bewohners, der anonym bleiben möchte: „In der Schmidtstraße wurden die ganzen Schuhe von der Straßenlampenleitung genommen“, schreibt er.  Und weiter: „Voll der Stich ins Herz für jedes Viertel-Kind.“ Zahlreiche Sneaker hingen dort seit Jahren an den Schnürsenkeln zusammengebunden über der Leitung einer Straßenlaterne. Auf Twitter und Instagram ein beliebtes Foto-Motiv, das Betrachter ins Grübeln bringt: Was steckt hinter den Schuhen auf der Leine und wie sind sie da überhaupt hin gekommen?

Bei Shoefitis – zusammengesetzt aus dem Englischen „shoe“ und „graffiti“ – handelt es sich um ein weltweites Phänomen, sichtbar auch an Ampeln und in Baumkronen mit Ursprüngen in Schottland und den USA. In Bremen wurden solche Straßengirlanden beispielsweise auch in der Friesenstraße, Am Sielwall und in der Neustadt gesichtet. Die Bedeutung des Brauchs kann dabei so vielfältig interpretiert werden, wie die Auswahl der Schuhe selbst: Reviermarkierung, Bandenkriminalität, Gedenken an Todesopfer und Verschollene oder Zeichen verlorener Jungfräulichkeit sind ursprüngliche Ansätze. Bereits 1997 tauchten die hängenden Schuhe im Film „Wag the Dog“ auf. Vielfach ist es inzwischen aber wohl einfach ein Streetart-Trend, genannt „shoetossing“. Eine Art rebellische Performance-Kunst, ähnlich dem „Urban Knitting“, bei dem Gegenstände eingehäkelt werden.

„Passt zur zunehmenden Gentrifizierung“

„Ich weiß nicht, wer damit mal angefangen hat, aber es passt zu unserer Straßenkultur des Viertels und ist irgendwie ja auch eine Art von Kunst“, sagt der Hinweisgeber. „Das sie entfernt wurden passt wiederum zur zunehmenden Gentrifizierung durch Bewohner die das Viertel gerne sauber und leise hätten.“ Auch die „Zeitschrift der Straße“ hat sich bereits auf Spurensuche zu dem Phänomen begeben. Dort wird die berechtigte Frage aufgeworfen: „Bringt man die Schuhe extra mit oder geht man dann barfuß heim?“ 

Der Behörde des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr ist der geschilderte Vorgang indes nicht bekannt. Dort spekuliert man, die swb könnte die Schuhe im Rahmen ihrer Verkehrssicherungspflicht entfernt haben – unklar, ob in Absprache, etwa mit dem Landesamt für Denkmalpflege oder dem Kulturressort. Die swb selbst wollte den Sachverhalt am Montag zunächst intern klären und prüfen, ob Mitarbeiter des Unternehmens an den Maßnahmen beteiligt gewesen sind.

Behörde spekuliert über Trocknungsvorgang für durchnässtes Schuhwerk

Über die Gründe für eine solche Aktion an sich, kann dort nur spekuliert werden – offenbar mit einem gewissen Augenzwinkern. „Zu Schuhen auf Leinen im Viertel sind uns weder Theorien noch Symboliken bekannt. Als praktisch denkendes technisches Bauamt könnten wir uns hinsichtlich der Bedeutung vorstellen, dass es sich hier um einen Trocknungsvorgang für durchnässtes Schuhwerk handelt“, so Martin Stellmann im Auftrag der Stabsstelle der Amtsleitung. Beschwerden seien in seinem Hause genauso wenig bekannt, wie die Verantwortlichen für die Entfernung. „Vielleicht wollten die Eigentümer sie einfach zurückhaben?“ Aus dem Stadtamt gab es am Montag bis Redaktionsschluss keine Reaktion auf eine Anfrage.

Ein mögliches Strafmaß für „Schuh-Schmeißer“ konnte Stellmann nicht einschätzen und mutmaßt über ein mögliches Wurfverbot. Vonseiten der Polizei ist zu hören, dass das Werfen von Schuhen auf städtische Gegenstände eine Ordnungswiedrigkeit darstellt und nach dem Kreiswirtschafts- und Abfallgesetz ein Verwarnungsgeld von 35 Euro droht. 

„Wir haben ungefähr zehn Versuche gebraucht“

Samstagnacht kehrten die ersten Paar Schuhe zurück auf das Kabel. Inzwischen sind weitere hinzugekommen.

Nichts, was den sympathisierenden Hinweisgeber aus dem Viertel abzuhalten scheint. „Wir waren Samstagnacht die Ersten und haben unsere Schuhe wieder raufgeschmissen“, schreibt er und schickt ein Foto mit. „Wir haben ungefähr zehn Versuche gebraucht, mittlerweile hängen schon drei weitere Paare.“ Die Guerillakunst lässt sich offenbar nicht unterkriegen und antwortet umgehend. „Ich freue mich, dass es noch andere gibt, die darüber empört waren und sofort reagiert haben. Es dauert bestimmt nicht lange bis die Leine wieder voll ist.“

Mehr zum Thema Streetart gibt es im Artikel: „Urban Exploring“: Auf der Suche nach „Lost Places“ und Street Art in Bremen.

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