Zehn Minuten Glück

„Gewinne, Gewinne, Gewinne“: Losverkäufer auf dem Bremer Freimarkt – ein Selbstversuch

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„Lose verkaufen auf dem Bremer Freimarkt – das kann ich auch“, habe ich in der Redaktion rumgetönt. „Also wirklich, so schwer kann das ja wohl nicht sein: Viel rumquatschen, den netten Onkel spielen 'Gewinne, Gewinne, Gewinne' rufen und einen auf Verkaufs-Animateur machen. Also bitte, kein Problem.“ Die Kollegen nahmen mich beim Wort und organisierten ohne mein Wissen einen Gastauftritt bei einer dieser fancy Losbuden auf der Bremer Kirmes: Bunt, ein bisschen schrullig und mit dem klangvollen Namen „Hong Kong Spielhölle“. Rund zehn Minuten durfte ich performen. Ich meine: So schlecht habe ich mich nicht angestellt.

Etwas überrascht bin ich schon, als unsere Volontärin Jasmin mir von dem Plan erzählt: Irgendwann im Laufe des Nachmittags gehe es los, sie hätte einen flexiblen Termin vereinbart. Ein Rückzieher ist keine Option und so tausche ich mich eine Stunde später mit Losbuden-Chef Max aus. Seit 50 Jahren verkauft er im Marktschreier-Stil die Tickets zu Fortuna. Freundlich solle ich sein, locker und authentisch – dann klappe das schon. Er überreicht mir das Headset und wünscht viel Glück – wie passend.

Das Standard-Repertoire eines Losverkäufers

Ich hangele mich zunächst am Standard-Repertoire eines Losverkäufers entlang. „Gewinne, Gewinne, Gewinne“, rufen, die Leute mit leicht gesenkter Stimme direkt ansprechen und auf die außergewöhnliche Möglichkeit hinweisen, die fetten Preise (zumeist Plüschtiere) mit nur ein bisschen Glück abstauben zu können. Das Sales-Barometer schlägt zwar noch nicht aus, der große Ansturm der Glücksjäger lässt noch auf sich warten, aber hey: es ist Donnerstagnachmittag – nicht gerade die Prime-Time auf dem Bremer Freimarkt.

„Du da vorne, komm' mal ran hier, junger Mann“

So langsam komme ich in Fahrt, die ersten Kleingewinne laufen ein, es wird. Die Erfahrung, einen Hauptgewinn überreichen und in strahlende Gewinneraugen blicken zu dürfen, bleibt mir aber noch verwehrt. Doch da will ich hin. Vermutlich macht man genau deswegen den Job, darum übt der Aushang „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ noch immer einen gewissen Reiz, wenn nicht sogar Faszination aus – zumindest auf mich. Ich drehe auf (beinahe frei) und schmettere vermeintlich verkaufsfördernde Wortfetzen im Sekundentakt raus. Zumeist platt, aber effektiv: „Lose, Lose, Lose – Ihr müsst mehr Lose kaufen. Du da vorne, komm' mal ran hier, junger Mann. Schon was gewonnen?“ „Nein.“ „Weil Du nicht genug Lose gekauft hast!“ 

Ich ergänze das Feuerwerk der aufgesetzten guten Laune mit einer eher mäßigen Udo-Lindenberg-Interpretation, aber die Leute bleiben stehen, sie kaufen Lose – darum geht’s ja schließlich. Hektisch reißen sie die die Papiertickets auf, stets auf der Suche nach dem fetten Coup, ein bisschen Glück im womöglich tristen Alltag. Und siehe da: Eine Dame kommt auf mich zu, wedelt bereits mit ihrem Schein. „Ein besonderer Gewinn“ steht auf ihrem Los. Bedeutet zwar nicht die freie Auswahl aber zumindest darf sie sich eines der Kuscheltiere aus dem gehobenen Gewinnsegment aussuchen. Der Plüsch-Husky soll es sein. Sie ist glücklich, ich bin es auch – Job done.

Ich bin nicht der gesuchte junge Mann zum Mitreisen

Fazit: Ich bleibe dabei, Lose auf dem Bremer Freimarkt zu verkaufen, ist kein Hexenwerk. Wer ein wenig outgoing und bereit ist, sich ein Stück weit zum Kasper zu machen, sollte gut zurechtkommen. Allerdings habe ich mich nur zehn Minuten im Marktschreien des Glücksbusiness versucht, in Vollzeit ist das gewiss eine ganz andere Geschichte. Insofern habe ich großen Respekt vor Max, der täglich rund zwölf Stunden lautstark abliefert. Auf Dauer wäre das nichts für mich, ich bin nicht der gesuchte junge Mann zum Mitreisen. Allen anderen wünsche ich viel Glück!

nordbuzz-Selbstversuche

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